Seid eine Rockband!

"Wir haben mit unserer Band jahrelang auf den kleinsten Bühnen im ganzen Land gespielt – als Gage gab’s häufig nur das Bier, das wir getrunken haben. Anstrengend war das, vor allem, wenn das Publikum eine andere Band hören wollte und für uns nicht viel mehr als Buhrufe erübrigen konnte. Tomaten sind uns zwar nicht um die Ohren geflogen, aber manchmal hatten wir den Eindruck, dass das kurz bevorstand.

Dabei den Glauben an sich nicht zu verlieren und genug Ausdauer zu haben, ist nicht einfach. Aber das schweißt auch zusammen. Und vor allem: man wird immer besser. Man verbessert das Zusammenspiel, vertraut sich schließlich blind. Vor allem weiß man irgendwann, welche Stücke richtig abgehen, und welche für das Publikum schwieriger sind.

Und je besser man wird, desto besser wird die Stimmung, und desto mehr Freunde bringen die Leute mit. Und so spricht sich rum, dass man was drauf hat… Und das pflanzt sich fort. Bis man den Punkt erreicht hat, wo es kippt und die ganze Sache zum Selbstläufer wird. Und dann steht man mit einem Mal bei Stefan Raab im Studio und weiß, warum man die Mühen auf sich genommen hat."

Was diese Geschichte mit viralem Marketing für Web Start-Ups zu tun hat? Man mag’s kaum glauben, aber eine ganze Menge! Es scheint, als ob manche Gründer im Web glauben, dass es ausreicht, wenn sie ihre innovative Plattform ins Netz bringen und mittels E-Mail fünfzehn gute Freunde als erste Nutzer anwerben. Und danach setzt dann der magische Effekt ein, der die Nutzer schnell zu Tausenden auf die Plattform schaufelt: Virales Marketing passiert und wird das Kind schon schaukeln.

Leider ist das meistens ein Irrtum – zumindest dann, wenn man eine Plattform hat, die zwar nett ist, interessant, aber erst dann revolutionär wird, wenn sie von revolutionär vielen Leuten genutzt wird. Ein zweiter Irrtum ist, dass man, wenn die Plattform schon im Netz steht, Viral Marketing bei externen Spezialisten buchen kann, damit das Wunder geschieht. Auch das wird in den seltensten Fällen gelingen.

Warum aber die Geschichte mit der Rockband?

Eine Web-Plattfrom groß zu machen, ähnelt in den ersten Wochen und Monaten der Knochenarbeit, die viele Bands leisten müssen, bevor sie es ins große Rampenlicht schaffen. Oft entsteht der Eindruck, eine neue Rockgruppe hätte sich innerhalb weniger Wochen aus der Anonymität in den Star-Olymp gespielt. Wenn man dann Jahre später die Geschichte der Band liest, wird klar, dass das alles andere als wahr ist.

Häufig hat die Band zuvor jahrelang im Verborgenen geackert, immer wieder gab es Momente, in denen der eine oder andere Musiker die Mühe leid war und die Brocken hinwerfen wollte. Zähigkeit und Ausdauer führen aber irgendwann dazu, dass doch genug Momentum entsteht und die Mundpropaganda über die Band schließlich den "Tipping Point" erreicht…

In dem Moment kommt dann manches zusammen: die Plattenfirmen beginnen sich zu interessieren, die Medien vielleicht auch. Die Band "erscheint plötzlich auf der Bildfläche". Nach Jahren harter Arbeit. Erfolgreiche Web-Plattformen leben ebenso davon, dass es eine "Rampensau" im Team gibt, die einerseits die Sache in der Öffentlichkeit vorantreibt und unermüdlich "Live-Auftritte macht", und die andererseits passend zum dabei eingeholten Feedback die Optimierung des Produktes ermöglicht.

Xing wäre wohl nicht geworden, was es heute ist, wenn Lars Hinrichs nicht mit viel Mühe sein großes Kontaktnetzwerk dafür begeistert hätte, sich auf der Plattform zu engagieren. Es gibt kaum jemanden in Web2.0-Deutschland, der nicht schon mal Christian Clawien begegnet ist. Als "Mister Wong" tingelt er seit über einem Jahr durch die Lande. Da mag mancher denken: "Der hat’s leicht, Mister Wong kennt doch jeder!"

