„KI wird unser Land verändern“

Roland Berger-Deutschland-Chef Stefan Schaible über die Chancen und Begleiterscheinungen Künstlicher Intelligenz

Herr Schaible, wie groß sind die Chancen, dass die deutsche Wirtschaft mit neuen Produkten und Dienstleistungen auf der Basis von Künstlicher Intelligenz weltweit ganz vorne mitmischt?

Schaible: Deutschland liegt derzeit sicher nicht vorne, sondern klar hinter Ländern wie China oder den USA zurück. Deutschland hat aber gute Karten, beim Thema Künstliche Intelligenz international aufzuholen. Unser Land hat traditionell eine starke industrielle Basis. Das Entscheidende ist dabei, dass deutsche Industrieunternehmen über das für die Entwicklung von KI-Lösungen notwendige hochwertige Datenmaterial verfügen. Schließlich bedeutet KI nichts weiter, als dass Computer ähnlich wie Menschen selbstständig lernen, urteilen und Probleme lösen können. Und das tun sie auf der Basis von Daten.

Stefan Schaible ist Deutschlandchef der Unternehmensberatung Roland Berger; Photo: © Jan Voth

Stefan Schaible ist Deutschlandchef der Unternehmensberatung Roland Berger; Photo: © Jan Voth

Wie ist der Status quo, was Deutschland und das Thema KI angeht?

Schaible: Deutschland bewegt sich im oberen Mittelfeld. Unsere Chancen liegen vor allem im produktionsnahen Bereich. In der deutschen Gründerszene gibt es mittlerweile über 100 Start-ups, von denen sich viele mit KI in diesem Bereich beschäftigen. Dazu gehören spannende Vorreiter, die zum Beispiel auf der Basis von Künstlicher Intelligenz dazu beitragen, dass in der Produktion eingesetzte Roboter schneller von Menschen lernen und Avatare mit Menschen im Kundenservice interagieren können. Beim Thema autonomes Fahren verfügt Deutschland über tragfähige Innovationen, die sich international durchzusetzen werden. Natürlich gibt es über alle Branchen hinweg gesehen noch etliche traditionelle Produkte und Prozesse, die von KI profitieren könnten. Und viele Unternehmen haben hier ihr Potenzial noch nicht einmal erkannt. Die Tatsache aber, dass Künstliche Intelligenz dazu beitragen kann, Störausfälle in der Produktion und Fehlerquellen bei Maschinen schneller zu beheben, dürfte in der nächsten Zeit immer mehr Unternehmen davon überzeugen, dass es sich lohnt, das Thema KI aufzugreifen. In der jetzigen Situation, wo die Konjunktur zumindest in einigen Branchen nachlässt, werden die Unternehmen sich verstärkt um Effizienzsteigerung bemühen. Dadurch wird auch die Nutzung von KI an Schubkraft gewinnen.

Welche Maßnahmen von staatlicher Seite sind jetzt erforderlich, um die Chancen von KI in Deutschland stärker zu nutzen?

Schaible: Die Strategie der Bundesregierung, Forschung und Anwendung bis 2025 mit über drei Milliarden Euro zu unterstützen, ein Netz von Forschungszentren aufzubauen, rund 100 neue Professuren einzurichten und den Know-how-Transfer in den Mittelstand hinein zu fördern, zielt in die richtige Richtung. Für eine Welle an KI-Innovationen muss die Start-up-Szene jedoch noch stärker gefördert und der Venture Capital-Markt durch steuerliche Anreize weiter angekurbelt werden. Zudem braucht es in puncto Austausch von KI-relevanten Daten eine breite Kooperationsoffensive zwischen Unternehmen unterschiedlicher Branchen und Größenordnungen mit der Forschung. Wenn es schnell genug gelingt, Industrie- mit KI-Know-how zu verknüpfen, dann können in Deutschland die Sprunginnovationen gelingen, die es braucht, um eine Spitzenposition im weltweiten KI-Geschehen zu besetzen.

Was kann die deutsche Wirtschaft tun, um im breiten Stil KI-fit zu werden?

Schaible: Die deutsche Wirtschaft hat zehn Jahre Wachstum hinter sich. Jetzt ist die Herausforderung, in Bewegung zu kommen, stärker auf Kooperationen und Ökosysteme zu setzen und die Digitalisierung und Künstliche Intelligenz in direkter Interaktion mit der Forschungs- und Start-up-Szene, aber auch mit Mitbewerbern und Unternehmen anderer Branchen zu nutzen. Algorithmen können in gesprochener Sprache, Texten oder auch in Bildern Muster erkennen, auf dieser Basis Ereignisse vorausberechnen und Entscheidungen treffen. Solche lernenden Systeme, wie wir sie aus der Spracherkennung – Stichwort Alexa und Siri – kennen, werden in Zukunft in allen erdenklichen Feldern zum Einsatz kommen. Sie werden zum Beispiel die Bedienung eines Flugzeugs, den Aufenthalt in einem Krankenhaus oder auch die Art und Weise, wie Marketingaktivitäten geplant und gesteuert werden, grundlegend verändern. Um hier am Ball zu bleiben, brauchen die Unternehmen Plattformen für den Wissenstausch, für gemeinsame Entwicklungsarbeit, genauso wie Kooperationsmodelle, weil hier Innovation stärker vernetzt stattfinden wird.

