Gründer wählen Rösler – oder?

Welche Partei wählen Gründer und Selbständige? Im Wahlkampf zeigt sich, wie zwiegespalten die Gründerszene ist – auch, weil Bundeswirtschaftsminister Philipp Rösler mit seiner Politik längst nicht alle Unternehmer im Visier hat

Es klang eindeutig: „Gründer wählen FDP“ titelte das Portal Deutsche-Startups.de Ende vergangene Woche. Jeder fünfte von „über 600 Gründern, Startuppern und Mitarbeitern aus jungen Digitalfirmen“ stimmte in einem Voting des Portals für die Liberalen – so gut schnitt sonst keine Partei in der Abstimmung ab.

Tatsächlich kann man den Eindruck gewinnen, die deutsche Gründerszene stehe voll hinter den Liberalen und ihrem Vorsitzenden, Bundeswirtschaftsminister Philipp Rösler. Mit der Kampagne „Es ist Gründerzeit“ werben Jungunternehmer pünktlich zur Bundestagswahl für die Wiederwahl ihres Startup-Ministers. Damit danken sie Rösler, dass er die Gründerszene sichtbarer gemacht hat als viele seiner Vorgänger: Er ist mit einem Flieger voller Gründer ins Silicon Valley gereist, hat kürzlich Facebook-Investor Peter Thiel nach Berlin geholt, er hat einen Wagniskapitalzuschuss für Business Angels ins Leben gerufen und lässt sich vom Beirat „Junge Digitale Wirtschaft“ beraten. Er schwärmt von einer „dritten Gründerzeit“ und wirbt offensiv für Deutschland als Startup-Standort – mit dem Ziel, Wagniskapitalgeber aus dem Ausland herzulocken.

Nur: Längst nicht alle Jungunternehmer finden Röslers Politik gut. Jetzt präsentiert der Verband der Gründer und Selbständigen (VGSD) die Ergebnisse einer Umfrage, in der die Gründer-Politik von FDP und CDU ziemlich schlecht weg kommt. Der VGSD hat Gründer und Selbständige dabei nicht zu ihrer Wahlabsicht befragt, sondern wollte wissen, wie sie politische Vorhaben der Parteien bewerten. Beispiel: Die SPD überzeugt viele Befragte mit ihren Plänen, den Gründungszuschuss wieder zu einer gesetzlichen Pflichtleistung zu machen – etwas, das CDU und FDP nicht wollen. Ähnlich sieht es beim Thema Gründercoaching aus: Während SPD, Grüne, Linke und AfD punkten können, weil sie das Coaching erhalten wolle, machen sich CDU und FDP mit der Streichung unbeliebt. Auch beim Thema Arbeitslosenversicherung für Selbständige strafen die Umfrageteilnehmer FDP und CDU ab.

Röslers Gründerpolitik kommt offenbar nur bei einem Teil der Gründer gut an. Das dürfte auch daran liegen, dass sie in erster Linie schnell wachsende, innovative Startups fördert und Selbständige, Einzelkämpfer, Kleinunternehmer eher vernachlässigt. Während Rösler sich eher wenig daran stört, dass das Gründungsgeschehen insgesamt aktuell „auf dem Tiefpunkt“ ist, ist ihm sehr daran gelegen, dass die Zahl der innovativen Gründungen wächst, insbesondere im IT-Sektor. Während ihm offenbar nicht sonderlich wichtig ist, wie Arbeitslose den Start ins Unternehmerdasein finanzieren, will er dafür sorgen, dass die Gründerszene mit mehr Wachstumskapital versorgt wird.

Dazu kommt, dass sich kurz vor der Wahl ausgerechnet in der Internetgründer-Szene kritische Stimmen zu Wort melden, die der Regierung eine „katastrophale Bilanz in Netzthemen“ nachsagen und ihr Klientelpolitik vorhalten. Auch Röslers Pläne, einen neuen „Neuen Markt“ zu schaffen treffen nicht nur auf Gegenliebe, genauso wie der Investitionszuschuss für Business Angels nicht unumstritten ist.

