Wer braucht noch Consultingfirmen, wenn es doch Xing und LinkedIn gibt?

Frank Braun über die Beraterwelt 2020

Laut „Der Spiegel“ lieferte IBM Anfang 2012 die Blaupause für die Arbeitswelt von morgen. Damals sickerte durch, dass sich der IT-Riese unter dem Arbeitstitel „Liquid“ eine Radikalreform der Belegschaft vorgenommen hat. In Zukunft sollen kleine Kernteams ein Heer freier Mitarbeiter dirigieren. Festanstellung war gestern. Die Zukunft gehört dem Selbstständigen, der sich über „Ebays für Arbeitskräfte“ im Internet jedes Mal aufs Neue für ein Projekt bewerben darf. Wie die Beraterwelt von morgen aussieht, das beschreibt Frank Braun, Marketingdirektor der Unternehmensberatung J&M Management Consulting, im folgenden Gastbeitrag:

Im Wohnzimmer meiner Eltern standen die vielen Bände des Brockhaus. Wollten wir mehr über Erfindungen oder eine Vogelart wissen, war das Lexikon die wichtigste Quelle für Antworten. Allerdings blieben viele Fragen offen. Heute tippt meine sieben Jahre alte Tochter Begriffe einfach in Google ein und liest auf Wikipedia nach. Wissen ist jederzeit verfügbar. Und bald – wenn das semantische Web kommt – listet die Suchmaschine keine Links mehr auf, sondern beantwortet komplexere Fragen wie zum Beispiel „Die Bäckerei Kapp in Edingen“, wenn man nach dem besten Weißbrot in Nordbaden fragt.

Macht das Internet Berater genauso überflüssig wie ledergebundene Lexika? In einer globalen, zunehmend virtuellen Welt, erscheint es seltsam, dass Berater um die gesamte Welt fliegen müssen, um ihren Klienten persönlich ein paar Powerpointfolien zu erklären. Zumal es inzwischen zu den Grundfähigkeiten von Angestellten in der Industrie zählt, Projekte zu managen. Und viele Unternehmen für größere Veränderungsprogramme längst Inhouse Consulting-Abteilungen aufgebaut haben. Besonders fortschrittliche Unternehmen wie der auf Kleinserien spezialisierte Automobilhersteller Local Motors treten sogar schon bei Innovationen direkt mit ihren Kunden und Lieferanten in Dialog. Open Innovation und Crowd Sourcing nennt sich das. Wozu braucht es 2020 dann noch Berater?

Dazu: Consultants haben bestimmte tiefgehende Fachkenntnisse, die ein Unternehmen punktuell benötigt, und Beraterteams verstärken phasenweise die bestehende Belegschaft, um Veränderungen schnell zu realisieren. Die Funktion der „verlängerten Werkbank“ gewinnt durch die Spezialisierung des Know-hows, die Globalisierung und die hohe Geschwindigkeit weiter an Bedeutung. Auch 2020 wissen Unternehmen unabhängige Berater als externe Impulsgeber oder neutrale Moderatoren zu schätzen.

Die Frage ist nur, ob es dazu noch Beratungsunternehmen braucht, oder ob virtuelle Business-Netzwerke wie Xing oder LinkedIn nicht schon als Plattform für eine Zusammenarbeit ausreichen. So kann jeder auf Xing heute schon nach einzelnen Kenntnissen suchen und sehen, ob Dritte diese bestätigen. Der Schritt zu einer detaillierten Skill-Bewertung und damit zu einem Experten-Netzwerk ist nicht mehr weit. Über Yammer und andere B2B-Social Networks lassen sich zudem mit einem Klick virtuelle Projektgruppen über Unternehmensgrenzen hinweg einrichten und per Videokonferenz á la Lync die Ergebnisse des Projektes durchdiskutieren.

Ganz auf feste Organisationsstrukturen wird die Beraterbranche auch 2020 wohl nicht verzichten können. Der Markt dürfte sich jedoch stärker aufteilen.

Die Zukunft gehört:

  1. Virtuellen Unternehmensberatungen, also Netzwerken von freiberuflichen Spezialisten, sie sich punktuell und flexibel über Business-Netzwerke im Internet zusammenfinden und ihr Know-how ergänzen.
  2. Einem Dutzend großer global agierenden Beratungen, die ihren Klienten nicht nur ein Vollsortiment an Branchen- und Fachspezialisten, sondern auch (wirtschaftliche) Sicherheit bieten, indem sie zum Beispiel Haftungsrisiken großer Projekte oder den Betrieb von komplexen IT-Systemen übernehmen.
  3. International agierenden Spezialberatungen, die in bestimmten Themenfeldern wie Pricing oder Supply Chain Management in puncto Fachwissen und Umsetzungsfähigkeit absolut führend sind.

Unabhängig von ihrer Organisationsform nutzen alle drei Beratungstypen 2020 moderne Kommunikationstechniken und Kollaborationsplattformen. Die effiziente Vernetzung von Menschen und Wissen entwickelt sich zu einem entscheidenden Erfolgsfaktor insbesondere im Consulting. Darauf müssen sich alle Unternehmensberater einstellen. Auf Festplatten von Consultern gehortetes Wissen veraltet. Es hat bald so ausgedient, wie die Wissensspeicherung in Leder.

J&M Management Consulting

 

Zur Person:

Frank Braun ist Marketingdirektor der Unternehmensberatung J&M Management Consulting.

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Alle Kommentare [3]

  1. Die flexibleren Einsatzmöglichkeiten der Unternehmens- oder auch Personalberater, insbesondere gepaart mit bestimmten spezielleren Kompetenzen werden sicherlich auch noch 2020 ihre Beauftragung legitimieren. Gerade wenn es darum geht, Veränderungen schnell zu realisieren oder offene Vakanzen neu zu besetzen.

    Die Frage, ob es dazu noch Beratungsunternehmen braucht, oder „ob virtuelle Business-Netzwerke wie Xing oder LinkedIn nicht schon als Plattform für eine Zusammenarbeit ausreichen“ ist zwar berechtigt, stellt sich aber zumindest m.E. nicht, da anspruchsvolle Projekte in der Regel nur mit einer eingespielten Teamleistung zu bewerkstelligen sind.

    Gruß aus Zürich!
    Gabriele Bauer, Partnerin bei HUNTINGHER HR-Partners
    htts://www.huntingher.com

    • Sehr geehrte Frau Bauer, ich bin ganz Ihrer Meinung, dass Teamarbeit ein wesentliches Element von Beratung ausmacht. Vernetzung von Menschen und Wissen. Ich denke aber, dass diese Teamarbeit teilweise virtuell ablaufen wird. Hier tut sich momentan viel und wird m. E. bis 2020 die Arbeit des Beraters signifikant verändern.

      Beste Gruesse Frank Braun

  2. Sehr geehrte Frau Bauer,
    wir sind eine Beratungsfirma mit breitem Leistungsspektrum . Unsere Erfahrung nach wird bis jetzt zwar die virtuelle Welt genutzt, aber die „Beratung,Erfahrung und das Know-How“ bei jedem einzelnen Unternehmen ist doch eine „Beratung im Detail“, die man sich nicht bis auf das kleinste i-Tüpfelchen im Internet holen kann. Natürlich gibt es viele Informationen, Austausch und Plattformen im Vorfeld dazu und die Veränderungen sind in jeglicher Hinsicht spürbar. Das ist gut so! Es wird sich die Saat von der Spreu trennen und „Qualität“ wird noch mehr gefragt sein. Gerade in den jetzigen schnell-lebigen Zeit.