„Wir haben gigantische Möglichkeiten“

Das Hamburger Fintech-Startup Kreditech sammelt 40 Millionen Dollar ein und wird inzwischen mit 190 Millionen Dollar bewertet. Gründer Sebastian Diemer hat bereits Kaufofferten ausgeschlagen: Er will aus dem jungen Unternehmen lieber selbst eine „Billion-Dollar-Company“ machen.

Rund 80 Prozent Wachstum pro Quartal, ein erwarteter Jahresumsatz von etwa 50 Millionen Euro, 140 Mitarbeiter, Millionen von Kunden in elf Ländern – und das alles zwei Jahre nach dem Start: Beim Hamburger Unternehmen Kreditech geht es steil aufwärts. Jetzt investieren neue und alte Geldgeber noch einmal kräftig, wie Kreditech heute bekannt gab: Värde Partners, Blumberg Capital und Point Nine Capital investieren knapp 40 Millionen Dollar – bei einer Bewertung von 190 Millionen Dollar. Gründer Sebastian Diemer legt Wert darauf, dass es „die größte Finanzierungsrunde für ein deutsches Finanztechnologie-Startup“ ist. „Das zeigt: Die Digitalisierung kommt jetzt auch im Finanzsektor an“, so Diemer.

Hat Kaufofferten ausgeschlagen: Sebastian Diemer, Gründer und CEO von Kreditech

Hat Kaufofferten ausgeschlagen: Sebastian Diemer, Gründer und CEO von Kreditech

Mit der Kapitalspritze will Kreditech sein Wachstum noch einmal beschleunigen, neue Produkte entwickeln und schneller in neue Märkte expandieren. Und, so hoffen die Investoren, den Kreditmarkt grundlegend verändern. Denn Kreditech hat eine Technologie entwickelt, mit der Kredite nicht mehr anhand klassischer Scorewerte und von Bankern vergeben werden, sondern anhand von „Big Data“: Nach Unternehmensangaben verarbeitet die Technologie bis zu 15.000 Informationen, wenn ein Kunde mit ein paar Klicks via Internet einen Kredit beantragt. Dafür wertet die Technologie zum Beispiel die Online-Gewohnheiten, die Facebook-Beziehungen und die Gerätedaten des Antragstellers aus und entwickelt daraus automatisiert ein maßgeschneidertes Kreditangebot.

Zu Beginn hat das Startup Kredite an jeden ausgezahlt, um anschließend zu lernen, wovon die Kreditwürdigkeit eines Kunden abhängig ist. Die Technologie erkannte so zum Beispiel, dass die Zahl der Facebook-Freunde irrelevant ist. Viel wichtiger ist dagegen, wer sich wann und wo mit welchen Freunden aufhält, wer wo und wie oft online shoppen geht und welche Webseiten er besucht. Die Technologie ermittelte sogar, dass eher kreditunwürdig ist, wer eine bestimmte Schriftart installiert hat. Es dauerte eine Weile, bis Diemer und sein Team die Erklärung dafür fanden: Die Schriftart wird ausschließlich von einer bestimmten Casino-Software verwendet.

All das mag Datenschützern sehr befremdlich vorkommen. Doch Diemer legt wert darauf, dass Kreditech niemals Daten ohne das Einverständnis der Kunden nutzt. Und die geben ihre Daten offenbar gerne preis, um an Geld zu kommen: Knapp 1,5 Millionen Kreditanfragen hat Kreditech nach eigenen Angaben in den vergangenen 20 Monaten bewertet und entschieden. Wird eine Kredit bewilligt, sei das Geld innerhalb von 15 Minuten verfügbar, so das Unternehmen. „Unsere Kunden in aller Welt brauchen sich weder an Bankschaltern anstellen, noch mit den rigiden Anforderungen traditioneller Kreditbüros auseinandersetzen“, sagt Diemer, der sich selbst als Pionier im digitalen Banking bezeichnet. „Wir helfen so fünf Milliarden Menschen, die keinen Kreditscore haben“.

done

Und solchen, die nicht einmal ein Konto haben. Die will Kreditech in Zukunft mit virtuellen oder echten Kreditkarten ausstatten – und einer Art Dispokredit, den die Kontoinhaber flexibel und zu individuellen Konditionen nutzen können. Für Bankkunden in Deutschland mag das eher uninteressant sein, in Entwicklungs- und Schwellenländern ist das Angebot dagegen umso gefragter, sagt Diemer. „Unsere Marschrichtung ist: Wir gehen in immer abenteuerliche Länder, wo wenige Kreditbüros existieren und der Anteil der Menschen ohne Konto oder Kreditmöglichkeiten groß ist.“

Diemer, der vor Kreditech mit einem anderen Startup gescheitert ist, ist zuversichtlich, dass Kreditech weiter rasant wachsen wird. Erste Kaufofferten haben er und sein Mitgründer Alexander Graubner-Müller ausgeschlagen. „Wir haben gigantische Möglichkeiten in einem riesigen Markt“, sagt Diemer, der trotz der Finanzierungsrunden einen zweistelligen Anteil an Kreditech hält und damit auf dem Papier bereits Millionär ist. „Wir glauben, dass Kreditech eine Billion-Dollar-Company werden kann – vielleicht eine Art deutsches Paypal.“


Mehr von mir auf Twitter, Xing und Google Plus.

Dieser Eintrag wurde veröffentlicht in Allgemein von Jens Tönnesmann. Permanenter Link des Eintrags.

Über Jens Tönnesmann

Jens Tönnesmann, 36, ist freier Journalist. Seit 2008 berichtet er als Gründerreporter für die WirtschaftsWoche über junge Unternehmen und Trends in der Gründerszene und koordiniert den WirtschaftsWoche-Gründerwettbewerb. Außerdem lehrt er an der Kölner Journalistenschule, an der er das journalistische Handwerk selbst gelernt hat. Parallel zur journalistischen Ausbildung hat er Volkswirtschaftslehre und Politik in Köln und Vancouver studiert. An der University of British Columbia belegte er einen Entrepreneurship-Kurs, der mit einem Businessplanwettbewerb endete. Seitdem weiß er, wie schwierig es ist, eine tragende Geschäftsidee zu entwickeln, und wie leicht die Arbeit fällt, wenn man die zündende Idee gefunden hat und für sie brennt.

Kommentar schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*