Leider nicht, es ist anders herum: jeder kennt es, weil Christian nicht müde wird, von Social Bookmarking zu erzählen. Hat jemand in den letzten Monaten Sarik Weber von Cellity irgendwo gesehen? Dann liegt die Wahrscheinlichkeit bei 100 Prozent, dass er grade dabei war, den Leuten in seinem Umkreis von seinem Unternehmen zu erzählen.

Das Schöne ist, dass diese Gespräche drei Fliegen mit einer Klappe schlagen: sie machen die Plattform bekannt, erlauben dem Betreiber zu erfahren, was sich verbessern lässt und bauen persönliche Beziehungen zwischen Unternehmen und interessierten Nutzern auf. Das weniger Schöne: es kostet enorm viel Zeit, Ausdauer und Hingabe.

Wer also ein Start-Up gründet und es sich nicht leisten kann, für Nutzerwerbung Millionen von Euros auszugeben (und das meiste davon zu vergeuden), sollte im Kopf behalten: Ihr seid eine Rockband!

Erspielt Euch Eure Fans!

Konferenzen, Barcamps, Blogs, Foren, Kongresse, Journalisten, … das ist Euer Publikum. Da müsst Ihr tingeln gehen. Und von Eurem Projekt erzählen.

Seid ruhig nett und höflich dabei – es schadet keineswegs, wenn man mit Charme und Begeisterung von der eigenen Arbeit spricht und Leute für sich einnehmen kann. Wenn Euch keiner mag, dann kommt auch niemand zum Konzert. Eure Setlist, Eure Songs, das sind die Features und Tools auf Eurer Plattform.

Wenn also ein Song keine Stimmung bringt und die Leute dabei lieber Bier holen gehen, dann schmeißt ihn raus und baut was anderes ins Programm.

Seid Euch nicht zu schade, vom Publikum zu lernen, und auch zurückzumelden, dass Input wichtig und hilfreich und umgesetzt worden ist. Denn wer merkt, dass sich die eigenen Anregungen auf der Plattform wieder finden, der wird dem Projekt viel mehr Interesse und Loyalität entgegenbringen.

Die besten Fans sind diejenigen, die schon mal hinter die Bühne durften und einen persönlichen Draht zu Euch haben. Aus wissenschaftlichen Untersuchungen wissen wir, dass diejenigen Unternehmen mehr positive Mundpropaganda von ihren Nutzern oder Kunden bekommen, die eine persönliche Beziehung aufbauen und ihre Kunden intensiv mitwirken lassen.

So macht man Viral Marketing. Und das ist genau das, was eine gute Band auch macht.

Rock on. Wir sehen uns im Wembley-Stadion.

(Hier bloggt Martin Oetting über Mundpropaganda.)

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Alle Kommentare [16]

  1. Hallo,
    ich glaube der Link zu Mister Wong führt nicht dahin, wo er eigentlich hin sollte – bitte mal überprüfen ;-)

  2. Hallo,
    das ist wirklich ein sehr guter Ansatz. Insbesondere stimme ich zu, dass es mindestens eine „Rampensau“ im Team geben muss. Ein gutes Beispiel ist hier Ehssan Dariani. Egal was die Leute teilweise über ihn denken, er hat es geschafft StudiVZ immer wieder ins Gespräch zu bringen. Diese Strategie wird bestimmt einen großen Beitrag zum Erfolg von StudiVZ geleistet haben.

    Viele Grüße aus Hamburg

    Sebastian von http://www.urdeal.de

  3. Ich denke, es kommt darauf an, welche Platform man macht. Man braucht nicht allen Bekannten etc. ueber sein Projekt erzaehlen, wenn die ueberhaupt keinen Markt darstellen. Man sollte schon gezielter vorgehen.

  4. Hallo Martin,

    einer der besten Beiträge, die ich je zum Thema gelesen habe. Man spürt die Leidenschaft… Mein Kompliment!

