{"id":290,"date":"2010-01-21T23:49:03","date_gmt":"2010-01-21T22:49:03","guid":{"rendered":"http:\/\/www.wiwo.de\/blogs\/look-at-it\/?p=290"},"modified":"2012-06-05T11:15:14","modified_gmt":"2012-06-05T09:15:14","slug":"wider-den-apple-wahn","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.wiwo.de\/look-at-it\/2010\/01\/21\/wider-den-apple-wahn\/","title":{"rendered":"Wider den Apple-Wahn"},"content":{"rendered":"<p><strong>Vor der vermutlichen Pr\u00e4sentation eines Tablet-Rechners spielen Medien rund um den Erdball verr\u00fcckt. Eine Wutrede gegen den Apple-Hype.<\/strong><\/p>\n<p>Ok, am 27. Januar wird die Welt also nicht mehr dieselbe sein wie vorher. Der US-Computer- und Handyhersteller Apple stellt seine neueste Kreation vor &#8211; einen l\u00e4ngst sagenumwobenen Tablet-Computer. Mutma\u00dflich jedenfalls, denn offiziell hat der Konzern in seiner Einladung f\u00fcr das Event am kommenden Mittwoch nur angedeutet, er wolle \u201eseine neuesten Entwicklungen&#8220; pr\u00e4sentieren. In Apple-typischer Manier ist \u00fcber das neue Produkt bisher also nichts, rein gar nichts bekannt.<\/p>\n<p>Dennoch schreiben sich Journalisten, Blogger &amp; Technikinteressierte rund um den Globus seit Wochen die Finger wund. Allenthalben wird wild spekuliert: Klar &#8211; <a href=\"https:\/\/web.me.com\/cdarlingblair\/the_tgr_guide_to_the_apple_tablet\/Rumour_Roundup__the_Apple_Tablet.html\" target=\"_blank\">\u00fcber die Gr\u00f6\u00dfe, technische Ausstattung und sonstige Funktionen des Rechner-Tabletts<\/a>. Und hei\u00dft das Ding nun iTablet, iPad in Anlehnung an den Musikspieler iPod, oder doch iSlate, <a href=\"https:\/\/www.macrumors.com\/2009\/12\/24\/apple-purchased-islate-com-in-2007-apples-new-tablet-called-islate\/\" target=\"_blank\">weil Apple irgendwann mal einer derartige Web-Domain registriert hat<\/a>? Mehr noch, da zerbricht sich mancher auch schon den Kopf \u00fcber neue Gesch\u00e4ftsmodelle &#8211; und kommt gar zu dem Schluss, dass Apples Wunderflunder m\u00f6glicherweise der krisengeplagten Medienindustrie den, nunja, <a href=\"https:\/\/www.businessinsider.com\/the-apple-tablet-could-regenerate-the-publishing-industry-2010-1\" target=\"_blank\">Allerwertesten retten k\u00f6nnte<\/a>.<\/p>\n<p>Kurzum: Seit Wochen vergeht kein Tag, an dem nicht hunderte Technologie-Blogs weltweit und auch Publikumsmedien von \u201eNew York Times&#8220; bis \u201eWall Street Journal&#8220; in immer neue Ver\u00e4stelungen vermeintlicher Tablet-News hinabsteigen. Steve Jobs ist mal wieder der unumschr\u00e4nkte Herrscher der HighTech-Welt und macht seinem Ruf als \u201eiGod&#8220; alle Ehre, wie das US-Magazin \u201eNew York&#8220; im Juni 2007 in gr\u00f6\u00dftm\u00f6glicher Ergebenheit titelte <a href=\"https:\/\/www.kuodesign.com\/pineapple\/coverme\/\" target=\"_blank\">(Cover Nr. 77 in dieser interessanten Auflistung von Jobs auf Magazin-Titelbildern seit 1981)<\/a>.<\/p>\n<p>Damit wir uns nicht falsch verstehen: Nat\u00fcrlich k\u00f6nnen Apple und Jobs inzwischen auf eine h\u00f6chst beeindruckende Historie \u00fcberaus erfolgreicher Neuentwicklungen zur\u00fcckblicken. Mehr noch: Gleich mehrere Apple-Produkte erwiesen sich gar als so zukunftsweisend, dass sie in der Folge einen ganzen Markt komplett umkrempelten: Ich denke da etwa an die Kombination aus Musikspieler iPod und Musikshop iTunes, die der Musikindustrie zeigten, wie man im legalen Online-Musikverkauf gegen illegale Downloads punkten kann. Oder das iPhone-Handy samt \u00d6kosystem aus Apps &#8211; beide haben zusammen das jahrelang dahinpl\u00e4tschernde mobile Internet \u00fcberhaupt erst so richtig angeschoben.<\/p>\n<p><strong>Wasser in den Wein<\/strong><\/p>\n<p>Und dennoch m\u00f6chte ich der bevorstehenden Party auch mal etwas Wasser in den Wein kippen. Denn an vielen Berichten st\u00f6rt mich der euphorische, ja geradezu verkl\u00e4rende Tenor. Dabei sollten doch gerade Journalisten meines Erachtens stets Sachlichkeit und N\u00fcchternheit walten lassen. Vielleicht bin ich da altmodisch. Aber ebenso wenig wie ich als Berichterstatter ein Unternehmen wegen seiner m\u00f6glicherweise umstrittenen Gesch\u00e4ftspolitik von vornherein ablehnen darf, sollte ich einen Konzern oder dessen Produkte auch nicht mit freudiger Erwartung oder gar Begeisterung verfolgen.<\/p>\n<p>Genau das passiert jedoch bei Apple &#8211; und zwar nicht erst in den vergangenen Wochen, sondern eigentlich schon seit den fr\u00fchen Achtzigerjahren. Mit einem wichtigen Unterschied: Fr\u00fcher war es vor allem die eng umrissene Zielgruppe der Mac-Nutzer wie Designer und andere Kreative, die dem Konzern in beinahe religi\u00f6ser Zuneigung ergeben waren. Dies hat sich mit der Verbreiterung der Apple-Produktpalette deutlich gewandelt. So lassen l\u00e4ngst auch viele Journalisten jegliche kritische Distanz fallen, wenn es um den Konzern aus dem kalifornischen Cupertino und seinen schon fast zu Ikone erhobenen Chef Steve Jobs geht.