{"id":7526,"date":"2012-05-31T08:03:43","date_gmt":"2012-05-31T06:03:43","guid":{"rendered":"https:\/\/blog.wiwo.de\/look-at-it\/?p=7526"},"modified":"2014-04-30T15:30:56","modified_gmt":"2014-04-30T13:30:56","slug":"nachgehakt-wie-steht-es-um-den-radikalen-stellenabbau-bei-ibm-in-deutschland","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.wiwo.de\/look-at-it\/2012\/05\/31\/nachgehakt-wie-steht-es-um-den-radikalen-stellenabbau-bei-ibm-in-deutschland\/","title":{"rendered":"Nachgehakt: Wie steht es um den radikalen Stellenabbau bei IBM in Deutschland?"},"content":{"rendered":"<p><strong>Anfang Februar machten geradezu dramatisch klingende Berichte \u00fcber massive Stellenabbaupl\u00e4ne von Big Blue in Deutschland die Runde. Seitdem ist&#8217;s auff\u00e4llig ruhig um IBM geworden. Eine Spurensuche.<\/strong><\/p>\n<p>Anfang Februar macht das &#8222;Handelsblatt&#8220; mit einer Exklusiv-Geschichte auf: &#8222;IBM baut in Deutschland tausende Stellen ab&#8220;, prangt da &#8211; quasi bereits als Tatsache verk\u00fcndet &#8211; in gro\u00dfen Lettern auf Seite eins. Im Vorspann wird die Aussage dann zumindest durch einen Konjunktiv relativiert; dennoch k\u00f6nnten <a href=\"https:\/\/www.handelsblatt.com\/unternehmen\/it-medien\/schrumpfkurs-ibm-baut-in-deutschland-tausende-stellen-ab-seite-all\/6135510-all.html\" target=\"_blank\">laut des Berichts &#8222;bis zu 8000 Stellen gestrichen werden&#8220;<\/a>.<\/p>\n<p>Einen Tag sp\u00e4ter legen die Kollegen (Hinweis: &#8222;Handelsblatt&#8220; und &#8222;WirtschaftsWoche&#8220; erscheinen im selben Verlag) dann mit einer weiteren Geschichte nach: &#8222;Deutsche IBM-Belegschaft in Aufruhr&#8220;, so die neuerliche Schlagzeile &#8211; was angesichts der am Vortag ver\u00f6ffentlichten Zahlen freilich nicht weiter verwundert: <a href=\"https:\/\/www.handelsblatt.com\/unternehmen\/it-medien\/abbauplaene-deutsche-ibm-belegschaft-in-aufruhr\/6140612.html\" target=\"_blank\">8000 von rund 20.000 Stellen entspr\u00e4chen n\u00e4mlich rund 40 Prozent der Belegschaft in Deutschland<\/a>.<\/p>\n<p style=\"text-align: center\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter  wp-image-7537\" style=\"border: 0px\" alt=\"\" src=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/look-at-it\/files\/2012\/05\/IBM.jpg\" width=\"236\" height=\"93\" srcset=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/look-at-it\/files\/2012\/05\/IBM.jpg 328w, https:\/\/blog.wiwo.de\/look-at-it\/files\/2012\/05\/IBM-300x117.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 236px) 100vw, 236px\" \/><\/p>\n<p>Und schlie\u00dflich bringt am Montag darauf auch noch der &#8222;Spiegel&#8220; eine Story zu den vermeintlichen oder tats\u00e4chlichen Umbaupl\u00e4nen bei IBM. Der Tenor aller drei Geschichten: Der US-Konzern plane einen <a href=\"https:\/\/www.spiegel.de\/spiegel\/print\/d-83865244.html\" target=\"_blank\">radikalen Umbau seiner Belegschaft und wolle k\u00fcnftig vor allem auf freie Mitarbeiter statt auf Festangestellte setzen<\/a>. Intern hei\u00dfe das Programm &#8222;Liquid&#8220;, dem \u00fcber kurz oder lang Arbeitspl\u00e4tze zum Opfer fallen sollen &#8211; und irgendwie kommen angebliche Insider dann auf 8000 Stellen, eine runde und eben auch bedrohliche Zahl.