Was macht Sie so zuversichtlich, dass gerade Deutschland für das Thema KI gut aufgestellt ist?

Schaible: Deutsche Unternehmen haben in der Vergangenheit bewiesen, dass sie in der Lage sind, exzellente Produkte und Dienstleistungen zu liefern, dabei einen hohen industriellen Qualitätsstandard zu erfüllen und auch noch supereffiziente Prozesse auf die Beine zu stellen. Das wird ihnen auch diesmal gelingen. Ein wichtiges Momentum im Umgang mit Daten ist Fair Play. Im vergangenen Jahr haben wir alle erst einmal zurecht über die Einführung der neuen europäischen Datenschutzgrundverordnung geklagt, weil sie dem Geschäftsmodell vieler Unternehmen im Wege stehen kann. Doch die konsequente Auseinandersetzung mit der Frage, wie wir eine faire Balance zwischen dem individuellen Recht auf Datenschutz mit dem Recht auf den für die Entwicklung neuer Geschäftsmodelle notwendigen Spielraum, Daten zu speichern und weiterzuverarbeiten, bietet auch Chancen. Denn damit können sich Unternehmen differenzieren und neue Produkte und Geschäftsmodelle erfolgreich entwickeln. Das ist ein wichtiger Aspekt im internationalen Wettbewerb – nicht nur für die deutsche, sondern für die gesamte europäische Wirtschaft. Auch in China und den USA dürften Wirtschaft und Politik, was den Umgang mit Daten angeht, in Zukunft an die Grenzen der Akzeptanz der Verbraucher stoßen. Ohne Vertrauen und Fair Play können Geschäftsbeziehungen auf lange Sicht nicht erfolgreich sein. Europa sollte diesen Aspekt auch industriepolitisch viel stärker spielen. Im Interesse der Menschen und der Wirtschaft.

KI ist auch ein Angst besetztes Thema. Berechtigterweise oder nicht?

Schaible: Die Ängste sind zum Teil verständlich, denn Künstliche Intelligenz wird unser Land verändern. KI wird Einzug in alle Branchen halten, die Berufsbilder immer wieder umkrempeln und manche Jobs obsolet machen. Die Arbeitgeber dürfen sich hier nicht aus der Verantwortung ziehen und sollten Mitarbeiter unterstützen, die sich um- oder weiterqualifizieren wollen.

Welche Maßnahmen können dazu beitragen, dass deutsche Arbeitnehmer Teil der KI-Revolution und nicht einfach nur von ihr überrollt werden?

Schaible: Die deutsche Wirtschaft muss sich aktiv an der Diskussion beteiligten, wie die großen Umwälzungen der kommenden Jahre auf dem Arbeitsmarkt, aber auch im Bildungs- und Sozialsektor am besten aufgefangen werden können. Sonst ist zu befürchten, dass radikale politische Strömungen weiter gestärkt werden. Schon heute und in Zukunft noch mehr wird der Normalbürger im Laufe seiner beruflichen Karriere immer wieder Umbrüche bewältigen müssen. Beruflich gesehen wird er Phasen erleben, in denen er sich um- oder weiterqualifizieren oder einen Arbeitgeberwechsel überbrücken muss. Aber auch private Elemente spielen eine Rolle, egal ob es um Kindererziehung oder Pflege von Familienangehörigen geht. Hier muss der Staat ein Angebot machen, das den Menschen Sicherheit in Zeiten des Wandels bietet.

Wie soll das gehen?

Schaible: Eine Überlegung wäre, statt eines Dschungels an Sozialleistungen alles in einer Art „Arbeits-Lebensversicherung“ zu bündeln. Das System könnte Arbeitslosenversicherung, Weiterbildungsangebote auch in Sachen Digitalisierung (etwa ein KI-Führerschein), Eltern- und Pflegegeld, Ausbildungsleistungen, Lebensarbeitszeitkonten, Rechte aus Sabbaticals und viel mehr zusammenführen. Dies wäre ein Angebot, das der modernen Arbeitswelt entspricht. Dazu müsste natürlich auch die Finanzierungsmethodik von Sozialansprüchen weiterentwickelt werden. Das ist aber nicht nur eine Verantwortung der Politik. Auch Unternehmen sollten sich daran beteiligen und eigene Ideen sowie Lösungen vorstellen. Die Sozialversicherungssysteme sind ja in Deutschland mit Beteiligung von Arbeitgeber- und Arbeitnehmervertretern aufgestellt. Keiner kann sich wünschen, morgen in einer Gesellschaft mit zwei getrennten Welten zu leben: einer Welt von Bürgern, die am Arbeitsleben teilhaben. Und einer anderen Welt, in der sich diejenigen bewegen, die in der Wirtschaft keinen Platz mehr gefunden haben und sich vom Fortschritt abgehängt fühlen. Eine solche Welt können wir uns schon angesichts unserer demografischen Situation nicht leisten. Außerdem wäre dadurch der soziale Frieden erheblich gefährdet.

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