Die millionenschweren Fluchten vor der Frauenquote in die SE´s

Weil die gesetzlich geplante Frauenquote nicht für Europa-AG´s gelten, könnten manche Konzerne jetzt aus Angst vor Frauen im Aufsichtsrat auf die Idee kommen, noch rasch umzufirmieren.

Die Bundesregierung macht jetzt ernst mit der Frauenquote: der Gesetzentwurf, der Unternehmen wie öffentlichen Dienst in Sachen Geschlechtergleichstellung in den Cheftetagen zur Räson bringen soll, ist 120 Seiten dick. Alle Selbstverpflichtungen der Wirtschaft in den vergangenen zwölf Jahren waren nur in den Schreibtischschubladen gelandet und wurden mitnichten umgesetzt.

Die wichtigsten Folgen: Ab 2015 sollen in den Aufsichtsräten von rund 120 börsennotierten Aktiengesellschaften 30 Prozent Frauen sitzen. Übergangsweise dürfen die Kontrollorgane bleiben wie sie sind, erst bei Neubesetzungen kommt zum Zuge, wer bis dato unterrepräsentiert ist. Wer hiergegen verstößt, muss die Plätze im Aufsichtsrat unbesetzt lassen, so der Entwurf. Ausserdem müssen die Unternehmen berichten, ob sie die Quote erreicht haben oder, falls nicht, welche Gründe das verhinderten.

Wer nicht unter die Frauenquote fallen wird

Nicht betroffen sind von dem geplanten Gesetz jedoch Aktiengesellschaften, die als SE firmieren, als Societas Europae. Zu ihnen zählen beispielsweise Allianz, BASF, Köckner, Eon, MAN, SGL Carbon, Fresenius oder Hannover Rück (siehe Tabelle von Kienbaum Consultants International.

Welche Dax160-Unternehmen sich in SE’s (Societas Europae) umwandelten

Unternehmen Index
1)    Aixtron SE TecDax
2)    Allianz SE DAX30
3)    Axel Springer SE MDAX
4)    BASF SE DAX30
5)    Bilfinger Berger SE MDAX
6)    CANCOM SE TecDax
7)    Deutsche Annington Immobilien SE SDAX
8)    Fresenius SE & Co. KGaA DAX30
9)    FuchsPetrolub SE MDAX
10) E.ON SE DAX30
11) GfK SE SDAX
12) Hannover Rück SE MDAX
13) Klöckner & Co. SE MDAX
14) MAN SE MDAX
15) Nordex SE TecDax
16) PUMA SE SDAX
17) SGL Carbon SE MDAX
18) Surteco SE SDAX
19) Tipp 24 SE SDAX
20) Wacker Neuson SE SDAX

Quelle: Kienbaum Consultants International, Stand:Feburar 2014 (ohne SAP, DAX30)

3500 Unternehmen, von denen etliche völlig unvorbereitet sind

Entscheidend findet Fidar-Präsidentin Monika Schulz-Strelow die Pflicht für über 3500 – entweder börsennotierte oder mitbestimmte – Unternehmen, ihre Planungen für den Frauenanteil in Führungspositionen zu veröffentlichen. „Von denen sind nicht alle auf die Frauenquote vorbereitet“, so die Chefin der Initiative für Frauen in die Aufsichtsräte.  Letztlich gehe doch um die Frage, welche Unternehmenskultur überleben wird und ob ein Unternehmen für Frauen als Arbeitgeber attraktiv bleibt, wenn dort ohnehin keine Frauen an die Spitze kommen.

Monika Schulz-Strelow von Fidar

Monika Schulz-Strelow von Fidar

Wie verhärtet die Fronten bei diesem Thema sind, bekam Schulz-Strelow erst kürzlich glasklar zu spüren: „Bei einer Aufsichtsräte-Tagung schlug mir deutliche Ablehnung entgegen, als ich mit Ex-Metro-Chef Hans-Joachim Körber auf dem Podium diskutierte.“ Er sprach ihr ab, sie dürfe gar nicht mitreden, da sie keine wirtschaftliche Verantwortung trüge. Was nicht einmal stimmt, da Schulz-Strelow in Berlin bereits acht Jahre lang ein Unternehmen geführt hat – mit Erfolg.

Ob manche Aktiengesellschaften die Frauenquote so sehr fürchten, dass sie sich lieber in die Rechtsform der SE flüchten? Schulz-Strelow glaubt daran nicht, auch in Norwegen habe damals kein  Unternehmen wegen der Frauenquote so gehandelt.

Flucht vor der Quote in die SE

Das sieht Barbara Mayer, Expertin für Gesellschaftsrecht und Partnerin bei Friedrich Graf von Westphalen & Partner anders: „Manche Aktiengesellschaft wird sich nun in eine SE umwandeln“, erwartet die Freiburgerin. „Denn wer die Frauenquote partout ablehnt, der wird nach Wegen suchen, sie zu umgehen.“ Keiner wird’s offen zugeben – um nicht den eigenen Anstrengungen des Personalmarketings zu konterkarieren. Deshalb wird als offizielle Begründung etwas anderes herhalten müssen wie etwa das internationale Renommee, so die Top-Anwältin.

