Nebenwerte: Klein und fein!

Warum schneiden eigentlich Aktien kleiner Unternehmen besser als Standardwerte ab? Welche die derzeit aussichtsreichsten Titel unter den Davids sind und warum gerade diese Kleinanlegers Liebling sein können.

Bei Nebenwerten fällt mir spontan ein, was ich von Börsenlegende Peter Lynch gelesen habe. Er argumentiert: Privatanleger seien erfolgreicher als Profis, weil sie von den kommenden Googles und Apples aus ihrer Nachbarschaft viel früher erfahren und in sie investieren können als Fondsmanager. Lynch berichtet in seinem äußerst lesenswerten Buch Der Börse einen Schritt voraus (Börsenmedien, 2007) von seiner Frau, die ihm in den 80er-Jahren von Strumpfhosen in der Dose an der Supermarktkasse erzählt habe, die der Renner seien. Leggings hießen sie. Lynch investierte und verdiente ordentlich.

Nebenwerte sind meist kleinere Unternehmen, die viel Wachstumspotenzial haben – wie eben seinerzeit der Leggings-Hersteller – und oft Marktführer in ihrer Nische sind. Großkonzerne – wie sie im Dax vertreten sind – sind dagegen schwerfälliger. Zudem sind die Goliaths an der Börse meist höher bewertet, hat sie doch fast jeder Investor auf dem Radar.

S-Dax versus Dax (rot)

Als zweites kommt mir bei Nebenwerten Kursmanipulation in den Sinn. Aktienkurse kleiner Unternehmen mit einem geringen Börsenwert, schwanken stark und sind viel leichter zu beeinflussen als die von Dax-Schwergewichten. Matthias Schrade, Analyst vom auf Nebenwerte spezialisierten Research-Haus GSC aus Düsseldorf, empfiehlt deshalb, sich auf deutsche Nebenwerte zu konzentrieren. „Kursmanipulationen kommen vor allem bei ausländischen Penny-Stocks vor“, sagt Schrade. Bei deutschen Firmen hat der Privatanleger die Chance eine Haupt- versammlung zu besuchen und Informationen aus erster Hand zu erhalten.

Dass sich ein Anleger mit ausschließlich deutschen Titel einem Klumpen-Risiko aussetzt, sei laut Schrade zu vernachlässigen, seien viele kleine Unternehmen doch weltweit Marktführer in ihrer Nische – etwa im Maschinenbau. Wettbewerber aus dem Ausland sollten Anleger aber dennoch im Auge behalten, auch wenn sie in diese nicht investieren. Im Zweifel sind Deutsche die letzten, die Informationen über Nebenwerte aus den Schwellenländern erfahren.

Etwa 1000 börsennotierte Unternehmen in Deutschland gibt es, die man in das Segment der Nebenwerte einordnen kann. Im Tec-Dax finden Sie davon keines, auch im M-Dax sind nur noch einige wenige kleine Unternehmen vertreten, denen keine große Aufmerksamkeit zuteilwird. Nebenwerte finden Sie im S-Dax, im Prime und General Standard. Wobei im Prime Standard die formalen Anforderungen größer sind (Bilanzierung nach internationalem Standard IFRS, Berichte auch in englischer Sprache). „Mir sind Unternehmen aus dem General Standard mitunter lieber, bilanzieren sie doch nach dem HGB. Ihre Zahlen sind also konservativer gerechnet und ihre Kosten für die Bilanzierung geringer“, sagt Analyst Schrade. Seine Favoriten sind die Mittelstandsholding Gesco, die Onboard-Entertainment-Firma Advanced Inflight Alliance und der Bus- und Bahnzulieferer Schaltbau.

S-Dax-Auswahl

Ich habe für Sie einmal statisch die besten Aktien aus dem S-Dax gefiltert. Demnach sind besonders aussichtsreich: Grammer, Indus, SKW, Gesco, Hornbach, Schuler und MVV (siehe Tabelle).

Literatur zum Thema ist leider spärlich gesät. Wenn es überhaupt Bücher dazu in einem Verlagsprogramm gibt, dann sind die meist älteren Titel wie Erfolgreich investieren in Nebenwerte (FinanzBuch Verlag) und Investieren in Small Caps (Campus) vergriffen. In meinem Bücherregal finde ich noch Stock-Picking mit Nebenwerten (Börsenmedien, 2007) von Beate Sander. Sie formuliert schneidig: „Wendige Schnellboote statt Dickschiffe“ oder „Bei Nebenwerten gilt: Breit gestreut – nie bereut!“ Mir gefällt das Buch dennoch nicht besonders, sind in ihm doch viele, viele Binsenweisheiten enthalten. Vielleicht ist es aber auch einfach abwegig, ein gesamtes Buch zu dem Thema Nebenwerte zu schreiben.

Die besten Anlagestrategien der Welt

In Volker Gelfarths Die besten Anlage-Strategien der Welt (FinanzBuch Verlag, 2006) widmet sich der Autor in einem Kapitel der Small-Cap-Strategie. Dabei zitiert er im Großen und Ganzen James O’Shaughnessys Research-Ergebnisse. Ein gutes Kompendium. Die Kriterien zur Auswahl von geeigneten Small-Caps daraus sind:

1. Jahresumsatz bis 500 Millionen Euro
2. Umsatzwachstum ≥ 25 Prozent
3. Gewinnwachstum ≥ 25 Prozent
4. Umsatzrendite ≥ 7 Prozent
5. Positiver Cash Flow
6. Handelsvolumen 350.000 Stück/Monat
7. Aktienbesitz der Führungskräfte ≥ 10 Prozent
8. Aktienpreis mindestens 5 Euro
9. Eigenkapitalquote mindestens 30 Prozent
10. Eigenkapitalrendite mindestens 15 Prozent

Die Behavioral Finance Group der Universität Mannheim um Professor Martin Weber schrieb übrigens bereits 2005 (Borgsen/Glaser/Weber: Investition in Small und Mid Caps, aus der Reihe Forschung für die Praxis, Band 16) über das Problem bei der Umsetzung einer Nebenwerte-Strategie: „Gerade bei kleineren Werten ist es fraglich, inwieweit zum Beispiel Investment-Gesellschaften große Beträge in Aktien kleinerer Firmen investieren können. […] Außerdem bewirken hohe Ordergrößen bei kleinen Werten eine stärkere Kurswirkung („Market Impact“) als bei großen. […] Die Transaktionskosten sind gerade bei kleineren Werten häufig höher als bei größeren, was zur Schmälerung der Renditen führt.“ Das spricht gegen Fonds mit entsprechendem Ansatz und für Eigeninitiative.

Oder mit anderen – Peter Lynchs – Worten: Private Kleinanleger haben bei kleinen Werten einen großen Vorteil. In diesem Sinne, viel Anlageerfolg,

Ihr Ulrich W. Hanke


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Alle Kommentare [1]

  1. Von penny-stocks sollte man generell die Finger lassen! Und von Aktien mit einer Marktkapitalisierung von unter 200 Mio.!