Psychologie: Was die Endloskrise über unsere Gesellschaft aussagt

Hans-Christian Heiling

Hans-Christian Heiling, Psychologe und Unternehmensberater aus Köln, über die Gewinner und Verlierer einer Krise, die kein Ende nimmt.

Herr Dr. Heiling, der ehemalige Bundeswirtschaftsminister Ludwig Erhard sagte einmal „Wirtschaft ist zu 50 Prozent Psychologie“. Sie sind Psychologe und davon überzeugt, dass die Macht des Unbewussten nicht nur bei jedem Einzelnen von uns wirkt, sondern auch bei allen Institutionen, die von Menschen gemacht sind und in denen sich Menschen bewegen. Wie schätzen Sie den derzeitigen Seelenzustand unserer Institutionen in Wirtschaft und Politik ein?

Heiling: Das Problem ist, dass so ziemlich jeder das Erhard-Zitat blind unterschreiben würde. Doch Politik und Wirtschaft konzentrieren sich nach wie vor nur auf Zahlen und Fakten. Die Psychologie bleibt außen vor, weil sie als unlogisch, irrational, nicht messbar und daher auch als nur schwer steuerbar eingestuft wird. Dabei ist zwar richtig, dass das Seelische keiner kausalen Logik folgt. Aber strengen Gesetzen, die sich nicht nur psychologisch erklären lassen, sondern die einem auch helfen können, krankhafte Verhaltensmuster zu erkennen und gegenzusteuern.

Nehmen wir mal an, Europa läge bei Ihnen auf der Couch. Wie wäre Ihre aktuelle Diagnose?  

Heiling: Als Psychologe würde ich der Patientin Europa erklären, dass sie sich leider nicht mehr nur in einer Krise, sondern in einer gefährlichen Dauerkrise befindet. Das Wort Krise steht im Griechischen für eine problematische, mit einem Wendepunkt verknüpfte Entscheidungssituation. Wenn eine Entwicklung jedoch dauerhaft negativ verläuft und keine Entscheidung herbeigeführt wird, spricht man von einer Katastrophe – ein Wort, dass ebenfalls aus dem Griechischem kommt und übersetzt so viel wie „Niedergang“ bedeutet. Von einer Krise kann man nur sprechen, wenn eine Struktur nicht mehr so läuft, wie sie könnte. Doch wenn das auf Dauer nicht behoben wird, löst sich die gesamte Struktur auf.

Was genau trägt dazu bei, dass es zu keiner Wende kommt?

Heiling: Europas Problem derzeit ist, dass zu viele Menschen alles dafür tun, dass das existierende System möglichst lange bestehen bleibt. Zu viele wollen sich noch möglichst lange an den bestehenden Strukturen laben. Das führt dazu, dass sich das Problem immer weiter zuspitzt. Es gibt zu viele Profiteure, die Veränderungen blockieren. Genau dieses krankhafte Festhalten am Bestehenden sorgt aber bei Systemen dafür, dass sie am Ende geradezu zerbersten. Das Gefährliche daran ist, dass dabei auch der Kitt beschädigt wird, der das System zusammengehalten hat. Und der Kitt, der Europa zusammenhält, ist unsere Demokratie.

Könnten Sie bitte als Psychologe für Europa einen Weg aus der Dauerkrise aufzeigen?

Heiling: Eine Katastrophe ist eine ungemein komplexe Angelegenheit. Wer sich dafür interessiert, wie Katastrophen zustande kommen und wie man möglicherweise aus ihnen wieder herauskommt, kann das am besten über die Geschichten, Mythen und Märchen der Völker erfahren. Das Volk selber hat in seinen Geschichten seit Jahrhunderten mehr dazu gesagt, als die Politiker heute sagen können. Die Menschen der Geldwirtschaft könnten uns mehr sagen, doch sie sagen uns nicht die Wahrheit.

Was sind die wichtigsten Botschaften, die sich aus Märchen und Mythen für die derzeitige Situation ziehen lassen?

Heiling: Die Erfahrung der Völker hat sich für den Fall, den wir gerade durchleben, vor allem damit beschäftigt, dass Leute, die meinen, sie hätten das Sagen, unbeirrbar ins Verderben laufen. Während die Menschen, die einmal alles anders denken und machen zwar zunächst viel riskieren, aber dann zum Schluss, die Welt neu sehen und strukturieren können.

