Gastbeitrag: Die Gasschwemme in den USA und ihre Folgen

Otto Wiesmann ist seit 23 Jahren im Börsenhandel im Energiebereich tätig. 2009 wurde sein erstes Buch Chance Peak Oil (FinanzBuch Verlag) veröffentlicht. In seinem Gastbeitrag in Hankes Börsen-Bibliothek sagt er steigende Erdgaspreise voraus.

Otto Wiesmann

Otto Wiesmann | Foto: Wiesmann

Von Otto Wiesmann

Seit 2005 ist der Henry-Hub-Gaspreis in den USA von 15,78 US-Dollar auf 1,90 US-Dollar, also um über 80 Prozent gefallen. Dafür gibt es acht Gründe:

1.) Im Juli 2005 wurde in den USA ein neues Gesetz, der Clean Energy Act, die weitgehende Aufhebung des Gewässerschutzes für Öl- und Gasexplorationen und –förderaktivitäten in großer Tiefe verabschiedet. Damit entfällt für die US-Umweltbehörde die rechtliche Grundlage für entsprechende Schritte gegenüber Öl- und Gasfirmen. Die Öl- und Gasfirmen sind dadurch der Behörde nicht mehr auskunftspflichtig, welche Chemikalien (bisher über 750 verschiedene Chemikalien nachgewiesen) sie in den Untergrund verpressen und wie sie mit den Rückständen umgehen. Damit war der Weg frei für die US-Gasfirmen, Schiefergas (Shale Gas) in großer Menge zu produzieren.

2.) Fast zeitgleich mit dem Clean Energy Act hat Anfang 2006 die US-Firma Mitchel Energy eine neue profitable Technik zur Förderung von Schiefergas entwickelt. Vertikale, horizontale Bohrungen sind schon lange bekannt, aber erst das hydraulische Fractoring (hydraulisches Brechen) schaffte den Durchbruch. Mittels des Horizontalbohrens wird eine zunächst vertikale Bohrung im Zielgebiet in die Horizontale abgelenkt. Damit sind Gasvorkommen die sich in horizontaler Richtung bis zu einigen Kilometern erstrecken, mit wenigen Bohrungen zu erschließen. Danach wird Hydraulic Fractoring eingesetzt, bei dem unter hohen hydraulischen Druck künstliche Risse in tiefliegende Gesteinsformationen wie Schiefer erzeugt werden, so dass eine profitable Erdgasförderung möglich ist. Die beim Fracken verwendeten Fluide sind ein hydraulisches Medium welches den Druck zur Aufsprengung des Gesteins überträgt. Die Flüssigkeit besteht zu mehr als 80 Prozent aus Wasser, etwa 15 Prozent aus Spezialsand und der Rest aus sehr vielen verschiedenen Chemikalien. Durch dieses neue Verfahren hat die Schiefergasförderung in den USA seither, Jahr für Jahr, einen Produktionsrekord vollzogen [Anmerk.: vgl. WirtschaftsWoche 29/2010].

Chance Peak Oil

Das Buch von Wiesmann: Chance Peak Oil?

3.) Durch den außerordentlichen hohen Henry-Hub-Gaspreis wurde regelrecht ein Investitionsschub angeregt. Durch das Hydro Fracking, worauf die US-Firmen nach wie vor ein Monopol haben, sind die Shale-Gas-Vorkommen wirtschaftlich zu fördern. Außerdem fällt bei der Gasverbrennung im Vergleich zu Stein- und Braunkohle weniger Kohlendioxid an. Dieser Effekt sollte sich in Zukunft verstärken, denn durch die Klimaerwärmung erscheinen steigende Preise für CO2-Emissionszertifikate programmiert. Shale Gas könnte für die USA die Energieabhängigkeit vom Nahen Osten entscheidend brechen, die Militärausgaben senken, Millionen von neuen Arbeitsplätzen schaffen und die Steuereinnahmen sehr stark erhöhen.

4.) Schätzungen des US-Energieministeriums zufolge sollen die USA über förderfähige unkonventionelle Gasvorkommen verfügen, die eine Gasversorgung der USA für 90 bis 120 Jahre ermöglichen.

5.) Durch die Hightech-Kombination von Horizontalbohr- und Mutli-Frac-Verfahren wurde, ähnlich wie 1859 durch Erdöl, ein Shale-Gas-Boom ausgelöst.

