Garagen-Gründer gesucht

In Deutschland sinkt die Zahl der High-Tech-Gründungen – das ist die traurige Bilanz einer Studie von ZEW und Microsoft Deutschland. Einzig die Softwarebranche macht Hoffnung: Dort ist die Zahl der Startups weiter gestiegen – dank Internet, Cloud Computing und Smartphones.

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Nicht im schicken Loft oder im verglasten Bürokomplex haben Boje Holtz und seine drei Mitstreiter den Grundstein für ihr Unternehmen MobileBits gelegt, sondern im dunklen Keller ihrer Eltern. Neben der Waschmaschine und dem Lebensmittelregal fingen sie um die Jahrtausendwende an, Spiele fürs Internet zu programmieren. Von Risikokapitalgebern wurden sie anfangs belächelt. „Die fanden uns eine Nummer zu klein“, erzählt Holtz. Die Geldgeber hätten ihnen geraten, sich wieder zu melden „wenn wir mal zehn, zwanzig Millionen brauchen.“

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Microsoft-Deutschland-Chef Ralph Haupter (rechts) möchte mehr junge Menschen motivieren, ihre Berufslaufbahn als Gründer in der Garage zu beginnen – oder im Keller, wie MobileBits-Gründer Boje Holtz (links).

Zahl der Software-Startups steigt

Eine Gründer-Geschichte, die typisch ist für den Standort Deutschland. Zum einen, weil sie zeigt, wie schwer es junge Technologie-Unternehmen in Deutschland haben, an Kapital zu kommen. Zum anderen, weil der Software-Serktor eine der wenigen Branchen ist, in denen die Zahl der High-Tech-Startups überhaupt noch steigt – weil viele, kleine Garagen-Gründer die Chancen nutzen, die ihnen Internet, Cloud Computing und der Boom von Smartphones und Apps bieten.

Das belegt eine Studie (PDF) des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) und von Microsoft Deutschland. Danach ist die Zahl der Software-Gründungen in Deutschland im Jahr 2010 um zwei Prozent gegenüber dem Vorjahr gestiegen, nachdem sie bereits im Jahr 2009 einen großen Sprung nach oben gemacht hatte (siehe Grafik). Womöglich hält dieser Trend auch in Zukunft an: Das Umsatzpotenzial in der Cloud liege bei 8,2 Milliarden Euro, prognostiziert Microsoft-Chef Ralph Haupter, dank Cloud Computing könnten 820.000 Arbeitsplätze entstehen.

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High-Tech-Startups bleiben Mangelware

Soweit die guten Nachrichten. Die schlechte: Insgesamt ist die Anzahl der High-Tech-Gründungen wieder gesunken, nachdem sie in 2009 infolge der Einführung der Unternehmergesellschaft nach Jahren mal wieder gestiegen war. Doch der Aufwärtstrend war schnell zu Ende: Im Jahr 2010 verzeichneten die ZEW-Forscher zwei Prozent weniger neue High-Tech-Startups als im Krisenjahr 2009. Insgesamt wurden im Jahr 2010 rund 14.100 High-Tech-Unternehmen in Deutschland gegründet – das sind sogar deutlich weniger als in der zweiten Hälfte der 1990er Jahre, als in jedem Jahr durchschnittlich 18.500 Neugründungen zu verzeichnen waren (siehe Grafik).

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Scheitern ist schandhaft


Vor diesem Hintergrund sei es wichtig, in den mathematisch und naturwissenschaftlich orientierten Studiengängen eine „Gründerkultur“ zu etablieren und die „German Angst“ vor Fehlschlägen zu überwinden, so Microsoft-Chef Ralph Haupter. „Hierzulande ist es schandhaft, ein Unternehmen zu gründen und damit zu scheitern“, hat Haupter beobachtet, „dabei sollte der Mut zu gründen eigentlich honoriert werden, denn Gründer sind eine tragende Säule für die Volkswirtschaft“.

Sowohl Forscher wie Bettina Müller vom ZEW als auch Microsoft-Chef Haupter fordern außerdem bessere Rahmenbedingungen für High-Tech-Gründer und ihre Geldgeber – etwa steuerliche Vergünstigungen für Investitionen. Auch die Kürzungen beim Gründungszuschuss seien für kleinere Unternehmergesellschaften „schade“, erklärte Müller, für die Spitzentechnik dürften sie allerdings kaum Auswirkungen haben.

Umso wichtiger ist für innovative Unternehmen der High-Tech-Gründerfonds, der von Vater Staat und großen Konzernen getragen wird. Das belegt auch das Beispiel MobileBits: Der Fonds investierte im Jahr 2009 in das junge Unternehmen.

Inzwischen beschäftigen die Gründer um Boje Holtz 20 Mitarbeiter, programmieren nicht nur selbst Spiele, sondern haben eine Plattform entwickelt, mit der auch andere Anbieter ihre Internetspiele für verschiedene Endgeräte umsetzen können. Außerdem wurde das Startup von Microsoft in die Gründerinitiative „unternimm was“ und den „BizSpark One“ aufgenommen – eine Auszeichnung, die nur wenigen Gründern zuteil wird und ihnen unter anderem Zugang zu Investoren im Silicon Valley verschafft. Anders als in Deutschland ist Risikokapital dort nicht Mangelware.

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Über Jens Tönnesmann

Jens Tönnesmann, 36, ist freier Journalist. Seit 2008 berichtet er als Gründerreporter für die WirtschaftsWoche über junge Unternehmen und Trends in der Gründerszene und koordiniert den WirtschaftsWoche-Gründerwettbewerb. Außerdem lehrt er an der Kölner Journalistenschule, an der er das journalistische Handwerk selbst gelernt hat. Parallel zur journalistischen Ausbildung hat er Volkswirtschaftslehre und Politik in Köln und Vancouver studiert. An der University of British Columbia belegte er einen Entrepreneurship-Kurs, der mit einem Businessplanwettbewerb endete. Seitdem weiß er, wie schwierig es ist, eine tragende Geschäftsidee zu entwickeln, und wie leicht die Arbeit fällt, wenn man die zündende Idee gefunden hat und für sie brennt.

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Alle Kommentare [2]

  1. Darf man sich darüber wundern, bei der derzeitigen Lage?
    Der Staat zockt ab, Gewerbesteuervorauszahlungen usw.,
    Steuerfahndung bei geringsten Verstößen oder Unachtsamkeit.
    Unser Gemeinwesen wird kaputtgemacht durch eine unfähige
    Politiker- und Banksterkaste.

  2. @ Joker Sie haben Rechtsanwälte und Bürokraten vergessen. Die Bürokraten sorgen für einen Stapel an Rechnungen (HWK/IHK, Notar, GEZ, Gewerbeamt und andere Wegelagerer) und Formularen (USt., Hobby, keine Gewinnerzielungsabsicht), bevor überhaupt ein Cent verdient wurde. Wer das ohne Hilfe durchsteht, trifft früher oder später auf die Rechtsverdreher. Patent-,Marken- und Gewerberecht, die sicherste Methode viel Geld zu verlieren. Abmahnungen über xxx€ weil statt Inhaltsstoffe Ingrdenzien auf der Verpackung steht… Sie haben nur solange Recht, wie ihr RA allein ist, ein ganz toller Typ. Bis es Hart auf Hart kommt. Dann ändert sich die Sachlage plötzlich und für einen 50:50 Vergleich reicht es immer. An mehr haben die auch kein Interesse. Wenig Arbeit für alle Rechtsverdreher und beide haben prächtig verdient.