„Der Zeitpunkt war richtig“

Nicolas Gabrysch von Osborne Clarke hat den Verkauf von DailyDeal an Google begleitet. War es ein „Fire Sale“? Haben die Samwer-Brüder mit CityDeal den besseren Schnitt gemacht? Im Interview erklärt der Anwalt, worauf es bei einem Exit ankommt.

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Herr Gabrysch, nach dem Verkauf der Gutscheinplattform DailyDeal an Google hieß es, es habe sich um einen sogenannten Fire Sale, also einen Notverkauf gehandelt, um einer Insolvenz zu entgehen. Was ist an den Gerüchten dran?
Nicolas Gabrysch: Wer sich etwas intensiver mit dem Unternehmen befasst, müsste merken, dass es kein Notverkauf gewesen sein kann. DailyDeal hatte erstklassige Investoren wie Insight Venture Partners und AdInvest, außerdem waren so namhafte Business Angel wie Stefan Glänzer und Michael Brehm beteiligt, die insgesamt auch die Expansion in dem Tempo, das die beiden Gründer vorgelegt haben, möglich gemacht haben. Eine Insolvenz wäre kein Exit-Szenario gewesen.

nicolasgabrysch
Nicolas Gabrysch, 40, ist Anwalt und Partner bei der Kanzlei Osborne Clarke in Köln. Gabrysch ist Experte für Gesellschaftsrecht und Venture Capital. Er berät Gründer und junge Unternehmen – etwa in Finanzierungsrunden und in Übernahmegesprächen. Zuletzt unterstützte er die Brüder Fabian und Ferry Heilemann beim Verkauf ihres Unternehmen DailyDeal an Google – dem Deal des Jahres 2011.
Osborne Clarke ist Partner des WirtschaftsWoche-Gründerwettbewerbs. Die Kanzlei hat kürzlich ein kostenloses E-Book (PDF) veröffentlicht, das Gründern einen Überblick über die Rechtsfragen junger Unternehmen verschafft.

Die Samwer-Brüder haben den anderen deutschen Groupon-Klon Citydeal schon kurz nach der Gründung an Groupon verkauft. Hat DailyDeal zu lange gebraucht und den schlechteren Schnitt gemacht?
Gabrysch: Das würde ich so nicht sagen. Ob der Verkauf von Citydeal an Groupon sinnvoll war, lässt sich von außen nicht beurteilen, vor allem weil nicht bekannt ist, ob und wie viel Geld tatsächlich bereits geflossen ist. Wenn die Gerüchte stimmen, wonach die Gründer von Citydeal gegebenenfalls „nur“ Anteile an Groupon erhalten haben, stellt sich nach den jüngsten Geschehnissen um den abgesagten Börsengang die Frage, ob dieses Tauschgeschäft zunächst vielleicht besser aussah als es heute ist und ob der realisierbare Wert der Groupon-Anteile in den vergangenen Monaten tatsächlich gestiegen ist.

Auch DailyDeal war keine zwei Jahre alt, als die Gründer und ihre Investoren es an Google verkauften. War es der richtige Zeitpunkt?
Gabrysch: Ich habe die Gründer vor zwei Jahren beim IdeaLab! 2009 an der WHU kennen gelernt. Zum Jahreswechsel 2010 haben wir die beiden bei der ersten Finanzierungsrunde begleitet; dann folgten weitere Finanzierungsrunden. Auch den Exit-Prozess an Google haben wir intensiv begleitet. Vom Term Sheet bis zum Closing vergingen nur wenige Monate. Das zeigt: Für alle Beteiligten war der Zeitpunkt richtig und nur darauf kommt es an.

Verkaufen – aber wann?

Was ist generell der beste Zeitpunkt für einen Exit?
Gabrysch: Die Frage lässt sich nicht einheitlich beantworten und hängt von vielen Faktoren ab. Tendenziell kommt es in der der Internetbranche schneller zum Exit als etwa in der Pharma- oder der Biotech-Branche, in denen die Entwicklung des Unternehmens und seiner Produkte meist einige Jahre dauert. Der Exit-Zeitpunkt kann durch eine Branchensituation, die gesamtwirtschaftliche Lage, eine Phase der unternehmerischen Entwicklung oder strategische Maßnahmen bedingt sein.

Was ist, wenn die Meinungen darüber auseinander gehen?
Gabrysch: Das erschwert einen Verkauf natürlich. Für solche Fälle sichern sich Investoren gerne mit Drag-Along- und Tag-Along-Klauseln im Beteiligungsvertrag ab.

Was genau bedeutet das?
Gabrysch: Mit einer Drag-Along-Klausel sichern Investoren sich die Möglichkeit, andere Anteilseigner zum Mitverkauf zu verpflichten. Konkret bedeutet das: Wenn sich z. B. eine bestimmte Mehrheit für einen Verkauf ausspricht, müssen die anderen mitziehen – so kann man beispielsweise einzelne Gründer zum Verkauf zwingen. Eine Tag-Along-Klausel wiederum ist das Recht, den eigenen Anteil mitzuverkaufen, wenn z. B. einer der Investoren seine Anteile loswerden will. Beide Regeln gibt es in vielen verschiedenen Ausgestaltungen.