<\/p>\n<p>Ich bin der Sache seinerzeit auch nachgegangen, klar. Schlie\u00dflich w\u00e4re die Story &#8211; so sie denn zutr\u00e4fe &#8211; tats\u00e4chlich ohne Vorbild in der deutschen Unternehmenslandschaft. Zun\u00e4chst f\u00e4llt auf, dass gro\u00dfe Teile der beiden Hauptgeschichten \u00fcber den angeblichen Umbau des Unternehmens bereits im Dezember 2011 in einer Zeitschrift der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi f\u00fcr den IBM-Konzern skizziert wurden: &#8222;Generation Open&#8220; hei\u00dft es da auf dem Titel, das &#8222;Open&#8220; aber durch ein &#8222;Out&#8220; \u00fcberspr\u00fcht &#8211; und im Untertext: &#8222;Achtung Ver\u00e4nderung: IBM wird offen und fl\u00fcssig&#8220; (das <a href=\"https:\/\/www.ich-bin-mehr-wert.de\/w\/files\/ibm\/verdiatibmweb-201112.pdf\" target=\"_blank\">PDF jener Ausgabe von &#8222;Verdi @ IBM&#8220; gibt&#8217;s hier<\/a>).<\/p>\n<p><strong>Verdi-Gewerkschaftszeitung als Ursprung<\/strong><\/p>\n<p>Der Ursprung der Geschichten ist also offenbar die Gewerkschaft Verdi &#8211; was nicht weiter verwundert: W\u00fcrde tats\u00e4chlich ein Gro\u00dfteil der Arbeit bei IBM k\u00fcnftig von freien statt festangestellten Mitarbeitern verrichtet, w\u00e4re das ein Frontalangriff auf die eigene Klientel. Und dagegen wollen die Gewerkschafter eben fr\u00fchzeitig angehen, so scheint es. Auf meine Nachfrage, wie konkret die Pl\u00e4ne seien, hei\u00dft es dann bei Verdi in Stuttgart allerdings, dass keine &#8222;unmittelbaren Ma\u00dfnahmen&#8220; bevor st\u00fcnden, es auch keinerlei konkrete Dinge wie etwa das Ausarbeiten von Sozialpl\u00e4nen gebe.<\/p>\n<p>Woher r\u00fchren die vermeldeten 8000 gef\u00e4hrdeten Stellen dann? Laut &#8222;Handelsblatt&#8220; h\u00e4tten dies &#8222;Mitglieder der obersten F\u00fchrungsgremien der deutschen IBM&#8220; gegen\u00fcber der Zeitung best\u00e4tigt. Meine eigenen Recherchen bleiben indes ergebnislos; und auch IBM selbst wirft seinerzeit nur Nebelkerzen &#8211; bestenfalls. Statt die Geschichte entweder hart zu dementieren oder mit eigenen Details f\u00fcr Aufkl\u00e4rung zu sorgen, verbreitet das Unternehmen lapidar: &#8222;IBM kommentiert nicht die Echtheit angeblich nach au\u00dfen gesickerter Dokumente&#8220;, verbunden mit einem nichtssagenden Statement im besten PR-Sprech (<a href=\"https:\/\/michaelkroker.tumblr.com\/post\/44285450109\/ibm-statement-zu-geschichten-in-handelsblatt\" target=\"_blank\">komplett als Tumblr-Kopie hier<\/a>).