Keiner sagt´s, aber alle erwarten´s – unausgesprochen: dass Mittelmanager rund um die Uhr an der langen Handy-Leine laufen

Der interessante Punkt ist das Unausgesprochene: Fast nie sagt ein Top-Manager zu seinen Abteilungsleitern und ähnlichen nachgeordneten Führungskräften, sie sollten abends, am Wochenende und im Urlaub auf Empfang bleiben – via Handy. Trotzdem sind – im vorauseilenden Gehorsam – 90 Prozent dieser Mittelmanager am Feierabend für ihre Company erreichbar. Am Wochenende sind es 70 Prozent und im Urlaub immer noch 58 Prozent. Das ergab die Umfrage des Berufsverbands Die Führungskräfte (DFK) unter rund 1000 Mittelmanagern. Denn, so meinen 64 Prozent der Befragten, das erwarte man von ihnen.

„Offensichtlich funktioniert das auch ohne Absprache im Sinne der Unternehmen. Hier ist insbesondere die Eigenverantwortung der Führungskräfte gefragt. Die Führungsaufgabe kann es durchaus erfordern, auch in der Freizeit erreichbar zu bleiben. Das kann aber keine Dauerlösung und kein Dauerzustand sein. Auch für Führungskräfte gibt es keine Verpflichtung zu ständiger und unbeschränkter Verfügbarkeit“, kritisiert Ulrich Goldschmidt, Chef des DFK

Der Preis ist die Gesundheit

Um welchen Preis? 66 Prozent der Mittelmanager denken, das gehe auf Kosten ihrer Gesundheit. Abschalten ist nicht mehr drin, die Arbeit wird zur Dauerbeschäftigung. Ganz abgesehen von den anderen Arbeitsbedingungen wie Großraumbüros, die parallel dazu angeblich modern und kommunikativ, aber tatsächlich körperlich höchst anstrengend für die Belegschaft geworden sind.

Interessant ist die Frage, wie die Unternehmen auf dieses Dilemma reagieren. Die reagieren nämlich gar nicht, jedenfalls zu 81 Prozent.

 

Verschlankung der Unternehmen bei permanenter Selbst-Überlastung

Da drängt sich doch eine Frage auf: Haben die vielen Restrukturierungen, Entlassungsrunden, Verschlankungen, Nicht-Wieder-Besetzungen, Frühverrentungen, vermeintliche Gesundschrumpfungen und angeblich sozialverträgliche Entlassungen der vergangenen 15 Jahre vor allem dazu geführt, dass die verbliebenen Mitarbeiter sich permanent selbst überlasten – auch via Handy, Blackberry, Android oder womit auch immer? Denn gerade bei den Blackberrys & Co. ist der Manager ja nicht nur telefonisch erreichbar.

 

Sechs und mehr Kanäle der Erreichbarkeit auf dem Dienst-Handy

Vielmehr kann man Faxe bekommen, Mails und SMSe und inzwischen ja auch Whattapps und dergleichen mehr. Selbst über Facebook werden heute dienstliche Infos und Mitteilungen geschickt, ganz zu schweigen vom Nachrichtenkanal Twitter. Und an die sechs Einflugschneisen immer im Blick zu haben ist deutlich mehr, als nur per Handy in Rufbereitschaft zu sein. Denn klar ist auch: Mögen die Deutschen auch schlafen gehen, so kommen ja zu nachtschlafender Zeit die Mails der Geschäftspartner, Kunden und Ex-Pats undsoweiter aus den Vereinigten Staaten und anderen Ländern mit Zeitverschiebungen.

 

Gibt´s überhaupt noch richtige Stellvertreter?

Denn klar ist auch: Früher hatte auch ein Mittelmanager einen Stellvertreter, der in Abwesenheitszeiten des Chefs zumindest erste Regelungen treffen und seinen Vorgesetzten entlasten konnte.  Dem ist heute nicht mehr so und schon gar kein Stellvertreter darf umfassend an all die Einflugschneisen seines Vorgesetzten, um ihn tatsächlich vertreten zu können. Dazu hat er auch vermutlich keine Zeit. Eher versucht eine mehr oder weniger macht- wie hilflose Assistentin Wichtiges von Warten-Könnendem und weniger Wichtiges voneinander zu trennen und informiert dann ihren Chef in Portugal oder sonstwo im Urlaub.

 

„Ich lese meine Mails nur unregelmässig“

Achten Sie mal drauf, wie die automatischen Abwesenheitsmeldungen heute formuliert sind. Meist heisst es da für die fragliche Zeit, „ich lese meine Mails nur unregelmässig“.

Das ist dann der Luxus des Urlaubs – zu lesen, wann man mag und wann es die Familie erlaubt.

 

 

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Alle Kommentare [1]

  1. Sie hätten noch hinzufügen müssen, dass diese unausgesprochenen Anforderungen auf ein erheblichen Mangel an Führungsfähigkeit der übergeordneten Ebene beruht. Viele Leidgeprüfte werden bestätigen können, dass es „solche“ und „solche“ Vorgesetzten gibt. Der eine ruft nur an, wenn die Fabrikhalle brennt und der andere, weil er nicht in der Lage war, mal 2 Tage im Voraus zu planen, selber was sinnvolles zu tun oder weil er gerne seine Mitarbeiter quält. Für die mobilen Geräte gibt es immer noch das Funkloch.