Gründer, hört die Signale

Gegen neue Steuergesetze, für eine Reform der Industrie- und Handelskammern, gegen die Kürzungen beim Gründerzuschuss: Deutschlands Startup-Szene fängt an, sich in die Politik einzumischen. Das wurde auch Zeit

Es ist ein Protest, wie ihn die Startupszene noch nicht erlebt hat: Binnen 72 Stunden haben mehrere Hundert Gründer und Geldgeber das „Manifesto“ des Portals gruenderszene.de unterzeichnet. Darunter Vertreter von Inkubatoren wie Rocket Internet, Team Europe, Springstar oder Project A Ventures, von gründeraffinen Unis wie der Handelshochschule Leipzig oder Crowdfunding-Portalen wie Seedmatch. Auch bekannte Unternehmer wie Michael Brehm haben sich dem Aufruf angeschlossen. Sie alle fordern den Gesetzgeber auf, eine „Steuer gegen Unternehmertum“ zu verhindern.

Foto: Dank an Dierk Schaefer, CC-Lizenz via Flickr, http://www.flickr.com/photos/dierkschaefer/4739030276/

Hintergrund ist eine geplante Gesetzesänderung, die nach Ansicht von Rechtsexperten der Kanzlei Osborne Clarke für die Gründer- und Investorenszene von „immenser Bedeutung“ sein dürfte. Bisher konnten deutsche Investoren auch dann von Steuervergünstigungen profitieren, wenn sie sich über eine Holding mit weniger als zehn Prozent an einem Unternehmen beteiligt haben – ausländische Investoren dagegen nicht. Diese Ungleichbehandlung verstößt gegen EU-Recht. Doch anstatt ausländische Geldgeber gleich gut zustellen, sollen die Steuervergünstigungen für deutsche Geldgeber gestrichen werden, wenn sie sich mit weniger als zehn Prozent beteiligen. Für Gründer und Geldgeber könnte das erhebliche Folgen haben, warnen die Experten. Die Autoren des „Manifesto“ fürchten sogar, dass die Gesetzesänderung Deutschlands „aufstrebende Gründerszene“ deutlich zurückwerfen könnte.

Ganz gleich, ob man diese Auffassung teilt: Der Protest zeigt, dass die Gründerszene anfängt, sich in die Politik einzumischen. Die Jungunternehmer, die von den Parteien und Politikern wohlwollend, aber eben doch nur stiefmütterlich behandelt werden, verschaffen sich Gehör. Mit Recht: Berlin gilt inzwischen als eine der angesagtesten Städte für Internet-Unternehmer weltweit, mehrere Internetportale berichten permanent über Startups und Trends in der Szene, zahlreiche Universitäten im ganzen Land fördern inzwischen Ausgründungen, haben Gründerzentren und Entrepreneurship-Lehrstühle eingerichtet. Aus der Republik der Angestellten und Beamten könnte vielleicht tatsächlich irgendwann ein Land werden, in dem junge Menschen lieber Businesspläne schreiben als Bewerbungen.

Neuer Verein sucht Dialog mit der Politik


Nur in der Politik sind die Gründer bisher kaum sichtbar. Das stört auch Florian Nöll. Der Gründer des Berliner Startups Spendino ist zurzeit dabei, in Berlin zusammen mit anderen Unternehmern und Geldgebern in Berlin den „Verein für Gründungspolitik“ aufzubauen. „Unser Land wird vor allem von Berufspolitikern regiert, die eine klassische politische Laufbahn hinter sich haben, oft Beamte sind und selten selbst Innovationen geschaffen haben“, sagt Nöll, „kaum einer von denen hat bisher die Interessen von Gründern auf dem Schirm.“

Der Verein will das ändern, Gespräche mit Politikern suchen und sich einbringen, wenn es um wirtschaftspolitische Themen geht, die für Gründer relevant sind – etwa die Insolvenzordnung, die es Gründern immer noch schwer macht, zu scheitern. Oder das Verkausprospektgesetz, das Crowdfunding-Kapitalrunden über 100.000 Euro erschwert.