<\/p>\n<p>Das habe ich vor einigen Jahren selbst erlebt, als ich der Vorstellung des iTunes Music Stores f\u00fcr den europ\u00e4ischen Markt in London beiwohnte. Nach der Pr\u00e4sentation von \u201eHis Steveness&#8220;, so ein anderes glorifizierendes Label f\u00fcr Firmenlenker Jobs &#8211; klatschte der Saal mit rund 500 Leuten beinahe frenetisch Beifall, die gro\u00dfe Mehrheit von ihnen Journalisten. Das kannte ich bis dahin nur von Pressekonferenzen in asiatischen Gefilden &#8211; und auch da meist nur von extra einbestellten Mitarbeitern des betreffenden Unternehmens. Das fand ich mehr als befremdlich: Wenn sich Journalisten in eine Meute lemminghafter Claqueure verwandeln, ist das eben nicht nur peinlich. Schlie\u00dflich geht dadurch auch jegliche professionelle Distanz zum Objekt des journalistischen Schaffens verloren.<\/p>\n<p><strong>Steigb\u00fcgelhalter f\u00fcr Marketinginteressen<\/strong><\/p>\n<p>Mehr noch: Indem wir Journalisten die Hype-Maschine immer weiter befeuern, degradieren wir uns letztlich selber zu Steigb\u00fcgelhaltern f\u00fcr die Marketinginteressen eines Gro\u00dfkonzerns. Eines nach au\u00dfen freundlichen, ja. Aber warum nur liest man eigentlich nicht h\u00e4ufiger Geschichten wie die des <a href=\"https:\/\/gizmodo.com\/5427058\/apple-gestapo-how-apple-hunts-down-leaks\" target=\"_blank\">US-Technologieblogs Gizomodo \u00fcber die interne Apple-Schn\u00fcffeltruppe<\/a> &#8211; abgesehen von der Tatsache, dass die dortige \u00dcberschrift in Deutschland aus verst\u00e4ndlichen Gr\u00fcnden deplaziert w\u00e4re? Weil sich viele Journalisten zu sehr gemein machen mit dem Objekt, \u00fcber das sie schreiben sollen?<\/p>\n<p>Aber auch kritische sachliche Fakten findet man in der aktuellen Apple-Manie eher selten. Etwa den Umstand, dass das Konzept des Tablet-PCs schon seit vielen Jahre existiert, <a href=\"https:\/\/www.pcworld.com\/article\/186488\/are_tablet_pcs_destined_to_flop.html\" target=\"_blank\">die vorhandenen Ger\u00e4te aber bleischwer in den Regalen liegen<\/a>. Vielleicht ist dies ja wirklich dem Umstand geschuldet, dass die bisherigen Produkte schlicht am Bed\u00fcrfnis der Konsumenten vorbei entwickelt waren. Daher finde nat\u00fcrlich auch ich den kommenden Mittwoch spannend: Denn wenn Jobs in der Vergangenheit eins ganz besonders unter Beweis gestellt hat (trotz mancher Flops wie etwa beim Apple Cube, der ungeachtet eines gigantischen Hypes nur wenige Monate gebaut wurde): Er und sein Team haben ein oft untr\u00fcgliches Gesp\u00fcr f\u00fcr Hightech-Gadgets, die der Konkurrenz in Sachen Bedienerfreundlichkeit und Design um L\u00e4ngen voraus sind.<\/p>\n<p>Bis wir aber wissen, ob Jobs nun tats\u00e4chlich einen w\u00fcrdigen Nachfolger von iMac, iPod &amp; iPhone vorstellt, pl\u00e4diere ich f\u00fcr mehr Gelassenheit &#8211; wider den Apple-Wahn. Und damit&#8217;s keiner fragen muss: Auch ich nutze Apple-Produkte, ebenso wie Ger\u00e4te vieler anderer IT-Produzenten.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Apple-Boss Steve Jobs stellt am kommenden Mittwoch einen Tablet-Computer vor \u2013   zumindest m\u00f6glicherweise. Doch von Zur\u00fcckhaltung, ja gar kritischer Distanz, ist in vielen Medien nichts zu sp\u00fcren. <a href=\"https:\/\/blog.wiwo.de\/look-at-it\/2010\/01\/21\/wider-den-apple-wahn\/\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":16,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[3],"tags":[7,8,42,43,91,92,50,51,98],"class_list":["post-290","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemeines","tag-apple","tag-apps","tag-ipad","tag-iphone","tag-ipod","tag-itunes","tag-macintosh","tag-medien","tag-tablets"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/blog.wiwo.de\/look-at-it\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/290","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/blog.wiwo.de\/look-at-it\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/blog.wiwo.de\/look-at-it\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.wiwo.de\/look-at-it\/wp-json\/wp\/v2\/users\/16"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.wiwo.de\/look-at-it\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=290"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/blog.wiwo.de\/look-at-it\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/290\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/blog.wiwo.de\/look-at-it\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=290"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.wiwo.de\/look-at-it\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=290"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/blog.wiwo.de\/look-at-it\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=290"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}