<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-7552\" style=\"margin-right: 10px;margin-bottom: 5px;border: 0px\" alt=\"\" src=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/look-at-it\/files\/2012\/05\/IBM_Koederitz.jpg\" width=\"159\" height=\"180\" \/><\/p>\n<p>Hinter vorgehaltener Hand hei\u00dft es damals bei IBM in Ehningen, man h\u00e4nge an der kurzen Leine der US-Zentrale, die das Thema kleinhalten wolle. Das freilich gelingt nicht. Erst einen Monat sp\u00e4ter, Anfang M\u00e4rz, dementiert IBM-Deutschland-Chefin Martina Koederitz die Pl\u00e4ne: &#8222;Sie sind spekulativ, aus der Luft gegriffen und stehen in keinster Weise im Verh\u00e4ltnis zu dem, was wir nat\u00fcrlicherweise an Ver\u00e4nderungen in unserer Belegschaft haben&#8220;, so <a href=\"https:\/\/www.derwesten.de\/nachrichten\/koederitz-kein-flaechendeckender-stellenabbau-bei-ibm-deutschland-id6416552.html\" target=\"_blank\">Koederitz gegen\u00fcber der Nachrichtenagentur dapd<\/a>.<\/p>\n<p>Und was ist seitdem passiert? Nichts, aber auch rein gar nichts. Auf erneute Nachfrage bei der Gewerkschaft Verdi in Stuttgart hei\u00dft es blo\u00df, es bleibe bei den bereits im Februar get\u00e4tigten Aussagen. Auf gut Deutsch: Es gibt keine konkreten Ma\u00dfnahmen, keine Sozialpl\u00e4ne oder \u00e4hnliches &#8211; aber weiterhin die Angst vor einem tiefgreifenden Umbau der hiesigen Belegschaft. Schlie\u00dflich gebe des das Projekt &#8222;Liquid&#8220; ja offiziell bei IBM; es verf\u00fcge sogar \u00fcber eine <a href=\"https:\/\/www.facebook.com\/BeLiquid\" target=\"_blank\">eigene Facebook-Seite namens &#8222;BeLiquid&#8220;<\/a>.<\/p>\n<p><strong>Grundlegende Ver\u00e4nderungen in der Arbeitswelt<\/strong><\/p>\n<p>In der IBM-Deutschlandzentrale in Ehingen bei Stuttgart steht man auch heute weiterhin zu dem Dementi von Koederitz, es existierten keinerlei Abbaupl\u00e4ne. Gleichzeitig gebe es in den n\u00e4chsten Jahrzehnten objektivierbare und grundlegende Ver\u00e4nderungen innerhalb der Arbeitswelt, sei es durch das Internet und die weltweite Mobilit\u00e4t, sei es durch den demographischen Wandel. Weil aber dieser Wandel stets nur im Zusammenhang mit m\u00f6glichem Stellenabbau und Arbeitsplatzverlusten betrachtet werde, scheue die deutsche Gesellschaft eine offene Diskussion.<\/p>\n<p>Und die Quintessenz der Geschichte? Viel L\u00e4rm um nichts, m\u00f6chte man meinen. Oder gibt es Informationen, welche die gewerkschaftlichen Spekulationen um IBM doch noch in einem realen Licht erscheinen lassen? Und wie sch\u00e4tzen Sie die Ver\u00e4nderungen in der Arbeitswelt in den kommenden Jahrzehnten ein?<\/p>\n<p><strong>Verwandte Artikel:<\/strong><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/look-at-it\/2012\/05\/25\/wie-hp-chefin-whitman-ihren-mitarbeiter-die-anstehenden-massenentlassungen-erlautert\/\" target=\"_blank\">Wie HP-Chefin Whitman intern die Massenentlassungen erl\u00e4utert<\/a>\u00a0(Mai 2012)<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/look-at-it\/2011\/09\/22\/intrigantenstadl-hewlett-packard\/\" target=\"_blank\">Willkommen im Intrigantenstadl Hewlett-Packard<\/a>\u00a0(September 2011)<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/look-at-it\/2011\/09\/09\/chaostage-hewlett-packard\/\">Chaostage bei Hewlett-Packard<\/a>\u00a0(September 2011)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Anfang Februar machten geradezu dramatisch klingende Berichte \u00fcber massive Stellenabbaupl\u00e4ne von Big Blue in Deutschland die Runde. 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