Barbara Mayer, Partnerin bei Friedrich Graf von Westphalen & Partner

Barbara Mayer, Partnerin bei Friedrich Graf von Westphalen & Partner

„Vermutlich wird kein Unternehmen allein wegen der Frauenquote den Aufwand der Umwandlung in die SE auf sich nehmen, aber die Quote könnte ein Argument neben den anderen sein“, mutmaßt Mayer. Denn: SE´s haben noch andere Vorteile: Sie dürfen mit einem Board als Unternehmensspitze arbeiten – ohne die typisch deutsche Aufspaltung in Aufsichtsrat und Vorstand. Das deutsche Mitbestimmungsrecht gilt für SE´s nicht; stattdessen wird der Umfang der Arbeitnehmermitbestimmung zwischen Anteilseignern und Belegschaft ausgehandelt. Und SE’s können frei bestimmen, wie viele Aufsichtsräte sie haben wollen.

SE-Umwandlungen dauern meistens ein Jahr

Ob die Unternehmen, die tatsächlich lieber umfirmieren als eine Frauenquote erfüllen zu müssen, es noch vor 2016 schaffen? Die SE-Umwandlung dauert, wenn es schnell geht, zehn bis zwölf Monate, sagt Anwältin Mayer. Am meisten Zeit kosten die Verhandlungen mit den Betriebsräten: „Sechs Monate dauern allein die Verhandlungen mit den Arbeitnehmer-Vertretern über die Arbeitnehmerbeteiligung“, erläutert sie.
SE-Umwandlungen gehen bei Konzernen in die Millionen

Wie teuer Unternehmen solch eine SE-Umwandlung zu stehen kommt? Bei SAP sollen diese Umwandlungskosten vier Millionen nach Schätzungen ausmachen und sie wurde gerade erst im Mai beschlossen. Laut dem Bericht der EU-Kommission über die Funktionsweise der SE vom 19. November 2010 lagen die Kosten für SE-Gründungen – samt Steuern und Rechtsberatungs- sowie Übersetzungs- und Registrierungskosten – in einer Spanne von 100.000 Euro und zwei bis vier Millionen Euro, im Durchschnitt demnach bei 784.000 Euro (ohne Allianz und BASF). „Mittelständische Unternehmen kostet eine SE-Umwandlung zwischen 100.000 und 500.000 Euro“, so Mayers Erfahrung.
Bei diesen Berechnungen blieben zwei Konzerne aussen vor: Die Allianz als absoluter Ausreißer nach oben mit 95 Millionen Euro und auch die der BASF mit fünf Millionen Euro. Für die Allianz zahlt sich die Umwandlung der Rechtsform in eine Europa-AG (SE) aus. Ihr CEO Michael Diekmann sagte dazu in einem Interview: „Wir haben durch sie beim Auskauf der Minderheitsaktionäre unserer italienischen Tochter RAS bis zu einer Milliarde Euro gespart.“

Zu wenig Frauen – eine Mär

„Dass es nicht genug Frauen gibt, halte ich für falsch“, sagt Mayer. Zum einen gebe genug Professorinnen, Beraterinnen und Politikerinnen, die fachlich hoch qualifiziert sind. Und zum anderen gibt es genug Männer in Aufsichtsräten, die niemals zuvor ein Dax-Unternehmen als Vorstand geführt hätten: EX-FDP-Generalsekretär Patrick Döring bei der Deutschen Bahn,  Ex-Politiker Friedrich Merz bei der Deutschen Börse oder der Axa Versicherung,  der Sozialpädagoge Tobias Merckle bei Heidelberg Cement, Rechtsanwalt Wilhelm Haarmann bei SAP oder der Schwimmer Alexander Popow bei Adidas seien nur einige. „Und die zeigen, dass es auch ausserhalb der DAX-Vorstände Leute gibt, die gute, kritische Aufseher sind,“ so Mayer weiter.

Die aktuellen Besetzungen mit Frauen in den Dax-Aufsichtsräten steht im Woman-on-Board-Index:  http://www.fidar.de/wob-index/aufsichtsrat-und-vorstand.html

Zur SE / Europa-AG: https://de.wikipedia.org/wiki/Societas_Europaea

Barbara Mayer über Vorurteile bei der Frauenquoten-Diskussion: http://blog.wiwo.de/management/2013/11/25/unfahige-goldrockchen-statt-hochqualifizierter-manner-was-fur-ein-quatsch-top-juristin-barbara-mayer-raumt-mit-vorurteilen-der-frauenquote-diskussion-auf/

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