Der große Aktien-Trend ist in Gefahr

Die Konjunktur kippt, Gewinnhochrechnungen werden revidiert, der schwache Euro lässt Anleger aus deutschen Aktien fliehen.

Von konjunktureller Seite kommen immer mehr Störfeuer auf die Märkte zu. Lange Zeit sah es so aus, als ob die Wirtschaft nach dem schwachen Frühjahrsquartal im Sommer an Fahrt gewinnt. Die miese Aktienperformance im Juli allerdings war schon ein Warnsignal, dass es anders kommen könnte.

Nun überschlagen sich die negativen Meldungen und Prognosen: Exporte, Produktion, Auftragseingänge – überall geht es nach unten; zum Teil so stark wie seit der akuten Phase der Finanzkrise nicht mehr. Und ob die aktuell zurückgestutzten Hochrechnungen der Wirtschaftsweisen dann letztlich doch noch aufgehen, ist ohnehin offen.

Für die Börsen heißt das: Die bisherigen Jahresgewinnhochrechnungen mit einem deutlich stärkeren dritten Quartal und einem noch dynamischeren vierten Quartal sind Makulatur. Unterm Strich dürfen Anleger wahrscheinlich froh sein, wenn die Enttäuschung bei den Unternehmensgewinnen nicht zu heftig ausfällt.

Um die bisherigen Hochrechnungen der Analysten zu erfüllen, müssten die Unternehmen im zweiten Halbjahr ihre Gewinne mit einer zweistelligen Prozentrate erhöhen. Das ist ziemlich unrealistisch geworden; entsprechend dürfte es in den nächsten Wochen reihenweise Rückstufungen geben. Das drückt die Kurse.

Die mageren Konjunkturaussichten werden sich in den demnächst erscheinenden Quartalsberichten und Prognosen der Dax-Unternehmen widerspiegeln. Bei Siemens schwächelt das wichtige Kraftwerksgeschäft, in der Chemie bauen Kunden vorsichtshalber erst einmal eigene Lagerbestände ab, bevor sie neu (etwa bei BASF) bestellen; Stahlkocher ThyssenKrupp muss weiter mit rückläufigen Preisen leben.

Übrigens: Jetzt schon auf vermeintlich bessere Zahlen von 2015 zu bauen, ist verfrüht. Erst muss die Börse die Ernüchterung des zweiten Halbjahres 2014 verarbeitet haben, dann steht die Frage nach der Tendenz für 2015 auf der Tagesordnung.

Warnsignal von Neben- und Spezialwerten

Zu besonderer Vorsicht mahnt ein Blick hinter den Dax, auf deutsche Neben- und Spezialwerte. Hier schlagen die Negativmeldungen nicht nur sehr tief ein (siehe Südzucker oder Bilfinger); hier zeigt sich auch eine Tendenz, die dem gesamten deutschen Aktienmarkt gefährlich werden könnte: Große Investoren ziehen vermehrt Gelder ab.

Und das hat nicht nur mit der abkippenden Wirtschaft zu tun, sondern mit dem schwachen Euro. Und da wird es besonders problematisch für die Märkte: Denn der Euro ist ja deshalb so schwach, weil die EZB mit ihrer extrem expansiven Politik alle Hebel zur Konjunkturstabilisierung in Bewegung setzt.

Das bedeutet: Auch in den nächsten Monaten, wenn die expansive Notenbankpolitik durch Staatsanleihekäufe eine neue Dimension erreicht,  wird das den Euro belasten und deutsche Aktien für internationale Großanleger unattraktiv machen.

Die Hoffnung, dass man dann hierzulande mit gezieltem Stock-Picking mit der einen oder anderen Anlageperle gutes Geld verdient, geht in solchen Marktphasen nur selten auf. Vielmehr kommt es eher dazu, dass substanziell wirklich gute Werte von liquiditätsgetriebenen Verkäufen über Gebühr nach unten gedrückt werden. Also: Man hat eine an sich gute Aktie, und dennoch verliert man Geld.

Wenige starke, viel mehr schwache Aktien

Im Dax haben mittlerweile die Baisse-Kandidaten die Oberhand. Mehr als 80 Prozent aller Einzelwerte verlaufen unter ihrer 200-Tage-Linie. Eine solche Ratio markiert an sich schon eine stabile Abwärtsbewegung. Oberhalb der 200er-Linie verlaufen derzeit nur die defensiven Klassiker:

Bayer und Merck, die von der speziellen Pharmaphantasie profitieren (nicht umsonst konnten Sie in den vergangenen Monaten überdurchschnittlich viel über Pharma-Aktien in der WirtschaftsWoche lesen); dann die beiden Fresenius-Aktien (die kann man zwar wegen ihrer Bilanzpolitik kritisieren, stabil im Aufwärtstrend verlaufen sie dennoch seit Jahren.)

Als letzter Industriewert hält sich Linde. Immerhin, vor allem durch das kontinuierliche Geschäft mit Industriegasen mit seinen langfristigen Lieferverträgen ist Linde vergleichsweise wenig von kurzen Konjunkturschwankungen abhängig. Analytisch billig allerdings ist die Aktie nicht; also wenn, dann eine Halteposition.

Für die Gesamttendenz des Dax aber ist entscheidend, dass die Masse seiner Industriewerte nach unten zieht. Selbst die bis vor kurzem noch stabilen Versicherer Allianz und Münchener Rück legen eine Pause im großen Aufwärtstrend ein. (Beide sind übrigens für langfristige Anleger wegen ihrer Marktstellung, der Bewertung und der Dividende weiterhin ein Basisinvestment.)

Kampf um die Wende im Dax

Ein ganzes Jahr hielt sich der Dax, gemessen an den Schlusskursen, oberhalb von 9000 Punkten. Im Dezember (2013), im März und im August hat er dieses Niveau immer wieder verteidigt. In der Zone um 9000 Punkte ist damit ein Riegel gegen den Abschwung entstanden. Doch diese Untergrenze ist in Gefahr.

Im späten Handel am Donnerstag (10. Oktober) rutschte der Dax schon bis auf 8900. Heute, am Freitag, beginnt er ebenfalls deutlich unter 9000. Eine solche kurzfristige Unterschreitung über wenige Stunden hinweg ist noch keine Entscheidung. Bedeutsamer ist ein Tagesschluss oder,  wie heute am Freitag, ein Wochenschluss. Wenn der Dax hier abermals weit unter 9000 bleibt, wird es gefährlich. Denn sollte aus den Kursschwankungen seit November 2013 wirklich eine große obere Wende werden, lägen die nächsten Kursziele bei 8100 (der alten Top-Linie) und danach rund 7500.

Mehr noch: In der Regel erhöht sich in Abwärtsbewegungen die Dynamik der Märkte, also die Volatilität steigt sprunghaft an. Das zeigt sich in schnellen, ausgreifenden Bewegungen, die den Dax letztlich noch tiefer drücken können.

Fazit: Noch nie seit Beginn des Trends im Herbst 2011 ist die Gefahr so groß gewesen, dass der Dax vor einer schweren Abwärtsbewegung steht. Die Entscheidung darüber ist bis zu Stunde noch nicht gefallen – eine Verteidigung der Untergrenzen von 8900 (im Tagesverlauf) und etwa 9000 (auf Schlusskursbasis) ist immer noch möglich. Dennoch, Vorsicht geht vor. Damit sollten bestehende Absicherungen aufrechterhalten werden, bei Investments Schwerpunkte nur auf erste Qualität und Spezialsituationen legen – und ansonsten lieber Pulver trocken halten. Die nächsten Wochen können ziemlich turbulent werden.

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