    @Sebastian
    Ehssan hat es geschafft den PR-Wert von StudiVZ möglichst hochzuhalten. Die Frage ist, ob die Art und Weise wirklich sinnvoll war… Kommunikative Menschen brauch jedes Team. Menschen, die ein hohes Einfühlungsvermögen besitzen und wissen, wie sie „sprechen“ müssen um Aufmerksamkeit zu erzeugen. Dennoch sollten gewisse Gepflogenheuten beachtet werden.

    Gruß an Alle,

    Benedikt

  5. Danke für den sehr guten Artikel: Der Vergleich hat einfach was! Ich glaube da werde ich noch des öfteren dran denken.

  6. @Benedikt:
    Ehssan hat wirklich einige Grenzen überschritten, die ich nicht überschreiten würde. Seine Aktionen waren auch mit einem gewissen Risiko verbunden, da Communities auf solche Geschichten sehr empfindlich reagieren können. Ich denke aber, dass er sich sehr geschickt auf einem schmalen Grad bewegt hat, obwohl es auf jeden Fall bessere Wege gibt die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen.

    Viele Grüße
    Sebastian

  7. Großes Lob für diesen Artikel, spricht jedem aus dem Herzen der ein Start-up gegründet hat. Nine-to-Five Job ade, 14 Stunden-Tag willkommen und trotzdem mehr Spaß dabei als vorher. Unser kleines Projekt http://www.bidgo.de wächst und gedeiht zwar in kleinen Schritten, aber ich werde nicht müde, darüber zu reden, schreiben und davon zu träumen :-)

  8. Das Thema „Firmengründung“ ist sehr komplex. Zwei Bedingungen sind unverzichtbar:

    1. „Ohne USP hat Start-Up-Marketing keine Erfolgs-Chancen.“

    Beweis: ausnahmslos alle berühmten Marken haben zum Zeitpunkt ihrer `Geburt` einen USP ausgelobt. Deshalb können die heute bekannten Marken nur dann ein Vorbild sein, wenn man ihre Anfänge studiert.

    Der Begriff USP wird häufig mißverstanden. Um den tieferen Sinn zu begreifen, sollte man unbedingt das Buch des Erfinders vom USP lesen: `Werbung ohne Mythos` von Rosser Reeves. Eine Übersicht zum USP-Marketing findet man bei http://www.werben-mit-erfolg.com/uspmarketing.html

    2. „Ohne Beachtung der zeitlosen Gesetzmäßigkeiten erfolgreicher Werbung hat man keine Chancen auf den Endverbraucher-Massenmärkten.“

    Es gibt eine Fülle von Werberegeln. Die sind im Einzelfall allerdings nur dann sinnvoll, wenn sie von zeitlos und generell gültigen Gesetzmässigkeiten abgeleitet sind. Dabei ist es wichtig zu unterscheiden zwischen rationalen und irrationalen Entscheidungskriterien. Die unverzichtbaren Voraussetzungen erfolgreicher Werbung werden im Einzelnen erläutert bei http://www.werben-mit-erfolg.com

  9. Super geiler Artikel, hat mir sehr gut gefallen. Ich versuche für rechtsanwalt.net die genannten Punkte mal umzusetzen.

    Vielen dank und Beste Grüße
    Andreas

  10. Toller Beitrag. Der Vergleich ist super und verleitet einen zum nachdenken. Wie beschrieben sehen viele Leute die Arbeit die hinter einem Projekt steht nicht. Ich sehe gerade bei http://www.noplagiate.de wie schwierig das Markteting ist, aber wie es so schön heißt soll man ja Ausdauer und Geduld haben.

  11. Ich hab mir den Artikel gleich ausgedruckt und aufgehängt. Ich finde es ist ein super Vergleich der auch immer wieder motiviert wenn man mal eine kleine Tiefphase hat.

  12. Hey Martin, ein wirklich schöner Vergleich. Bilder sagen oftmals mehr als Worte. Rock `n` roll!

    Oliver

  13. Der Link am Ende sollte wohl auf Martins Blog führen, tut er aber nicht. Ist mir nur gerade aufgefallen, vielleicht könnt Ihr das mal korrigieren.