Porsche Consulting berät Stern und Geo oder wie eine Beratung die Herzen deutscher Journalisten im Sturm erobert

Liebe Porsche-Consulter,

Eurer Haus zählt unbestritten zu den namhaften Adressen für Prozess- und Organisationsberatung im Lande. Ihr habt in vielen Projekten in der Industrie bewiesen, dass Ihr wisst, wie man Unternehmen dabei hilft, Verschwendung zu vermeiden, Doppelarbeit, unnötige Zeit- und Lagerpuffer. Das ist allseits bekannt und kann Euch keiner mehr so schnell nehmen. Sicher seid Ihr auch sehr professionell im Umgang mit Mitarbeitern, die Euch am Anfang erklären, dass Ihr von deren Geschäft doch überhaupt keine Ahnung habt und blockieren. Das gehört zum Beratergeschäft.

Nun stellt Euch vor, die Beraterbranche hätte es schon zu Lebzeiten von Johann-Wolfgang von Goethe gegeben. Und der Verleger von Goethe hätte Euch gebeten, dem Dichter, seinen Lektoren, Korrektoren, Illustratoren und Schriftsetzern dabei zu helfen, weniger Zeit und Ressourcen zu verschwenden. Hättet Ihr den Auftrag angenommen? Wenn ja, was meint Ihr, wie das Goethe gefunden hätte? Und: Wie hättet Ihr und der Berufsstand der Berater wohl in Goethes Werk Eingang gefunden?

Natürlich hat nicht  jeder Redakteur von Zeitschriften wie Geo und Stern das Genie eines Goethe. Aber: Nicht wenige von ihnen halten sich dafür! Und einige verfügen tatsächlich über eine besonders seltene Gabe, deren Wert für die Gesellschaft nicht zu unterschätzen ist. Sie können nicht nur gut und geistreich schreiben. Sie sind in der Lage durch Beobachten, intensives Nachdenken und Gespräche mit anderen Menschen, manchmal wahre Kunstwerke zu erschaffen, die anderen einen völlig neuen Blick auf die Welt eröffnen.

Der Verleger von diesen Goethes, Mini-Goethes und Möchtegern-Goethes hat Euch nun gebeten, in den Redaktionen, in denen sie arbeiten, „vorhandene Ressourcen bestmöglich einzusetzen, Strukturen und Prozesse zu vereinfachen“. Sicher sind die selbstbewussten Edelfedern in Hamburg schon sehr gespannt darauf, von Euch zu erfahren, wie sie zum Beispiel diese lästige Journalistenkrankheit loswerden, Texte auf den letzten Drücker abzugeben, weil man blöderweise nur unter Zeitdruck richtig kreativ arbeiten kann. Und dann gibt es da noch diese zeitfressenden Informanten, die heikle Interna ausplaudern wollen. Wie viel Zeit darf man solchen Leuten eigentlich für ein Telefonat einräumen? Und diesen freien Autoren, die einen immerzu missbrauchen wollen, mit ihnen an der Storyline zu feilen? Ja und wie lässt sich eigentlich dieses Problem mit der Konkurrenz endlich in den Griff bekommen, die einen jederzeit überholen kann, sodass man seine lang recherchierte Story in die Tonne treten kann und auf die Schnelle Ersatz finden muss?

Aber so richtig muss man sich wahrscheinlich keine Sorgen um Euch machen: Ihr seid in den Methoden der kontinuierlichen Verbesserung und des Lean Managements geschult genug, um auch in einer nachrichtengetriebenen Redaktion wie dem Stern einige standardisierbare Prozesse zu finden, die effizienter sein könnten.

Für den Fall, dass Ihr es noch nicht wusstet: Stern und Geo zählen zu den Flaggschiffen des deutschen Journalismus. Sie sind so etwas wie die heiligen Kühe in der Branche. Wer hier als Unternehmensberater kluge Ratschläge unterbreitet, kann sich der Aufmerksamkeit der gesamten Journalistenzunft sicher sein. Einen Vorgeschmack habt Ihr ja schon bekommen: Das Branchenmagazin „Journalist“ hat Euch ja schon gefragt:  „Alles im Takt?“

Wer weiß, vielleicht schafft Ihr es auch, schon bald in der zeitgenösssichen deutschen Literatur und in den deutschen Feuilletons verewigt zu werden? Nach Rolf Hochhuths Theaterstück „McKinsey kommt“ folgt künftig möglicherweise die Kurzgeschichte „Wie Porsche dem Haus mit dem Stern den letzten Geist raubte“.

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Alle Kommentare [2]

  1. Da fällt mir doch gleich Ferdinand Piëch ein, der einmal gesagt hat: „Wenn man ein Unternehmen zerstören will, muss man nur versuchen, es mit externen Beratern in Ordnung zu bringen.“ 😉

    Beispiele hierfür gibt es ausreichend: Wie war das noch mit der vom Strategieberater McKinsey ausgerufenen Hunter-Strategie für die Swiss Air? Aufbau einer eigenen Allianz unter Swissair-Führung, vorzugsweise mit den europäischen Partnern des amerikanischen Swissair-Partners Delta Airlines und kleine Flag-Carriers mit starkem Marktanteil im Heimmarkt. Nette Idee, aber leider nicht umsetzbar, wenn man die Branche ein wenig kennt ;-(

    Eine Unternehmensstrategie sollte darauf abzielen, die richtigen Dinge zu tun, im Unterschied zum operativen Alltag, in dem es darum geht, die Dinge richtig zu tun. Aber leider sind die Berater da oft nicht schlauer als die Unternehmenslenker und manövrieren die Unternehmen in eine Sackgasse ;-(

    Nun ja, liebe Porscche-Consultants … die Strategie Eurer Muttergesellschaft war auch nicht gerade ein „shortcut to success“ … eher peinlich! Als Risikomanager war mir Eure „Strategie“ eh immer suspekt.