Wie Fußballturniere die Börse beeinflussen

Auch Aktienhändler sind Fußballfans, daher haben wichtige Spiele teils enorme Auswirkungen an der Börse.

Die Fußball-Europameisterschaft fesselt ein Millionenpublikum und ab und an leidet darunter auch die Konzentration am Arbeitsplatz. Natürlich unterhalten sich auch professionelle Aktienhändler über die Spiele oder verfolgen den Verlauf, wenn sie während der Arbeitszeiten stattfinden.

Wie stark diese Ablenkung jedoch das Börsengeschehen beeinflusst, hat mich doch überrascht. Michael Ehrmann und David-Jan Jansen haben die Effekte während der WM 2010 in einer umfangreichen Studie an 15 Börsen weltweit analysiert.

„Die Marktaktivität wurde von den Spielen beeinflusst“, schreiben die beiden Ökonomen der Europäischen Zentralbank (EZB). Und dieser Einfluss ist enorm: Wenn das eigene Nationalteam spielte, fiel die Zahl der Geschäfte im Schnitt um 45 Prozent, das Handelsvolumen sogar um 55 Prozent. Spielte das Team eines anderen Landes, sank die Zahl der trades immerhin noch um 24 Prozent.
Besonders problematisch sind torreiche Begegnungen, denn bei einem Tor sank die Handelsaktivität um weitere fünf Prozent.

Sehr interessant sind auch die Unterschiede in den untersuchten Ländern. Besonders groß waren die Rückgänge – vielleicht wenig überraschend – in Lateinamerika. Während der chilenischen Spiele sank die Zahl der Geschäfte an der dortigen Börse um sagenhafte 83 Prozent. Die Argentinier ließen sich auch von anderen Spielen besonders ablenken, dort gab es dabei einen Rückgang von 40 Prozent.

Rückgang der Trades bei Spiel des eigenen Teams (eines anderen Teams)

Chile 83% (28%)
Argentinien 72% (40%)
Brasilien 65% (17%)

Doch auch in Deutschland ist die Fußballbegeisterung der Börsenhändler besonders groß, wie der Rückgang der Geschäfte von fast 60 Prozent zeigt. In England waren die Börsianer dagegen professioneller (-21%).

Das könnte man mit der größeren Bedeutung des Finanzplatzes London erklären, doch dagegen sprechen die US-Zahlen: Um 42% sank in den USA die Zahl der trades, das ist sogar mehr als in traditionellen Fußballnationen wie Italien oder im Land des späteren Weltmeisters.

Auch die Autoren waren wohl über die Zahlen der nicht gerade als Fußballenthusiasten bekannten US-Amerikaner überrascht. Sie weisen jedoch darauf hin, dass die Fußballbegeisterung dort deutlich gestiegen sei. „Gleichzeitig haben Investoren an den US-Märkten oft einen internationalen Hintergrund“, schreiben Ehrmann und Jansen, „das könnte die starken Effekte erklären“.

Deutschland 59% (30%)
England 21% (23%)
Frankreich 30% (21%)
Italien 20% (22 %)
Spanien 26% (23%)
USA 42% (24%)

Insgesamt 45% (24%)

Die US-Zahlen könnten zudem auch für die EM bedeutsam sein. Denn da die Spiele nach dem deutschen Börsenschluss stattfinden, wirkt sich der Fußballeffekt derzeit an den deutschen Börsen derzeit wohl kaum aus. „Wir machen keine Untersuchung zur EM, insbesondere da die späteren Anstoßzeiten eine solche Untersuchung nicht sinnvoll erscheinen lassen“, erklärte mir Ehrmann.

So wird man wohl leider auch nicht erfahren, ob auch die EM in den USA oder Lateinamerika Rückgänge verursacht – denn dort wird wegen der Zeitverschiebung während der Spiele noch gehandelt.

„Ich würde wenn überhaupt, deutlich geringere Effekte erwarten“, sagt Ehrmann mit Bezug auf die USA. Schließlich hätte das Land in Südafrika selber gespielt, so dass eventuell mehr Aufmerksamkeit darauf fiel, als jetzt. Das gleiche gelte für die fehlenden lateinamerikanischen Teams. „Außerdem sind ja nur 16 statt 32 Mannschaften am Start“.

Doch auch unabhängig davon ist die Handelsaktivität längst nicht durchgängig so intensiv, wie man als Außenstehender vermuten könnte. In der Mittagszeit zwischen 12:00 und 14:00 Uhr sinkt die Zahl der Geschäfte täglich im Schnitt auch um 38 Prozent.

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