Grenzenlos glücklich?

Auf ins Ausland: In der WirtschaftsWoche vom 24. Oktober finden Sie einen Beitrag darüber, was Gründer beim Schritt über die Grenzen beachten sollen und welchen besonderen Sog das Silicon Valley auf deutsche Startups ausübt.

Drag-Along: Andere zum Verkauf zwingen

Auf welche Formen können Gründer sich einlassen und wo sollten sie eine Grenze ziehen?
Gabrysch: Eine eher gründerunfreundliche Regelung wäre zum Beispiel, wenn Investoren mit einer Minderheitsbeteiligung alle anderen zwingen können, ihre Anteile mitzuverkaufen. Eine faire Regelung ist dagegen beispielsweise, wenn 75 Prozent der Anteilseigner die verbleibenden 25 Prozent zum Mitverkauf zwingen können, um Blockaden des Exit-Prozesses zu vermeiden.

Wie oft werden solche Klauseln von Investoren tatsächlich gezückt?
Gabrysch: Zum Glück nicht allzu oft, denn um sie durchzusetzen, muss man möglicherweise vor Gericht ziehen. In den meisten Fällen gelingt es, alle Beteiligten davon zu überzeugen, dass ein Verkauf sinnvoll oder nicht sinnvoll ist. Viel relevanter bei der Ausgestaltung von Beteiligungsverkäufen ist deswegen oft der von den Investoren gewünschte Erlösvorzug.

Was verbirgt sich dahinter?
Gabrysch: Dabei handelt es sich eigentlich um einen Schutzmechanismus für den Fall, dass ein Unternehmen liquidiert wird oder in schlechten Zeiten günstig verkauft werden muss – deswegen spricht man auch von einer Liquidationspräferenz. Liquidationspräferenz beziehungsweise Erlösvorzug regeln, wer bei einem Verkauf als erster Geld bekommt.

Was ist marktüblich?
Gabrysch: In den meisten Fällen wird eine einfache Liquidationspräferenz vereinbart. Das bedeutet, dass ein Investor zunächst sein Investment zurück erhält, bevor der Rest des Kaufpreises in einem zweiten Schritt auf alle Gründer und Investoren pro rata, das bedeutet entsprechend ihrer Anteile, verteilt wird. Gründerfreundlich wäre, wenn ein Investor sich in diesem zweiten Schritt den Erlösvorzug, den er schon erhalten hat, anrechnen ließe.

Dealbreaker: Was einen Exit erschwert

Solche Regeln vereinbaren viele Gründer oft schon Jahre vor dem Exit. Sind sie sich ihrer Relevanz bewusst?
Gabrysch: Nicht immer. Ich empfehle deswegen, sich bei jeder Finanzierungsrunde mit Business Angels oder institutionellen Venture-Capital-Gebern schon über einen Exit, also einen Unternehmensverkauf, Gedanken zu machen, auch wenn ein solcher noch in weiter Ferne liegt. Sobald ich die ersten Anteile meines Unternehmens abgebe, muss ich mir überlegen, unter welchen Bedingungen ich es ganz verkaufen würde und wo ich dann landen möchte / werde – ob ich will oder nicht. Und natürlich sollte ich auch genau darauf achten, keine Hindernisse zu schaffen, die einen Exit erschweren.

Was meinen Sie damit?
Gabrysch: Es kann zahlreiche kleine und größere Hindernisse geben, die einen Exit erschweren. Komplizierte Mitarbeiterbeteiligungsprogramme oder auch Finanzierungsstrukturen, die weitere Maßnahmen beim Exit erfordern, sind gegebenenfalls hinderlich. Im Software-Bereich hat sich der Einsatz von Opensource-Software als ein weiteres mögliches Hindernis entpuppt, weil damit die selbst entwickelte Software entwertet und für den Käufer unattraktiv werden kann, wenn hier nicht sauber Vorsorge getroffen wurde. Ein laxer, möglicherweise unrechtmäßiger Umgang mit Kundendaten ist sicherlich auch nicht förderlich, wenn man sich das deutsche Datenschutzrecht ansieht. All das kann den Kaufpreis mindern oder einen Deal komplett scheitern lassen.

„Die Arbeit war es wert“

Über wie viel Geld konnten sich die Gründer von DailyDeal nach dem Verkauf freuen?
Gabrysch: Die Gründer hielten zum Zeitpunkt des Verkaufs gemäß der beim Handelsregister hinterlegten Gesellschafterliste noch gut 25 Prozent an dem Unternehmen. Wie viel sie dafür erhalten haben, hängt vom Kaufpreis ab…

…der Gerüchten und Berichten zufolge zwischen 100 und 250 Millionen Dollar gelegen haben soll…
Gabrysch: Dazu kann ich nichts sagen.