Könnten Sie das bitte an einem Beispiel erläutern?

Heiling: Was allein in den letzten Tagen sichtbar wurde, hätten wir doch nie für möglich gehalten. Deutschlandchef, Weltchef von doch bisher für renommiert gehaltenen Institutionen, Landesbanker, Ministerpräsident, Menschen, die die Verantwortung für Zinsen auf der ganzen Welt haben. Ja, sogar die Bank eines Staates, alle korrupt. Früher prüfte man die Beständigkeit eines Hauses oder Schiffes, indem man mit spitzen Gegenständen in die hölzernen Grundpfeiler stach. So fand man heraus, ob sie noch stabil waren, das Haus, das gemeinsame Boot noch tragen konnten. Konnte man durchstechen, waren sie faul und mussten raus. Wir müssen feststellen, dass viele Stützen unserer Gesellschaft nur noch in die eigene Tasche wirtschaften und mit großem Hochmut einfach immer weitermachen. Sie hören nicht auf, bis sie im Gefängnis sitzen.

Was lässt sich gegen den drohenden Werte- und System-Zerfall tun?

Heiling: Die Geschichten der Völker sprechen hier von einem langen Prozess, mit vielen Risiken – Erprobungen und Umschwüngen und sie sprechen vor allem davon, dass die Gefahr für denjenigen, der etwas neu auf den Weg bringen will, falsche Solidarität und Verbrüderung ist. Er hilft den Falschen, den Lügnern und Betrügern und die zahlen mit Undank heim. Genau das erleben wir derzeit auch aktuell in unserer Realität: Seit vier Jahren helfen wir denen, die wir immer für seriös und anständig gehalten haben, denen wir getraut haben, den Banken und der Politik und die lassen uns zum Dank ins Verderben laufen.

Und was ist Ihrer Meinung nach zu tun?

Heiling: Jeder von uns kann zurzeit in seinem Umfeld Menschen beobachten, die bereit sind, Dinge anders zu machen als bisher üblich. Das sind Menschen, die offen genug sind, zuzuhören, die nicht hochmütig auftreten und die mutig genug sind, auf völlig neues Terrain vorzudringen. Dazu sind sie bereit, viel zu riskieren. Solche Menschen, die Dinge anders anpacken, sind stets darauf angewiesen, dass sie in der Not einen Freund finden, der ohne Bedenken zu ihr oder ihm steht. Wer eine Veränderung ernsthaft will, muss Dinge wirklich radikal anders machen, ohne noch an die alten Werte, die ja völlig korrupt sind, zu glauben. Solche Menschen brauchen aber immer auch Unterstützung.

Geben uns Mythen auch Hinweise darauf, wie sich neue Werte aufbauen lassen, wenn das Vertrauen in alte Werte verloren gegangen ist?

Heiling: So etwas hat uns die Volksweisheit immer schon erzählt, wie zum Beispiel im Märchen „Das Wasser des Lebens“. Schon das Wort Wasser des Lebens macht auf den Gegensatz aufmerksam: Retten kann uns nicht Gold und Geld. Die Rettungsschirme schützen die Korrupten und verdecken uns die Sicht auf die Wirklichkeit. Als Lösung wird uns jedoch nichts anderes übrig bleiben, als die goldenen Straßen zu zerstören, auf die bisher alles ausgerichtet ist und zwar radikal. Wirtschaft und Politik müssen sich von dem Glauben verabschieden, dass wir uns nur auf sicherem Boden bewegen, wenn Kennziffern stimmen. Kennziffern sind nur die halbe Wahrheit.

Wie muss man sich das praktisch vorstellen?