Zur aktuellen Diskussion um die Steuervergünstigungen hat der junge Verein seine erste Arbeitsgruppe eingerichtet. Die Mitglieder wollen herausfinden, wer genau hinter der Gesetzesnovelle steht und sich mit den Beteiligten an einen Tisch setzen, um sie doch noch zu stoppen. Auch die Initiatoren des Manifestos wollen die Unterschriftenliste den Politikern überreichen und sie zum Dialog auffordern – man darf gespannt sein darf, ob die beteiligten Politiker und Beamten dazu bereit sind.

Themen, bei denen Gründer mehr Mitsprachrecht fordern, gibt es reichlich. Florian Nöll etwa wirbt in der Gründerszene auch für eine Reform der Industrie- und Handelskammern: Gegen die Zwangsmitgliedschaft, für mehr Demokratie und Transparenz. Der Essener Entrepreneurship-Professor und Business Angel Tobias Kollmann stellte kürzlich ein Thesenpapier vor, in dem er Maßnahmen forderte, um die Rahmenbedingungen für Gründer im Feld der Informations- und Kommunikationstechnologien zu verbessern. Und als im vergangenen Jahr der Gründungszuschuss gekürzt wurde, formierten sich verschiedene Gründer-Initiativen, die zum Protest aufriefen – etwa „Pro Gründungszuschuss“.

Natürlich sind auch Gründer längst nicht immer einer Meinung. Nicht jeder Jungunternehmer findet den Gründungszuschuss gut; nicht wenige sind überzeugt, dass das Geld dafür besser aufgehoben wäre, wenn damit gezielt Innovationen gefördert wurden. Auch in den Aufruf, die Steuervergünstigungen zu erhalten, stimmte nicht jeder mit ein: Ehssan Dariani etwa, 2005 Gründer der Online-Community StudiVZ und heute Investor, distanzierte sich mit markigen Worten von dem Aufruf.

Und dennoch: Debatten und Aufrufe wie diese zeigen, dass sich die Gründerszene nicht mehr aus der Politik heraushalten will – das wurde auch Zeit.


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Über Jens Tönnesmann

Jens Tönnesmann, 36, ist freier Journalist. Seit 2008 berichtet er als Gründerreporter für die WirtschaftsWoche über junge Unternehmen und Trends in der Gründerszene und koordiniert den WirtschaftsWoche-Gründerwettbewerb. Außerdem lehrt er an der Kölner Journalistenschule, an der er das journalistische Handwerk selbst gelernt hat. Parallel zur journalistischen Ausbildung hat er Volkswirtschaftslehre und Politik in Köln und Vancouver studiert. An der University of British Columbia belegte er einen Entrepreneurship-Kurs, der mit einem Businessplanwettbewerb endete. Seitdem weiß er, wie schwierig es ist, eine tragende Geschäftsidee zu entwickeln, und wie leicht die Arbeit fällt, wenn man die zündende Idee gefunden hat und für sie brennt.

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Alle Kommentare [6]

  1. @Sandra:
    Ich sehe da nur ein Problem: Startups finden sich in jeder Branche, und die meisten Branchen haben ihren eigenen Verband. Viele Internetstartups könnten sich zb im BITKOM engagieren. Aber kann ein Verband über Branchengrenzen hinweg funktionieren? Und wann ist ein Startup kein Startup mehr und muss raus aus dem Verband? Vielleicht ist diese Szene zu beweglich, um sich in etwas so Starrem wie einem Verband zu organisieren..

  2. also Verbände gibt doch eigentlich genug. Das kann man doch effizienter gestalten, wenn alle ihren Job gut machen würden. Was auf jeden Fall viel stärker geschehen muss ist, dass die Gründerszene sich politisch viel intensiver einbringen sollte und mehr Lobbyarbeit betreiben sollte. Die Gründer von heute sind schliesslich die Arbeitgeber von morgen!

  3. Verbände Junger Unternehmer gibt es auch schon lange. Der Gründerzuschuss ist ja nicht nur für IT-Startups sondern viele Arbeitslose die dann Projekte wie in den Auswanderer-Dokus halt hier durchziehen und oft genug scheitern.