All das macht es Rösler nicht leichter. Ob er am Sonntag unterm Strich wirklich die Mehrheit der Gründer und Selbstständigen auf seiner Seite hat, ist schwer zu sagen. Klar ist: Die Gründerszene ist größer und ihre Interessen vielschichtiger als es von der Startupmetropole Berlin aus betrachtet mitunter erscheint – und wenn Rösler Wirtschaftsminister bleibt, kann man ihm nur wünschen, dass er das in seiner nächsten Amtszeit besser erkennt.



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Über Jens Tönnesmann

Jens Tönnesmann, 36, ist freier Journalist. Seit 2008 berichtet er als Gründerreporter für die WirtschaftsWoche über junge Unternehmen und Trends in der Gründerszene und koordiniert den WirtschaftsWoche-Gründerwettbewerb. Außerdem lehrt er an der Kölner Journalistenschule, an der er das journalistische Handwerk selbst gelernt hat. Parallel zur journalistischen Ausbildung hat er Volkswirtschaftslehre und Politik in Köln und Vancouver studiert. An der University of British Columbia belegte er einen Entrepreneurship-Kurs, der mit einem Businessplanwettbewerb endete. Seitdem weiß er, wie schwierig es ist, eine tragende Geschäftsidee zu entwickeln, und wie leicht die Arbeit fällt, wenn man die zündende Idee gefunden hat und für sie brennt.

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Alle Kommentare [3]

  1. So sehr ich den Autor und seine Arbeit schätze, kann ich diesen Beitrag in weiten Teilen nicht unkommentiert lassen. Sicher war nicht alles gut in der schwarz-gelben Bundesregierung, aber hier wird ein falsches Bild gezeichnet. Insbesondere hätte ich mir gewünscht, dass die Quellen reflektierter verwendet werden.

    #1 GRÜNDUNGSZUSCHUSS UND GRÜNDERCOACHING
    Hier muss man schon einmal auf die Details gucken. Die lautesten Kritiker sind nicht die Existenzgründer sondern vielmehr die Existenzgründungsberater, die es sich im Subventionsschlaraffenland bequem gemacht hatten. Mit dem VGSD haben sie einen eigenen Verband gegründet haben. Insbesondere beim Gründercoaching wird die Interessenlage schnell deutlich.

    Der Gründungszuschuss wurde 2006 eingeführt, nachdem wir rund 4.9 Mio. Arbeitslose hatten. Schon alleine mit dem Rückgang der Arbeitslosigkeit (aktuell 2.9 Mio) muss das Budget reduziert werden. Aktuell stehen noch rund 500 Mio. Euro p.a. bereit, womit es immer noch die teuerste Gründungsförderungsmaßnahme im Bundeshaushalt ist. Ob diese 500 Mio. tatsächlich zur Auszahlung kommen muss man angesichts der neuen Vergaberichtlinien abwarten.

    Nach meiner festen Überzeugung sollte der Gründungszuschuss eingestellt und gegen ein Förderinstrument ausgetauscht werden, das allen Gründungswilligen offen steht. Es war schon vorher der Reform absurd, dass man sich arbeitslos melden musste, um an diese Förderung zu kommen. Zudem muss man die Effizienz des Gründungszuschuss in Frage stellen. Die Zahlen lassen Zweifel aufkommen.

    Der Arbeitsmarkt hat sich gewandelt. Wir müssen nicht mehr den Arbeitslosen davon überzeugen, dass er sich selbstständig machen soll. Der Staat hat diese Zielgruppe seit 10 Jahren mit viel Geld gefördert. Vor dem Gründungsschuss gab es die Ich-AG usw. Die Zahl der Langzeitarbeitslosen ist deutlich zurückgegangen. Doch jetzt geht es darum, Angestellte und Absolventen von den Chancen eine Selbstständigkeit zu überzeugen. Unser Gegner ist heute weniger Arbeitslosigkeit sondern vielmehr die Vollbeschäftigung, wenn es darum geht die Gründungsneigung zu erhöhen. Dazu müssen wir nach meiner Auffassung die Hürden senken und insbesondere auf sog. Chancengründer eingehen, d.h. den Hochschulabsolventen oder den jungen Familienvater (Das sind jene, die in der Vergangenheit häufig den Gründungszuschuss „mitgenommen“ haben).

