{"id":457,"date":"2010-03-05T09:59:53","date_gmt":"2010-03-05T08:59:53","guid":{"rendered":"http:\/\/www.wiwo.de\/blogs\/look-at-it\/?p=457"},"modified":"2012-01-06T13:44:22","modified_gmt":"2012-01-06T12:44:22","slug":"august-wilhelm-scheer-und-der-bitkom","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.wiwo.de\/look-at-it\/2010\/03\/05\/august-wilhelm-scheer-und-der-bitkom\/","title":{"rendered":"August-Wilhelm Scheer und der Bitkom\u2013das letzte Refugium des Patriarchats?!"},"content":{"rendered":"<p>Ich bin Mittwochabend von der IT-Messe CeBIT zur\u00fcckgekommen und finde nun endlich Zeit dazu, etwas aufzuschreiben, das mir seit Montag auf den N\u00e4geln brennt. Denn ich \u00e4rgere mich. Sehr sogar. Und zwar \u00fcber eine Gedankenlosigkeit &#8211; um nicht zu sagen Dummheit &#8211; die ich in jener Form nun doch nicht erwartet hatte.<\/p>\n<p>Es ist Montag gegen Mittag auf der CeBIT. Der <a href=\"https:\/\/www.bitkom.org\" target=\"_blank\">ITK-Branchenverband Bitkom<\/a> h\u00e4lt seine traditionelle Jahrespressekonferenz, in der es vor allem um die Wachstumsaussichten f\u00fcr Informationstechnologie und Telekommunikation im laufenden Jahr geht. Geleitet wird die Veranstaltung von Bitkom-Pr\u00e4sident August-Wilhelm Scheer, vor allem bekannt als verdienstvoller Unternehmensgr\u00fcnder (die Mitte 2009 von der <a href=\"https:\/\/www.softwareag.de\" target=\"_blank\">Software AG<\/a> aufgekaufte <a href=\"https:\/\/www.ids-scheer.de\/\" target=\"_blank\">IDS Scheer<\/a>) und emeritierter Universit\u00e4tsprofessor (Institut f\u00fcr Wirtschaftsinformatik an der Uni Saarbr\u00fccken).<\/p>\n<p>Gegen Ende der Pr\u00e4sentation &#8211; es geht um den Nachwuchsmangel in der IT-Branche &#8211; moniert Scheer, die von ihm vertretene Branche habe bei j\u00fcngeren Leuten ein Imageproblem: \u201eIm Gegensatz zu Autos, die man anpacken kann, ist die IT halt nicht so sexy&#8220;, so Scheer. Sexy vielleicht nicht, aber sexistisch? Scheer erl\u00e4utert, \u00fcberdies studierten zu wenig Frauen IT-bezogene F\u00e4cher. Und l\u00e4sst sich zu folgender Bemerkung hinrei\u00dfen &#8211; mit einem Augenzwinkern zwar, aber bestenfalls einem leichten: \u201eAber vielleicht n\u00fctzt es ja auch gar nichts, dass unsere Industrie sich bei M\u00e4dchen gro\u00df ins Zeug legt, weil sie an Technologie ohnehin nicht so interessiert sind &#8211; das jedenfalls meinen Hirnforscher.&#8220;<\/p>\n<p><strong>Keinerlei Nachhaken im 99 Prozent m\u00e4nnlichen Auditorium<\/strong><\/p>\n<p>Im ersten Moment denke ich, ich h\u00e4tte mich verh\u00f6rt. Aber offenbar bin ich der einzige, der sich wundert. Irgendwelche Missfallensbekundungen bei den Anwesenden &#8211; Fehlanzeige. Vielleicht liegt es ja schlicht daran, dass das Auditorium eine M\u00e4nnerquote von gesch\u00e4tzt 99 Prozent hat und <a href=\"https:\/\/www.wiwo.de\/technik-wissen\/muede-cebit-eroeffnung-zeigt-probleme-der-it-branche-auf-423761\/\" target=\"_blank\">der Altersdurchschnitt bei 35+ Jahren liegt<\/a>. Jedenfalls gibt&#8217;s auch in der anschlie\u00dfenden Frage- und Antwort-Runde kein einziges Nachhaken zu Scheers &#8211; vorsichtig ausgedr\u00fcckt &#8211; abenteuerlicher Bemerkung. Mich freilich juckt&#8217;s in den Fingern. So frage ich nach dem Ende der Pressekonferenz &#8211; Scheer wird derweil von Radiokollegen interviewt &#8211; bei den Bitkom-Pressem\u00e4nnlein nach, was denn ihren Chef da gerade geritten habe. Doch ich ernte nur Achselzucken, frei nach dem Motto: \u201eWieso, stimmt doch, dass M\u00e4dchen lieber mit Puppen und Jungs lieber mit Autos spielen.&#8220;<\/p>\n<p>Aha, so also die Denke bei M\u00e4nnern aus der IT-Branchen in Deutschland &#8211; im Jahr 2010. Ich gehe weiter, frage Scheer pers\u00f6nlich, ob er jenen Ausspruch ernst gemeint habe. Doch der 68-J\u00e4hrige rudert bestenfalls halbherzig zur\u00fcck: \u201eDas sage ja nicht ich, sondern Wissenschaftler wie etwa Gerald H\u00fcther.&#8220; Jener arbeitet als Professor f\u00fcr Hirnforscher und Neurobiologe an der Universit\u00e4t G\u00f6ttingen. H\u00fcther habe, so Scheer, in seinem Buch \u201eM\u00e4nner &#8211; Das schwache Geschlecht und sein Gehirn&#8220; dargelegt, dass das Gehirn des Mannes aufgrund des Testosterons anders strukturiert sei als bei Frauen. Daher r\u00fchrten eben auch Unterschiede, etwa dass M\u00e4nner sich mehr f\u00fcr Technik interessierten als Frauen. Scheer: \u201eDie Hightech-Welt ist so was wie der Bastelraum des modernen Mannes.