6.) Schon 2008 und 2009 durch die Wirtschaftskrise in den USA, wobei die Gasnachfrage stark einbrach, die Lagerbestände anschwellten, ist der Henry-Hub-Gaspreis um 50 Prozent gefallen, der schwache milde Winter 2011/12 ließ dann den US-Gaspreis vollkommen in sich zusammenfallen, sodass der Gaspreis bei den meisten US-Shale-Gas-Vorkommen 50 Prozent unter den Erzeugungskosten notiert.

7.) Die Lagerbestände im Erdgas befinden sich auf Rekordniveau und steuern auf Jahresendsicht einen neuen Rekordhöchststand an. Die Produktionskürzungen zeigen durch Effizienzverbesserungen in der Förderung noch keine Wirkung.

8.) Ein weiterer wichtiger Grund prägt das Aufkommen an unkonventionellen Gasmengen, das Preisgeschehen in den USA. Entstammten 2000 erst 30 Prozent der US-Gasproduktion unkonventionellen Quellen, so sind es in Folge der Expansion von Schiefergas mittlerweile schon über 50 Prozent.

US-Gas-Produktion bis 2035

US-Gas-Produktion bis 2035 | Quelle: Wiesmann

Durch den US-Gaspreisverfall von 2005 bis Anfang 2012 ist US-Gas konkurrenzlos billig. In Zukunft wird die US-Gasnachfrage beziehungsweise der Henry-Hub-Gaspreis explodieren (siehe Grafik).

Währenddessen der Ölpreis von 2005 von etwa 60 US-Dollar bis 2012 um über 60 Prozent auf über 100 US-Dollar pro Barrel stieg, ist der Henry-Hub-Gaspreis von 15,78 US-Dollar bis 2012 auf 1,90 US-Dollar pro 1.000 cubicfeet (28,32 cbm) also um über 80 Prozent gefallen. Das hat zur Folge, dass der normale Hausbesitzer mit Heizölheizung auf Erdgas umsteigt, da Erdgas zu etwa einem Siebtel des Preises für Heizöl pro Brennwert eingekauft werden kann (Stand: 14. KW 2012).

In der Erzeugung von Strom verdrängt Erdgas Steinkohle, weil Erdgas jetzt genauso günstig wie Steinkohle und zudem zwei Drittel weniger CO2 erzeugt. Auch beim Autokauf werden schon Fahrzeuge mit Erdgasantrieb (NGVs, Natural-Gas-Vehicles) gekauft. Im Jahre 2011 gab es in den USA 13,2 Millionen Fahrzeuge, die mit Erdgas betrieben wurden. Laut Douglas Clark, ein hochrangiger Vertreter der US-Gasindustrie, sollen bis 2020 rund 65 Millionen NGVs auf amerikanischen Straßen unterwegs sein.

In Kürze werden endlich die Gasverflüssigungsanlagen in Nordamerika fertig gestellt. Welcher Gasproduzent will dann noch sein Erdgas für über drei US-Dollar pro 1.000 Kubikfuß verkaufen? Vor allem Kanada, das immerhin im Jahre 2010 etwa 66 Milliarden cbm, rund 40 Prozent der Produktion in die USA lieferte, ist daran interessiert, sein überschüssiges Erdgas mittels Flüssiggastanker in Hochpreisregionen (Japan, China) zu exportieren. Sobald dies eintritt, wird der Erdgaspreis in den USA geradezu explodieren.

Fazit: Sollte der Clean Energy Act, zugunsten des Klimas geändert werden, ist mit einer Vervielfachung des Erdgaspreises in den USA zu rechnen.

Folgende Nachteile der Schiefergasförderung sprechen für eine US-Gesetzesänderung: 1.) Die Kontaminierung von Grund- und Trinkwasser, 2.) die Lärm- und Luftverschmutzung, 3.) mindestens 29 eingesetzte Chemikalien wie BTEX-Chemikalien sind krebserregend und dürfen weder nach dem Safe Drinking Water (Wasserschutzgesetz) noch nach dem Clean Air Act (Luftschutzgesetz) eingesetzt werden und 4.) bei der Shale-Gas-Förderung fallen große Mengen radioaktive Isotope, Schwermetalle, Salze, belastetes Brauchwasser und Abwässer an.

Meiner Meinung nach werden außer Cheasepeak Energy, auch etliche andere Gasförderer der USA ihre Gasproduktion einschränken, damit der Gaspreis wenigstens die Produktionskosten deckt. Das könnte wie im Jahre 2009, als der Natural-Gaspreis vom 4. September von 2,495 US-Dollar pro 1.000 Kubikfuß bis zum 28. Dezember auf 6 US-Dollar hochgeschossen ist, dazu führen, dass Anleger ihr eingesetztes Kapital vervielfachen.

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