Warum die Topberater mit der Krise nichts zu tun haben wollen

Ein Journalistenkollege von mir verfolgt seit Ausbruch der Banken- und Finanzkrise hartnäckig ein Projekt. Jedes Mal, wenn er einen der führenden Köpfe der Beraterbranche interviewt, stellt er dieselben zwei Fragen: „Was haben Sie als Unternehmensberater aus der Banken- und Finanzkrise gelernt?“ Und: „Welchen Anteil haben die Berater daran gehabt, dass es überhaupt soweit kommen konnte?“ Solche Fragen sind absolut angebracht. Schließlich gehört es zum Selbstverständnis der führenden Strategieberatungen, in den Vorstandsetagen dieser Welt die Entscheidungsprozesse maßgeblich mitzugestalten.

Wer Strategieberater nach ihrer Mitverantwortung für die Krise fragt, erntet nur Schweigen

Bis heute sind die interviewten Beratergrößen meinem Kollegen jedoch wirkliche Antworten auf seine Fragen schuldig geblieben. Die Berater weichen regelmäßig aus. Sie lächeln freundlich, wechseln entweder schnell das Thema oder bitten höflichst um Verständnis, diese Fragen leider nicht beantworten zu können. („Das verstehen Sie doch, oder?“) Manche kontern auch mit der Gegenfrage: „Welchen Anteil habt ihr Journalisten denn an der Finanz- und Wirtschaftskrise gehabt? Was habt ihr denn daraus gelernt?“

In Ordnung. Ich gestehe: Für Managementautoren war es eine Zeit lang schick, die Gehälter der DAX-Vorstände zu schätzen und die bestverdienenden Manager Deutschlands in Rankings zu packen. Schick war das vor allem noch bevor ein verbindlicher Corporate Governance Kodex die Veröffentlichung festschrieb. Heute weiß ich, dass eben diese Listen dazu beigetragen haben, ein Wettrennen unter den Topmanagern zu befeuern. Nach dem Motto: „Wer verdient am meisten?“ wollte natürlich keiner der Herren ganz unten im Ranking landen, sondern möglichst weit oben. Das Mehr an Transparenz, das den Aktionären angeblich mehr Kontrolle über die Verwendung ihrer Gelder bringen sollte, trug also wahrscheinlich entscheidend dazu bei, dass es heute nicht nur in den USA, sondern auch in Deutschland Gehaltsexzesse gibt. Auf die Idee, dass es einen Zusammenhang zwischen meiner Arbeit – also der Veröffentlichung von Gehaltsrankings – und der Unsitte unter Managern gibt, ihre Jahreseinkünfte immer weiter nach oben zu schrauben, bin ich allerdings nicht von alleine gekommen.

Die Gehaltsrankings haben die Gehaltsexzesse noch befeuert

Diese Erkenntnis verdanke ich dem ehemaligen stellvertretenden Chefredakteur der WirtschaftsWoche Dirk Schütz, der heute Chefredakteur des Schweizer Wirtschaftsmagazins „Bilanz“ ist. Für sein Buch „Gierige Chefs – warum kein Manager 20 Millionen wert ist“ beschäftigte er sich vor sieben, acht Jahren mit den Hintergründen der verhängnisvollen Gehaltsspirale, die nicht gerade dazu beitragen hat, das Vertrauen der Deutschen in die Spitzenkräfte ihrer Wirtschaft zu befördern geschweige denn das Zusammengehörigkeitsgefühl hierzulande.

Heute weiß ich: Die Gehaltsrankings, die ich Ende der Neunzigerjahre zusammenstellte, haben vermutlich mehr Schaden angerichtet als Gutes bewirkt. Zugegeben, mir als freier Journalistin fällt es vermutlich weniger schwer, Irrtümer und Fehler öffentlich einzugestehen. Die Chefs großer Beratungshäuser können mit Fug und Recht darauf verweisen, dass schließlich am guten Namen ihrer Firma nicht nur ihr eigener Arbeitsplatz, sondern auch die Existenz ihrer Kollegen und derer Familien hängt. Doch auch „off the record“ erntete der Kollege auf seine Fragen ausnahmslos Sprachlosigkeit.

Das wirft weitere Fragen auf: Sind die Chefs der großen Strategieberatungen eben nur zu schlau, eigene Fehler zuzugeben? Oder spricht die flächendeckende Sprachlosigkeit nicht vielleicht eher dafür, dass sie schlicht und einfach unfähig dazu sind, sich mit den eigenen Fehlern auseinanderzusetzen? Als Architekten der Geschäftsmodelle, Restrukturierungs- und Rettungsprogramme der Bankhäuser tragen die Unternehmensberater Mitverantwortung an der Krise. Schweigen sie, weil sie hoffen, dass ihre Mitverantwortung irgendwie doch zu unwichtig oder wenn schon nicht unwichtig, dann doch irgendwann schon einmal in Vergessenheit geraten wird?

In einer freiheitlichen Gesellschaft kann nichts und niemand – auch keine lästige Presse – einen Berufsstand dazu zwingen, sich kritisch mit sich selbst und seiner Rolle im Wirtschaftsgeschehen auseinanderzusetzen, solange nicht gegen Gesetze verstoßen wird. Jeder hat – Gott sei Dank – das Recht, seine Fehler, Irrtümer und Lebenslügen für sich zu behalten. Doch die Beraterbranche schadet sich langfristig selbst, wenn sie sich dieser Auseinandersetzung entzieht.

