PwC, Booz und die Industrialisierung der Prüfungs- und Beratungswelt

Einen Tag vor Heiligabend 2013 machten sich die Partner der Strategieberatung Booz&Company ihr schönstes Weihnachtsgeschenk selbst, indem sie vor aller Welt erklärten: „Ja, wir sind bereit zur Elefanten-Hochzeit mit dem Wirtschaftsprüfungskonzern PwC.“ Na dann: Herzlichen Glückwunsch! Congratulations! Toutes nos félicitations! ¡En hora buena! 恭喜 Gōngxǐ

Bis März 2014 wollen das Mauerblümchen der Strategieberatung
und ihr schmucker Bräutigam das gemeinsame Glück auch amtlich unter Dach und Fach bringen. Amerikanische Marktbeobachter frotzeln derzeit zwar „Nobody´s paid this much for booz since the prohibition“. (zu Deutsch: „Seit der Prohibition hat niemand soviel für Schnaps bezahlt”) – weil nach Fusionen unter Beratungshäusern in aller Regel die besten Köpfe wegen des Kulturschocks schnell von dannen ziehen. Doch der Deal hat vor allem Symbolcharakter.

Debatte um die Glaubwürdigkeit der Abschlussprüfer abgestreift

Er macht deutlich, wie sehr sich das Selbstverständnis und der Wertekanon der Big Four der Wirtschaftsprüferszene ausgerechnet seit der Finanzkrise verschoben haben. Die Öffentlichkeit hatte gehofft, dass die Wirtschaftsprüfer ihre Lektion aus dem Enron-Skandal und dem Versagen bei der Testierung aufgeblasener Bankenbilanzen gelernt hätten. Nun darf sie zur Kenntnis nehmen, dass PwC, KPMG, EY und Deloitte die Debatte rund um ihre Glaubwürdigkeit als Abschlussprüfer längst abgestreift haben und keinen Hehl mehr daraus machen, dass sie vor allem eines umtreibt: wie sie am schnellsten in die High-End-Liga der hochbezahlten Strategieberater McKinsey, BCG und Bain vorstossen können.

„Die Fusion von PwC und Booz ist ein perfekter Match“ schwärmten mir in den letzten Wochen denn auch gleich zwei Berater-Berater vor, also Branchenexperten, die ihr Geld damit verdienen, Prüfungs- und Beratungsfirmen in puncto Markenimage und Geschäftsstrategie zu beraten. Globale Konzerne verlangten gerade jetzt nach Consultants, die das gesamte Spektrum an Beratungsdienstleistungen im globalen Maßstab aus einer Hand anbieten könnten, lautete ihr Argument.

Mein Einwand, die Wirtschaftsprüfer setzten mit ihrem scheinbar ungebremsten Vormarsch in die Strategieberatung, ihre Glaubwürdigkeit als Abschlussprüfer aufs Spiel, das immerhin ein öffentliches Amt sei, strichen die beiden Herren mit dem Argument vom Tisch: „Die Öffentlichkeit ist auf die neue Rolle der Wirtschaftsprüfergesellschaften als Strategieberater doch schon bestens vorbereitet“. Bereits 2010 hätte Roland Berger doch mit Deloitte zum ersten Mal über eine Fusion verhandelt. Eine Elefanten-Hochzeit zwischen zwei großen Häusern aus den verschiedenen Welten – Strategieberatung und Wirtschaftsprüfung – sei daher für die Öffentlichkeit doch keine Überraschung mehr.

Chefkontrolleur bei dem einen Konzern, Chefstrategieberater bei dessen Konkurrenten. Na und?

Doch stimmt das wirklich? Ist diese neue Prüfungs- und Beratungswelt, die sich da am Horizont abzeichnet, wirklich erstrebenswert, nur weil sie für uns keine Überraschung mehr sein soll? Drehen wir die Uhr einfach mal drei Jahre zurück: Am 1. Dezember 2010 berichtete das Handelsblatt, dass Herbert Müller, damals Deutschlandchef von Ernst & Young (heute EY), die strikte Trennung von Beratung und Prüfung fordere. Müller, so schrieb die FTD damals, habe sich entsetzt über den Plan des Wettbewerbers Deloitte gezeigt, den Strategieberater Roland Berger übernehmen zu wollen. „Wäre diese Fusion gekommen, hätte sie die Lehren der 90er-Jahre komplett missachtet“, zitierte das Blatt den damaligen Ernst&Young-Oberen. Die Lehren aus dem Enron-Skandal seien laut FTD gewesen, dass der Abschlussprüfer Arthur Andersen mehr mit der Beratung des US-Energiekonzerns verdient habe als mit der Bilanzprüfung. Die falschen Bilanzen schickten Enron in die Pleite, und Arthur Andersen löste sich auf.

Tabus sind dazu da, gebrochen zu werden

Mit seiner Kritik an dem profitorientierten Überbordwerfen von Tabus stand Herbert Müller damals bei Weitem nicht alleine da. Und auch heute noch stehen viele Mitglieder des Berufsstands der Wirtschaftsprüfer dem Wunsch der Big Four kritisch gegenüber, sich nicht mehr mit der Rolle des Chefkontrolleurs zufrieden geben zu wollen, sondern parallel dazu auch noch den Part des Chefstrategen und –gestalters á la McKinsey für sich in Anspruch zu nehmen. 2010 erklärte Herbert Müller deshalb, die Regulatoren aus Brüssel störe vor allem der Drang der Wirtschaftsprüfer, künftig mehr an der Beratung verdienen zu wollen und beteuerte deswegen: „Strategieberatung ist nicht unser Geschäft und wird es auch nicht mehr werden“.

