Eine Zigarre mit Thomas Klindt

Die Lieblingszigarre von Thomas Klindt: Perdomo Reserve, Torpedo

Wenn Thomas Klindt „nein“ meint, so absolut und nicht mehr verhandelbar, dann sagt er „auf gar keinen Fall“. Daran erkennt man auch gleich, dass er ein Westfale ist – unbeirrbar, denn vom „sturem Westfalen“ mag der Partner bei Noerr LLP und Experte für Produktrückrufe nichts hören.

Und so bestand Klindt darauf, nicht etwa einen Teller irgendwas mit mir zu essen, sondern lieber bei einer Zigarre zu plaudern. Eigens aus München angereist trafen wir uns im Düsseldorfer Hyatt an der Hafenspitze, denn von dem wussten wir sicher, dass es eine richtige Raucherlounge hat. Jene soll abends gerammelt voll sein, mittags ist sie es jedenfalls  nicht. Und praktischerweise ist es gleich nebenan beim – noch relativ neuen – Düsseldorfer Büro von Noerr.  Zum Glück gab´s aber wenigstens eine Vorspeise, Klindt nahm Lachs mit rote Beete.  Was spontan nach einer wilden Mischung klang, schmeckte dem Wahl-Müncher prima, O-Ton: „Ich finde, rote Beete wird unterschätzt.“

Sein entschlossener Gang und seine Schnelligkeit erklären sich womöglich durch sein Hobby Karate. Mit seiner klartextigen Art erzählt Klindt dann von Mandanten, die sich nicht vorstellen können, dass es in Rußland oder der Ukraine strengere Sicherheitsvorschriften für Produkte  geben könnte, als die EU sie vorschreibt. Die werden dann etwas blass um die Nase und kommen hektisch ins Grübeln, wohin sie überall exportieren und gegen wessen – strengere – Sicherheitsvorschriften sie möglicherweise verstossen könnten. „Liegen erst mal zwei Tote da, lernt man das ganz schnell – soll das aber dann einem russischen Staatsanwalt erklären.“

 

Wie Klindt auf so ein Spezialgebiet wir Produktrückrufe verfallen ist? Denn damit beschäftigt er sich heute zu 90 Prozent seiner Arbeitszeit. Die Lösung ist in seiner Studentenzeit zu finden, ein Zufall kam dazu.Er promovierte in Münster über das Exotenthema CE-Kennzeichen. Und dazu kam er, weil seine Studentenbude gegenüber einer Riesenbaustelle lag. „Morgens um vier Uhr ging der Baulärm los und ich stand senkrecht im Bett“, erinnert er sich. Und deshalb begann er Ideen zu sammeln, wie man den Baulärm bekämpfen könne. Er dachte, er schriebe eine Dissertation über Immissionsschutzrecht, tatsächlich wurde es eine leisere Baumaschinen. Und weil er in Münster hängen geblieben war und anschließend bei einer großen Ostwestfälischen Kanzlei in Paderborn seine Karriere startete, musste er sich nach seinem Rigorosum von Professor Großfeld frotzeln lassen: „Sie sind mir der richtige Europarechtler. Studieren in Münster, gehen dann nur bis Paderborn und verlassen die westfälische Scholle nicht.“

Geschadet hat´s der Vita nicht, seit acht Jahren ist Klindt jetzt bei Noerr und geht – das hört man selten in so einem Brustton der Überzeugung – „jeden Tag gerne zur Arbeit“.  Und da der dreifache Vater so oft unterwegs ist, macht er etwas, was die wenigsten Anwälte tun: er nimmt öfter die ganze family kurzerhand mit.

 

Produktrückruf-Experte Thomas Klindt, Professor und Partner bei Noerr LLP

An die Zeit bei den westfälischen Bauern, die er etwa in Enteignungsverfahren vertrat, erinnert ihn heute ein großer weißer Lumibär in seinem Büro. Jener Plastik-Riesengummibär mit einer Glühbirne in seinem Inneren, die früher in vielen Kinderzimmern stand. Flötotto hatte dieses Kultprodukt designed und gebaut – als Lampe, für den Hersteller keine Frage. Doch die Behörden sahen das ganz anders, nämlich als Kinderspielzeug und damit als Sicherheitsrisiko. Das Verwaltungsgericht Minden schlug sich aber auf die Seite von Flötotto – und das war der auslösende Moment, „der Startschuss“ für Klindts Spezialisierung: „Auch andere industrielle Hersteller müssen doch nicht wehrlos gegen behördliche Produktsicherheitsrügen dastehen.“

Und dann kann es bitter werden: Wie erklärt man seiner Bank diesen Konflikt? Insbesondere wenn die Behörden womöglich ein Vertriebsverbot verhängen. Drei Maßnahmen kommen dann für die Ämter infrage: das Produkt verbieten, deren Rückruf anordnen und die Öffentlichkeit vor den Produkten warnen. Dann bekommen die Mitarbeiter Urlaubssperre – und die Geschäftsführer sollten sich auch nicht vom Fleck rühren.

Immerhin kann es sehr gefährlich werden: Ein Herzschrittmacher mit einem eingebauten Fehler, hoch allergieauslösende Kleidung oder Kondome in Serie mit Loch. Dann geraten die Hersteller zu Recht in Panik in Anbetracht der Ansteckungsfeahr mit HIV. Im Schnitt kommt Klindt auf einen Rückruf pro Woche – die meisten dürften unbemerkt von der Öffentlichkeit geschehen.

Ulkigerweise reagieren die Produzenten immer gleich, beobachtet Klindt auch noch nach Jahren:

Erstens ist jeder unvorbereitet auf den Produktrückruf-Fall – für eine gute PR-Abteilung spricht das nicht. Und zweitens glauben sie, ihr Produkt wäre ganz toll – auch wenn es tatsächlich brandgefährlich ist.

Dann nämlich beginnt das Problem, beschreibt Klindt: „Der Hersteller muss schlecht über sein Produkt reden und das besonders gut.“

 

Räucherlachs mit rote Beete im Hyatt in Düsseldorfer an der Hafenspitze

 

Im Nachgang  schickte Klindt denn auch noch den Beweis für seine Erzählung vom Lumibär-Prozess – und beweist damit so nebenbei noch etwas ganz anderes: Dass es bei Noerr offenbar in Ordnung ist, so etwas in seinem Büro zu beherbergen. Etwas, was man auch als Spielzeug ansehen kann und bei einer clean-desk-philosophy nicht sein dürfte. Und dass man bei Noerr offenbar Individualität bewahren und auch zeigen darf – was bei Kanzleien, deren Anwälte in den modernen Glaskästen arbeiten müssen, eher nicht so sein dürfte.

 

 

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