    Vorschläge dazu liegen auf dem Tisch: Z.B. ein Gründer-Bafög oder ein Gründerstipendium und – ganz wichtig – echter Gründertarif in der Krankenkasse.

    #2 RÜCKGANG DER GRÜNDERZAHLEN
    Ich wünsche mir einen Beleg dafür, dass der Rückgang der Gründungszahlen mit der Arbeit der Regierung in Verbindung gebracht werden kann. Die Gründungen sind nicht wegen des Streichens des Gründungszuschusses zurückgegangen sondern wegen der Verbesserung am Arbeitsmarkt. Das war auch beim letzten Aufschwung ohne Gründungszuschuss der Fall.
    #3 NETZPOLITIK

    Man muss nur die Kommentare des verlinkten Artikels lesen, um ihn als schlecht gemachten Wahlkampfbeitrag zu entlarven.
    Für Gründer ist die Netzpolitik sicher ein wichtiges Themenfeld, aber nicht das Wichtigste. Keine Partei stellt sich bei diesem Thema wirklich vorbildlich an. Netzpolitiker sind im Bundestag eine verschwindend kleine Gruppe, der eine sehr große Zahl an Abgeordneten gegenübersteht, die mit einem völlig anderen Wertesystem agieren.
    Rösler hat sich in Sachen Netzneutralität mit der Telekomindustrie anlegt. Das Leistungsschutzrecht war sicher ein negatives Highlight der letzten Legislatur. SPD und Grüne hätten es im Bundesrat verhindern können. Auch das ist nicht passiert. Die FDP stellt sich seit Jahren gegen die Vorratsdatenspeicherung. Deshalb bitte die grüne Wahlkampfbrille abnehmen und sachlich argumentieren.

    #4 INVESTITIONSZULAGE BUSINESS ANGEL
    Der Kommentar von Deutsche Bank Research ist ebenfalls ein Highlight. Wenn Banker über Gründungen sprechen, muss es wohl so klingen. Für diese Förderung stehen für vier Jahre insgesamt 150 Mio. Euro zur Verfügung. Ein verschwindend geringer Betrag im Vergleich zu einem Gründungszuschuss. Reden wir nicht über den Betrag, den die Rettung Deutschlands Banken in der Finanzkrise den Staat kostet: 34 Mrd. Euro (Quelle INSM). Bereits in den ersten drei Monaten haben mehr als 450 Unternehmen und knapp 200 Investoren einen Antrag gestellt. Einen besseren Beweis dafür, dass hier es hier einen Bedarf gab, kann man nicht erbringen.

  2. Vielen Dank für den Einwand und deine Argumente, Florian. Mir ging es in erster Linie darum, in dem Beitrag zu zeigen, dass Rösler eine gezielte Gründerpolitik macht, die für sich genommen auch ziemlich schlüssig ist, weil sie gerade den innovativen, wachsenden Startups geholfen hat und hilft. Und das spiegelt sich das offenbar auch in der Zustimmung bzw. dem Widerspruch wider, den er in der Szene erhält. Womöglich überzeugt er noch mehr Gründer, wenn – wie du schreibst – „in den nächsten Jahren Gründer-Bafög oder ein Gründerstipendium und echter Gründertarif in der Krankenkasse“ geschaffen werden.

  3. Sehr geehrter Herr Toennesmann
    Ich unterstuetze voll Hr Noell und seine Kommentare.
    In Ihrer Antwort an Hr Noell schreiben Sie:
    „Vielen Dank für den Einwand und deine Argumente, Florian. Mir ging es in erster Linie darum, in dem Beitrag zu zeigen, dass Rösler eine gezielte Gründerpolitik macht, die für sich genommen auch ziemlich schlüssig ist, weil sie gerade den innovativen, wachsenden Startups geholfen hat und hilft. “
    Haetten Sie das doch nur von Anfang an so geschrieben/ vielleicht sogar gemeint, haette ich damit nicht gehadert….
    H.B.Bonn
    PS.: Ich war bei den Reisen dabei und seit dieser Zeit helfe ich den Gruendern aus Ueberzeugung -auch ein Roesler Effekt…..