Können Sie denn wenigstens verraten, wie Sie den Abschluss gefeiert haben?
Gabrysch: Nach dem Closing haben wir bei Google in Hamburg auf der Dachterrasse noch einen Drink genommen. Dann bin ich mit den beiden Gründern und den Beratern nach Berlin weiter gezogen, wo wir mit einem Investor noch ein paar Bier getrunken haben. Aber das hatten wir uns auch verdient: Die Nächte in den Wochen vor dem Verkauf waren ziemlich kurz, aber die Arbeit war es wert.

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Über Jens Tönnesmann

Jens Tönnesmann, 36, ist freier Journalist. Seit 2008 berichtet er als Gründerreporter für die WirtschaftsWoche über junge Unternehmen und Trends in der Gründerszene und koordiniert den WirtschaftsWoche-Gründerwettbewerb. Außerdem lehrt er an der Kölner Journalistenschule, an der er das journalistische Handwerk selbst gelernt hat. Parallel zur journalistischen Ausbildung hat er Volkswirtschaftslehre und Politik in Köln und Vancouver studiert. An der University of British Columbia belegte er einen Entrepreneurship-Kurs, der mit einem Businessplanwettbewerb endete. Seitdem weiß er, wie schwierig es ist, eine tragende Geschäftsidee zu entwickeln, und wie leicht die Arbeit fällt, wenn man die zündende Idee gefunden hat und für sie brennt.

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Alle Kommentare [7]

  1. Ist es eigentlich naiv ein Unternehmen aufzubauen mit dem Ziel unternehmerische Gewinne zu erzielen?

    Einen „dummen“ Käufer zu finden ist doch nicht der Grund ein Unternehmen aufzubauen sondern eher ein Zeichen von Heuschreckentum.

    Die daran beteiligten Mitarbeiter aus Technologie, Design, Vertrieb und Organisation, die üblicherweise gering bis garnicht an so einem Exit beteiligt sind verlieren oft auch binnen kurzer Zeit nach einem Exit ihre Arbeitsplätze und werden einen Teufel tun, sich bei anderen so aufgestellten „Ventures“ nochmals mit vollem Einsatz zu beteiligen.

  2. Hallo Roland Moriz,
    ähnlich sehe ich das auch. Bei Schlagzeilen dieser Art habe ich immer den Eindruck, es wird nur gegründet, um zu verkaufen und sich damit eine goldene Nase zu verdienen. Die Vorgehensweise scheint immer die gleiche zu sein: Irgendein Geschäftsmodell aus den USA kopieren, Investoren holen und das Ganze Marketing- und Umsatzseitig groß aufblasen (ob dabei Gewinn erzielt wird scheint nicht wichtig zu sein) und dann das ganze teuer verkaufen. Danach hört man von diesen Unternehmen tatsächlich oft nichts mehr. Ich denke, dass die Mitarbeiter in den seltensten Fällen Beteiligungen halten und somit schnell ihren Arbeitsplatz los sind. Wo möglich wird mit dieser Handhabe eine ganze Generation Mitarbeiter hervorgebracht, welche dann ebenfalls nur noch an sich denken und nur das nötigste tun.

  3. Hallo Frank und Roland Moriz,

    auch ich stimme euch zu. Außerdem finde ich es ziemlich traurig! Natürlich reißen sich die „Großen“ um neue Ideen, Start-Ups mit großen Erfolgschancen. Aber ist das ein Grund ein lukratives gerade aufgebautes Unternehmen gleich zu verkaufen? Ich denke DailyDeal hat wirklich viel Potenzial – vielleicht gerade weil es behutsam aus dem Nichts aufgebaut wurde. Ich verstehe es absolut nicht, warum man das in die Hände von Google gibt!
    LG

  4. Letztendlich ist es immer eine Frage des Kaufpreises. Ich denke, dass es Unternehmen gibt, die in der Tat schnell verkauft werden (müssen), um schneller zu wachsen bzw. sich gegen eine starke Konkurrenz durchsetzen zu können. Bei den Rabattportalen wird sich am Ende meines Erachtens nur 1 oder 2 Player durchsetzen. Das wird sicher der mit der höchsten Marktmacht sein. Bei kleineren Nischenthemen im Internet bildet sich aber inzwischen durchaus ein „Mittelstand“ heraus. Da geht es nicht um die schnelle Kohle, sondern um ein Geschäftsmodell, das als Add-on zu lokalen Geschäften gesehen wird.

  5. Naja, für die Heilemann Brüder hat sich der Verkauf auf jeden Fall gelohnt. Nach nur 2 Jahren bereits Millionen einstreichen, dass können nur wenige. Und für die Samwers wird sich das auch lohnen. Die machen aus alles Gold.

  6. Das Interview zeigt sehr gut auf, dass man als Gründer sehr genau aufpassen sollte, wenn Investoren ins Boot geholt werden. Die Festlegung von gewissen Klauseln ist da ein sehr sensibler Punkt. Dennoch finde ich, dass ein Unternehmen nicht nur gegründet werden sollte, um es wieder zu verkaufen.