&#8220; Auch auf erneutes Nachhaken distanziert sich Scheer nicht klar von solchen Positionen, sondern konstatiert blo\u00df, dass Genforscher diese Zusammenh\u00e4nge nat\u00fcrlich \u201eetwas anders&#8220; s\u00e4hen.<\/p>\n<p><strong>St\u00e4ndige Andeutungen von ewiggestrigen Herren<\/strong><\/p>\n<p>Der Bitkom und sein Pr\u00e4sident Scheer &#8211; das letzte Refugium des Patriarchats in Deutschland? Wollen wir zu seinen Gunsten annehmen, dass der Bitkom-Chef ja einfach nur einen schlechten Tag hatte. Aber je mehr ich dar\u00fcber nachdenke, desto weniger wundert es mich, dass der Anteil von Studentinnen in vielen technischen F\u00e4chern seit Jahren im einstelligen Bereich herumd\u00fcmpelt. Ich jedenfalls h\u00e4tte auch keinen Bock darauf, als gut ausgebildete Frau st\u00e4ndig von ewiggestrigen Herren indirekte Andeutungen \u00fcber eine vermeintlich nat\u00fcrliche Unterlegenheit ertragen zu m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Und ja, vielleicht sollten sich all die IT-Nerds in Unternehmen und Verb\u00e4nden auch mal selbstkritisch fragen, ob es eventuell sogar sie selber sind, die eine h\u00f6here Besch\u00e4ftigungsquote von Frauen verhindern. Einfach mal mit wachem Blick \u00fcber die CeBIT schlendern und auf lindgr\u00fcne oder t\u00fcrkisblaue Jacket-Tr\u00e4ger mit Mickey-Maus-Krawatten achten. Jene Gesellschaft wollen sich m\u00f6glicherweise viele Frauen nicht freiwillig antun. Auch ich bekenne freim\u00fctig: Ich habe ebenfalls schon des\u00f6fteren mit Journalistenkollegen dar\u00fcber gewitzelt, dass es doch eigentlich viel angenehmer sei, \u00fcber Branchen wie Tourismus zu schreiben &#8211; schlicht weil es dort mehr Frauen und weniger Geeks gibt.<\/p>\n<p>Weil mich die IT dann doch mehr interessiert, lautet mein Appell: Liebe Frauen, geht an die Unis und Fachhochschulen und studiert Informatik &amp; Co. Nur so k\u00f6nnt Ihr das r\u00fcckw\u00e4rtsgewandte Denken in Kategorien wie Technologie-affine M\u00e4nner und sozial-orientierte Frauen ausmerzen. Und lieber Bitkom: Vielleicht traut Ihr Euch einfach mal, die <a href=\"https:\/\/www.bitkom.org\/de\/wir_ueber_uns\/24622.aspx\" target=\"_blank\">reine M\u00e4nnerfront innerhalb Eures Pr\u00e4sidiums<\/a> zu durchbrechen. Das er\u00f6ffnet die Gelegenheit zum Austausch mit dem anderen Geschlecht, was ja nie schaden kann, um Vorurteile abzubauen. Und es hilft ganz nebenbei vielleicht auch noch in der Au\u00dfenwirkung und der Werbung f\u00fcr Eure Branche.<\/p>\n<p>P.S.: Ich bin mit einer Diplom-Informatikerin liiert, die auf Datenbank- und Java-Programmierung spezialisiert ist. Gut einparken kann sie \u00fcbrigens auch.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die deutsche ITK-Industrie wundert sich \u00fcber Nachwuchsmangel \u2013 nicht zuletzt bei Frauen? Dann sollte sie auch aufh\u00f6ren, Merkw\u00fcrdigkeiten \u00fcber angeblich unterschiedliche F\u00e4higkeiten des m\u00e4nnlichen und weiblichen Gehirns zu verbreiten. <a href=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/look-at-it\/2010\/03\/05\/august-wilhelm-scheer-und-der-bitkom\/\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":16,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[3],"tags":[12,72],"class_list":["post-457","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemeines","tag-bitkom","tag-telekommunikation"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blog.wiwo.de\/look-at-it\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/457","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blog.wiwo.de\/look-at-it\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blog.wiwo.de\/look-at-it\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.wiwo.de\/look-at-it\/wp-json\/wp\/v2\/users\/16"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.wiwo.de\/look-at-it\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=457"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/blog.wiwo.de\/look-at-it\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/457\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blog.wiwo.de\/look-at-it\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=457"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.wiwo.de\/look-at-it\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=457"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.wiwo.de\/look-at-it\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=457"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}