Heiling: Wir müssen in unserem Wirtschaftssystem zu einer neuen Sachlichkeit finden. Ganz praktisch bedeutet das, dass wir nur noch konkrete Produktionen unterstützen sollten. Alles andere muss schlichtweg verboten werden. Konkrete Werke anstelle des Geldheckens. Der Begriff Hecken stammt aus dem Grimmschen Wörterbuch und heißt nichts anders als hexen oder zaubern. Wenn man – wie im Märchen –aus Mist Geld macht, wenn man ohne etwas zu haben und ohne etwas zu tun, Geld verdient, dann ist das Wertesystem ganz offensichtlich in sich verdreht. Doch heute ist es leider völlig legal, dass wenige sich beim größten Raubzug aller Zeiten bereichern und dabei es billigend in Kauf nehmen, dass Millionen Menschen ihrer Existenz beraubt werden. Das muss konsequent verboten werden. Unser derzeitiges Problem ist jedoch, dass wir dies unbewusst bereits wissen, aber im Moment noch nicht in der Lage sind, das Ganze, wie alles in sich zusammenhängt, zu verstehen, um es verändern zu können. Erschwerend hinzu kommt, dass die Powerpoint-Zauberer uns wieder vormachen wollen, dass sie und ihre Kennziffern uns den Weg in eine sicherere Welt weisen könnten. Mir hat mal der Manager eines Automobilkonzerns gesagt: „Mit Powerpoint können Sie alles zum Sieg erklären. Powerpoint ist die verlängerte Werkbank derjenigen, die nicht die Wahrheit sagen wollen, um ihr Geschäft weiter betreiben zu können“.

Unternehmensberatung Heiling – Wirtschaftsmorphologie

Märchen – „Das Wasser des Lebens“

Zur Person:

Hans-Christian Heiling ist eine der schillernsten Persönlichkeiten, die aktuell in der deutschen Beraterlandschaft unterwegs sind. Der Spross einer deutsch-brasilianischen Kaufmannsfamilie lebt und arbeitet in Köln. Er ist Psychologe und berät als Manager-Coach die Chefs großer Unternehmen wie ThyssenKrupp, Daimler, Tchibo und von Private Equity-Firmen.

Heilings Eltern haben mit der Wahl des Vornamens „Hans-Christian“ wahrhaft prophetische Gaben bewiesen. Genau wie der Dichter Hans-Christian Andersen beschäftigt sich Heiling mit Mythen, Märchen und Kunst. „In den Geschichten, die wir Menschen uns schon seit Jahrhunderten gegenseitig erzählt haben, findet sich der gesammelte Erfahrungsschatz über die Mechanismen unseren Zusammenlebens wider “, so Heiling. „Märchen und ihre Protagonisten sind wie geschliefene Diamanten und lassen uns erkennen, nach welchen Verhaltensmustern wir selber handeln, ohne dass wir es bemerken. Sie zeigen auf, welche Rolle und Motive die anderen haben, wie das eine mit dem anderen zusammenhängt und wie wir Fehlentwicklungen vermeiden und Blockaden überwinden können“.

Als Unternehmensberater verfolgt Heiling einen ganz eigenen Ansatz und darf sogar als Schumpeter der Beraterszene bezeichnet werden. Er betrachtet Unternehmen als Organismus, dessen Schicksal nicht nur von rationalen und bewussten Handlungen bestimmt wird. „Wie bei jedem Einzelnen von uns wirken auch in jedem Unternehmen die Gesetze des Unbewussten“, sagt der Psychologe. Auf allen Ebenen fallen Entscheidungen, die nicht rational sind, die in der Gesamtheit aber häufig zu Fehlentwicklungen führen. Heiling und sein Beraterteam von der Universität Köln decken die unbewussten Verhaltensmuster in Interviews mit Managern, Kunden und Mitarbeitern aller Hierarchieebenen auf. Ihre Ergebnisse verdeutlichen sie anschließend anhand von Märchen und deren Protagonisten, zeigen Blockaden auf und üben deren Überwindung.

 

 

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Alle Kommentare [1]

  1. Ich frage mich, wo die ganze Sachlichkeit, die Herr Heiling einfordert, in den vergangenen Jahren abgeblieben ist. Richtig ist seine Forderung, nur noch konkrete Produktionen zu unterstützen. Mir fällt spontan der alte Spruch „Nur Bares ist Wahres“ ein – gerade die Finanzwelt hat eine Parallelwelt aufgebaut, in der mit fiktiven Geschäften reale Gewinne erzielt werden konnten. Und in der – wie wir Steuerzahler leider schmerzlich erfahren mussten – Verluste mit realem Geld beglichen werden mussten. Mit dem Euro stehen wir eigentlich vor dem Problem, mit realem Geld den Powerpoint-Protagonisten weiter die Mittel zur Verfügung stellen zu dürfen, die sie weiter verbrennen.