Davon kann heute keine Rede mehr sein. Müllers Nachfolger, EY-Deutschlandchef Georg Graf Waldersee verwies im Dezember stolz auf die hohen Wachstumsraten seines Hauses gerade im Beratungsgeschäft. Erst in diesem Herbst übernahm EY die französische Strategieberatung Greenwich. KPMG-Deutschlandchef Klaus Becker verkündete kurz vor Weihnachten stolz, dass sein Haus den Strategieberatern auch in Deutschland immer mehr Kunden abjage. Gemeinsam mit den Schwestergesellschaften aus den USA und Großbritannien habe sein Unternehmen zudem KPMG Capital gegründet, um sich an Dienstleistungsunternehmen in aller Welt beteiligen (10 bis 25 Prozent) zu können, die „unser Angebot sinnvoll ergänzen“. Die angeblich 100 Millionen Euro schwere Beteiligungsgesellschaft soll die IT- und Technologiekompetenz von KPMG weltweit stärken und eigene Innovationslücken ausgleichen. Und auch Deloitte verleibte sich bereits Anfang 2013 die Strategieberatung Monitor ein, eine Übernahme, die – so Deloitte-Deutschlandchef Martin Plendl – dem Haus auch in Deutschland neue Kundenkontakte beschert hat.

Doch zurück zu den Hochzeitsplänen von PwC und Booz. Booz-Weltchef Cesare R. Mainardi sieht in dem Zusammenschluss seines Hauses mit der weltweiten Nummer zwei der Wirtschaftsprüfung PwC die Chance, „die Managementberatung für das nächste Jahrhundert neu zu erfinden“.

Ex-SEC-Chef Arthur Levitt warnt: „Wir fallen zurück“

Der ehemalige Chef der US-Börsenaufsicht SEC Arthur Levitt hat da eine völlig andere Sicht. Er warnte Ende Oktober im US-Wirtschaftsmagazin Bloomberg Business Week davor, dass die anstehende Fusion ein Signal dafür sei, dass die Gesellschaft in Bezug auf die Unabhängigkeit der Abschlussprüfer zurückfalle. („We are slipping back“) und forderte: „Je mehr der Berufsstand der Wirtschaftsprüfer in das Consultinggeschäft vorstösst, umso mehr müssen seine Prüfungsaktivitäten hinterfragt werden“. Levitts ehemaliger Kollege bei der SEC, der langjährige Chef-Wirtschaftsprüfer der US-Börsenaufsicht, Lynn Turner geht sogar noch weiter. Laut New York Times erwartet PwC offensichtlich von den Booz-Partnern, dass „diese ihre Beratungsmandate niederlegen, die in Konflikt mit vorhandenen Prüfmandanten von PwC stehen könnten“. Der gestandene Kontrolleur der Kontrolleure Lynn Turner kommentierte dies gegenüber Bloomberg Busineesweek nüchtern mit den Worten: „Glauben Sie ernsthaft, dass die Partner von Booz sich auf den Kopf stellen und für den Deal votierten, wenn sie alle ihre Klienten aufgeben würden, die PwC prüft?“

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Alle Kommentare [1]

  1. Sehr geehrte Frau Leendertse,
    Ihre Ausführungen in dem Artikel „PwC, Booz und die Industrialisierung der Prüfungs- und Beratungswelt“ treffen das Kernproblem der Wirtschaftsprüferbranche. Die Industrialisierung der Wirtschaftsprüfung in Form einer Mischkalkulation der Produkte Prüfung und Beratung (die Rangfolge muss heute bei den großen Gesellschaften bereits anders gelesen werden) ist zwar ein Geschäftsmodell, steht aber im Widerspruch zu den Ansprüchen und Erfordernissen, die das Gesetz (und auch die internationalen Berufsstandards) den Wirtschaftsprüfern bei Erfüllung der hoheitlichen Aufgabe „gesetzliche Abschlussprüfung“ auferlegt. Zwar stehen sich Beratung und Prüfung grundsätzlich nicht im Wege, solange keine „Selbstprüfung von Beratungsergebnissen“ erfolgt. Aus einer „Strategieberatung“ resultierende und umgesetzte Ergebnisse führen allerdings zwangsläufig zur „Selbstprüfung“ und stehen im Widerspruch zu dem gesetzlichen Gebot der Unabhängigkeit des Abschlussprüfers, sofern beides „aus einem Hause“ kommt. Es bleibt abzuwarten, wie bzw. zu Gunsten welchen Geschäftsfeldes die „Strategieberater“ diesen Konflikt zwischen gesetzlich gebotener Unabhängigkeit des Abschlussprüfers und Selbstprüfung lösen werden. Vielleicht unterstützt auch Brüssel die (erforderliche) Entscheidungsfindung demnächst durch eine neue, mehr Erfolg versprechende Initiative der Kommission, die nicht mehr auf eine „Black List verbotener Beratungsleistungen für Abschlussprüfer“ zielt, sondern ganz einfach „Strategieberatern“ gesetzliche Abschlussprüfungen untersagt, unabhängig von deren Zulassung als Wirtschaftsprüfer oder Wirtschaftsprüfungsgesellschaften.
    Claus C. Securs