Die Welterklärer

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Von München und Washington D.C. aus bauen Fabian Neuen und Atul Singh ein Unternehmen auf, das mit umfassenden „360-Grad-Analysen“ die Welt erklären und eine Lücke im Mediensystem schließen will. Experten aus allen Kontinenten tragen zu dem Online-Magazin bei. Im Infografik-Interview erklärt Gründer Neuen das Geschäftsmodell.

Immer nachmittags, wenn viele Menschen an den Feierabend denken, setzt sich Fabian Neuen in München Kopfhörer auf und startet das Internettelefonieprogramm Skype. Er trifft sich im Netz mit seinem Mitgründer Atul Singh, der einen Kontinent entfernt in Washington ebenfalls vor einem Bildschirm sitzt. Die Gespräche der beiden sind Redaktionskonferenz, Strategiebesprechung und Finanzplanung zugleich; oft skypen die beiden mehrmals und bis in den Abend.

Neuen und Singh bauen „Fair Observer“ auf, ein globales Startup und zugleich ein neues Medium für politisch interessierte Menschen in aller Welt. Auf der gleichnamigen Internetplattform machen die Gründer Ereignisse und Probleme wie den Arabischen Frühling, die Staatsfrage in Palästina und die Europäische Außen- und Sicherheitspolitik zum Thema.

Fabian Neuen (Foto: Fair Observer)

Das Besondere an Fair Observer: Die Gründer wollen mit „360-Grad-Analysen“ ein umfassendes Bild der Probleme zeichnen und die Themen aus vielen verschiedenen Perspektiven beleuchten. Bestehende Medien seien „ethnozentrisch“, haben Neuen und Singh festgestellt. „Wir wollen den Lesern alle relevanten Meinungen auf dem Silbertablett präsentieren“, sagt Neuen, „damit sie die Welt verstehen.“

Deswegen gibt es keine feste Redaktion, die sich jeden Tag um halb zehn am Redaktionstisch versammeln würde. Die Autoren von „Fair Observer“ sind rund 200 Experten verschiedener Disziplinen aus unterschiedlichen Ländern der Erde, die – zumindest für den Anfang – ohne Honorar für Fair Observer schreiben. Daneben beschäftigen die beiden Gründer bereits drei Vollzeitangestellte und einige Praktikanten, die sie beim Aufbau der Plattform unterstützen.

Auf Investorensuche

Auf die Idee zu Fair Observer kamen Neuen und Singh, nachdem sie sich vor zwei Jahren in einem Entrepreneurship-Kurs an der Wharton Business School der University of Pennsylvania in Philadelphia kennen gelernt hatten. Im März 2010 besuchten sie den „Global Media Summit“ in New York, auf dem sie feststellten, wie gefragt gute Analysen heutzutage sind. Daraufhin entwickelten sie das Konzept von Fair Observer.

Der Start kostete Kraft: Die Gründer nahmen die Bürokratie in Kauf, die zwei parallele Firmengründungen in Deutschland und den USA mit sich bringen, steckten ihre Ersparnisse in das Unternehmen und überzeugten den Bruder von Atul Singh, ebenfalls als Investor einzusteigen. Sie fanden namhafte Beiräte wie den früheren Außenminister Indiens, den ehemaligen Vize-Chef des CIA und den Leiter der Münchner Sicherheitskonferenz. Jetzt suchen sie einen Investor, um „Fair Observer“ nach dem Ende der Betaphase auszubauen und bekannter zu machen.

Welche Zukunft das Unternehmen hat, dürfte langfristig nicht nur vom Interesse der Leser, sondern auch davon abhängen, ob es gelingt, die Plattform zu monetarisieren – eine Herausforderung, an der sich viele Medien im Internetzeitalter die Zähne ausbeißen. Neuen und Singh setzen auf drei Geldquellen, wie das Infografik-Interview zeigt: Werbeeinnahmen, Abo-Erlöse aus Kooperationen mit anderen Medien und Projekterlöse.

Fabian Neuen glaubt fest daran, dass das gelingt – er „lebt, atmet und träumt“ nur noch „Fair Observer“. Wer sich mit ihm eine Weile unterhält, merkt wie viel Energie und Enthusiasmus, Internationalität und Idealismus hinter dem Unternehmen stecken. Neuen ist auf mehreren Kontinenten aufgewachsen, hat die halbe Welt bereist, spricht fünf Sprachen, studierte an der renommierten INSEAD und arbeitete als einer der jüngsten Manager bei Siemens, das ihn in die Liste der „Global Top Talents“ aufnahm. Bei seinen Aufenthalten im Ausland hat er gemerkt, wie viele verschiedene Perspektiven es in der Welt gibt und wie wichtig es ist, diese Blickwinkel zu kennen, um die Welt zu verstehen.

Fabian Neuen im Infografik-Interview


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Über Jens Tönnesmann

Jens Tönnesmann, 36, ist freier Journalist. Seit 2008 berichtet er als Gründerreporter für die WirtschaftsWoche über junge Unternehmen und Trends in der Gründerszene und koordiniert den WirtschaftsWoche-Gründerwettbewerb. Außerdem lehrt er an der Kölner Journalistenschule, an der er das journalistische Handwerk selbst gelernt hat. Parallel zur journalistischen Ausbildung hat er Volkswirtschaftslehre und Politik in Köln und Vancouver studiert. An der University of British Columbia belegte er einen Entrepreneurship-Kurs, der mit einem Businessplanwettbewerb endete. Seitdem weiß er, wie schwierig es ist, eine tragende Geschäftsidee zu entwickeln, und wie leicht die Arbeit fällt, wenn man die zündende Idee gefunden hat und für sie brennt.

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Alle Kommentare [5]

  1. Die Monetarisierung solcher Projekte ist kein leichtes Unterfangen. Das haben im Übrigen alle etablierten Verlage auch erkennen müssen. Gleichzeitig ist eine Monetarisierung über Werbung natürlich deutlich schwieriger, weil die redaktionellen Themen oftmals keinen direkten Bezug zu Produkten haben. Für Onlineshops ergibt sich damit das Problem zu hoher Streuverluste bei der Werbung. Dennoch wünsche ich viel Erfolg bei diesem interessanten und inhaltlich vielversprechenden Thema!

  2. Auf Grund der Beschreibung der Person traue ich Fabian Neuen das zu. Blanke Information gibt es im www schon in Hülle und Fülle. Wenn aber welterfahrene Persönlichkeiten diese rein sachlichen Informationen mit Hilfe Ihrer Erfahrung und lokalen wie globalen Kenntnissen so verknüpfen und interpretieren, dass sich der Blick des Betrachter von unscharf auf jetzt versteh ich das dreht, dann hat dieses Projekt seine Berechtigung. Dann ist es nur noch wichtig hierbei nicht in den Verdacht der Manipulation oder der Fehldeutung zu kommen. Ein aufregendes Projekt ist es allemal. Die Begeisterung hierfür kann ich verstehen. Ich wünsche den Beiden viel Ausdauer.

  3. Die Idee ist an sich sehr gut und geht ein bisschen in die Richtung von TheEuropean. Das Problem ist die Relevanz für sich selbst zu erzeugen, die es benötigt, um solch ein wahnsinnig großes Projekt nach vorne zu bringen – und da zweifel ich ein bisschen.