Wer die Besten der Besten in aller Welt an sich zieht, hat auch eine Bringschuld der Allgemeinheit gegenüber

Die großen Topberatungen werben damit, Probleme in Wirtschaft und Gesellschaft lösen zu können, die kein anderer lösen kann. Sie nehmen für sich seit mehreren Jahrzehnten in Anspruch, die Besten der Besten an den Elitehochschulen rund um den Globus zu rekrutieren. Und Eltern in aller Welt sind wohl auch sehr stolz darauf, wenn ihre Kinder es schaffen, einen Job in einem der renommierten Beratungshäuser zu ergattern.

In Artikel 14 des Grundgesetzes steht: „Eigentum verpflichtet. Sein Gebrauch soll zugleich dem Wohle der Allgemeinheit dienen.“ Genauso verpflichtet auch der Anspruch, zur Elite zu gehören dazu, Verantwortung zu übernehmen. Im Falle der Unternehmensberater bedeutet das: Nach Lösungen zu suchen, die nicht nur dem Wohle der eigenen Kunden aus der Bankwirtschaft, sondern auch  dem Allgemeinwohl dienen. Wer – wie die Top-Strategieberatungen – überall in Wirtschaft und Gesellschaft in der obersten Liga mitmischen will und überdies die besten Nachwuchskräfte aus aller Welt an sich zieht, für den ergibt sich daraus auch eine klare Bringschuld.

Wenn die führenden Unternehmensberater schon nicht bereit sind, in der Öffentlichkeit über ihre eigenen Irrtümer zu sprechen, die mit dazu beigetragen haben, dass es überhaupt zu einer solchen Schieflage kommen konnte, so wäre es doch spätestens jetzt an der Zeit, die Öffentlichkeit wissen zu lassen, welche Lektionen die Branche aus der Finanz- und Bankenkrise für sich gezogen hat. Vielleicht wäre es ja auch an der Zeit, den ein oder anderen Auftrag abzulehnen, weil man offen und ehrlich genug ist, zuzugeben, dass das Problem, das gerade auf dem Tisch liegt, selbst für die schlauesten Berater der Welt einfach zu groß ist. Wenn die Berater für eine ehrliche Auseinandersetzung mit sich selbst keinen Mut finden, werden irgendwann mal Kunden und Nachwuchstalente sie fragen: Warum habt ihr eigentlich immer nur Mehr vom Gleichen gebracht und es nie geschafft zuzugeben, dass ihr auf einem Zug sitzt, von dem ihr nicht die blasseste Ahnung hattet, wohin er fährt?

 

Zum neuen Blog „Die ConSULTANten“:

Julia Leendertse schreibt seit 1996 für die WirtschaftsWoche -seit 1998 als Redakteurin, ab 2002 als Leiterin des Ressorts Management und seit 2005 als feste freie Autorin.

Die Welt der Berater und Prüfer lernte sie zunächst als Managementautorin kennen und fand sie verrückt: Die Berater nehmen für ihren Job jede Menge Schelte, viel Showgeschäft, Nomadentum und ein Leben von Projekt zu Projekt in Kauf. Warum? Um in der obersten Liga mitzuspielen? Um viel Geld zu verdienen? Oder etwa wirklich um Veränderung zum Besseren anzustossen?

Die anderen – die Wirtschaftsprüfer – haben der Welt eine Architektur der immateriellen Vermögenswerte beschert, die genauso so kompliziert wie zerbrechlich ist. Das hat die Welt gemerkt und investiert seit der Finanzkrise lieber wieder in Gold und Immobilien statt in Aktien. Die Wirtschaftsprüfer finden ihre Welt zwar mittlerweile selber viel zu kompliziert. Einen Gegenentwurf zu entwickeln, klingt für sie aber genauso schwierig.

Egal, wie sehr sich Unternehmensberater und Wirtschaftsprüfer insgeheim vielleicht danach sehnen, dass die Veränderungsmaschine endlich einmal auch für sie wieder anhält. Ihrer beider Welten sind im Umbruch und der Blog „Die ConSULTANTten“ als Diskussionsplattform der Branche mit dabei.  

 

 

 

Kategorie: Allgemein | Tags:

Über Julia Leendertse

Julia Leendertse schreibt über Managementthemen und covert die Branchen Unternehmensberatung, Wirtschaftsprüfung und Personalberatung. Ihre journalistische Laufbahn startete die Kölnerin Mitte der Neunzigerjahre als Redakteurin bei dem Unternehmermagazin "impulse", wechselte später in die Redaktion von "Capital Ost" nach Berlin und schreibt seit 1996 für die WirtschaftsWoche. Hier arbeitete sie seit 1998 als Redakteurin, ab 2002 als Leiterin des Ressorts Management. Seit 2005 ist sie als freie Autorin tätig.

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Alle Kommentare [1]

  1. Ja so ist es mit Unternehmensberater, abkassieren und weg. Verantwortungsgefühl? Pustekuchen. Hat ein Projekt kurzzeitige Erfolg, ist es ihr Erfolg. Hat es keinen, ist es der Mißerfolg des Unternehmens. Sie haben ja auch keine Skrupel, permanent Mitarbeiter vor die Tür setzen zu lassen, die ohne deren teure Beraterhonorare gehalten werden könnten.
    Wie sollten sie Mitverantwortung übernehmen wollen? Kennen die überhaupt das Wort?
    Nicht umsonst haben Umfragen schon vor Jahren gezeigt, dass jedes dritte Unternehmen gar keine Unternehmensberater über seine Schwelle lässt. Die haben kluge Bosse, denen anderes wichtig ist als nur das Absichern ihrer offenbar sehr wackeligen Karriere.