    Der Neue Markt waren doch auch Startup-Gründer und ihre Freunde.
    Ein Business-Angel der sich zu 5% an jeder Firma beteiligt, hat 20 Investments um die er sich also alle 20 Werktage einen Tag oder alle 10 Tage einen halben Tag lang kümmern kann. Da halte ich 10% sinnvoller um sich auch wirklich um die Firma zu kümmern und sie dann an die nächste Runde zu verkaufen. Manchmal reden Geschäftsführer ja doch. Das Geld wird nicht weniger. Aber man muss sich fokussieren und Mini-Beteiligungen abgeben. Die möglicherweise geplante nachträgliche Besteuerung wäre allerdings wirklich nicht ok.
    Gibts eine Liste von Ländern und ihrer Behandlung von Holding-Ketten u.ä. ?

    In Gegenden mit überhöhten Mieten zu gründen ist fragwürdig. Usw. Teilweise handelt es sich vielleicht nur um Steuer-Optimierungen wie damals diese Kino-Film-Projekte. Oder um solch erfolgreichen Ideen wie Schrott-Immobilien, Ost-Immobilien, Neuer Markt u.ä.

    Ich würde ja gerne konstruktive, demokratiefördernde und legale Webseiten aufbauen die problemlos werbefinaziert wären und jeder nutzen würde wie Wikipedia. Dummerweise muss ich vielleicht Abmahnungen, Trivialpatente und Verklagungen bis zum Verfassungsgericht einplanen. Die Juristen und BWLer bekämen also mehr als ich und statt kostenlos müsste man Gebühren nehmen. Wer durch Regularien und Verordnungen Geschäfte so aufwendig macht, braucht sich nicht zu wundern wenn (meine überwiegend trivialen aber nützlichen) Ideen woanders implementiert werden oder (wie es bei Startups schon vorkommt) scheitern oder schlecht funktionieren oder Kundendaten gehackt werden usw.

    Soweit ich weiss, müssen die US-Investoren diese Regelungen heute schon erfüllen und investieren trotzdem gerne in Berlin. Die Frage ist also wieso Deutsche Investoren sich anscheinend nicht den für Amerikaner branchenüblichen Konditionen anpassen möchten.

    Der Lobbyismus ist also vielleicht eher ein Zeichen von immer mehr Geld im System.

    „Industrien“ beschäftigen hunderttausende von Leuten mit Tariflohn und Sozialbeiträgen in Renten- und Arbeitslosen-Kassen. So wie Eisenbahn-Bau, Pyramiden-Bau, Schiffskanäle graben, Autobahnen bauen, Gebäude nach Krieg wieder aufbauen. Das liefern Computer-Firmen aber oft eher nicht. Die Jobs in den Amazon-Waren-Hallen und Zalando-Waren-Hallen entfallen bei den Einzelhändlern in den Innenstädten.

    @Lars: Die Untergangsquoten sind bekannt. Österreich will die Zahl der Firmen bis 5 Jahre Alter systematisch steigern, also wohl die Untergänge (siehe Reality-TV) vermindern. Dementsprechend könnte man auch „junge Firmen“ definieren und Verbände über Branchengrenzen müssen auch nicht scheitern.

    Den Volkswirtschaftlichen Nutzen der vielen gescheiterten Startups kann ja mal jemand vorrechnen und mit den Zahlen aus den Bilanzen beweisen. Wer zahlt mehr Gewerbesteuer an Berlin ? Die Startups, die Pizzerien, die Currybuden oder die Schuhgeschäfte ? Und wer davon zahlt mehr Steuern und Sozialabgaben an den Bundeshaushalt bzw. entsprechende Organisationen (Rentenkassen, Krankenkassen, Arbeitslosenkassen) ? Absolut und pro Bilanz-Euro, pro Umsatz-Euro usw. in Relation zu diversen Kennzahlen. Die Bilanzen beim Handelsregister abzufragen und den Wert jeder Branche vorzurechnen ist doch vermutlich Grundstudiums-Kenntnis für Wirtschafts-Informatiker.

  4. Also das Problem ist doch auch, das gewisse Lobbys nun mal mehr Einflusskraft haben als die jungen Unternehmer. Wer sollte sich denn für die Verbesserung der politischen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen für Startups und Jungunternehmer einsetzten?