Bullenfalle und Marktschwäche

Die Gefahr einer großen Trendwende an den Aktienbörsen ist gestiegen.

Nachdem es vor zwei Wochen für einen kurzen Moment so aussah, als ob der Dax noch einmal durchstartet in Richtung 10000, folgte in der ersten Woche danach ein unerwartet scharfer Abverkauf. Der wurde in dieser Woche noch einmal bestätigt. Damit ist nicht nur unter Anlegern wieder die Angst vor dem Abschwung da; die Gefahr einer großen Wende nach unten mit längerer Baisse ist gestiegen – schneller als erwartet.

Von der konjunkturellen Seite verfestigt sich das Bild eines müden Jahresausklang. Die Bestellungen im deutschen Maschinenbau sind rückläufig. Der Maschinenbau ist eine sensible Branche, die international eng vernetzt ist und als guter Indikator der allgemeinen Entwicklung dient. Ebenfalls in Moll macht der Markit-Einkaufsmanagerindex, der von oben gefährlich nahe an den Wert um 50 gekommen ist, also nur noch einen Hauch von Expansion signalisiert.

Positiv auf der anderen Seite ist es für die Börsen, dass im Russland-Konflikt von Seiten der Nato die jüngsten Töne nicht mehr so scharf ausfallen. Mit einem zähen politischen Konflikt kann die Börse leben, nicht aber mit der Aussicht auf einen neuen Kalten oder möglicherweise sogar heißen Krieg.

Die EZB vor der nächsten Expansion

Die Inflation in der Eurozone ist abermals gesunken; auch die Kerninflation, bei der die nervöser schwankenden Preiskurven von Lebensmitteln und Energie herausgefiltert werden. Das heißt: Die Tendenz, dass die Preissteigerungen insgesamt nur noch sehr marginal ausfallen, verfestigt sich. Die Wirtschaft ist also meilenweit von den zwei Prozent Preissteigerungen entfernt, die von der EZB als Idealzustand proklamiert werden.

Damit wird die EZB nun ihre neue Expansionsphase starten. Wie die konkret aussehen soll, darüber dürfte es im Verlauf dieses Tages (2. Oktober) Einzelheiten geben. Ziemlich klar dürfte sein, dass die EZB dabei ihre Bilanzsumme wieder mächtig aufblähen wird, der Euro auf Talfahrt geschickt wird und das Zinsniveau in Richtung Null gedrückt wird und dort für längere Zeit bleiben dürfte.

Gut möglich, dass dieses extreme Zinsniveau immer wieder dazu führt, dass an den Börsen die Rückschläge aufgefangen werden, die Kurse also nicht ins Bodenlose fallen. Mangels substantieller Anlagealternative dürften vor allem große Investoren immer wieder schwächere Phasen zum langfristigen Positionsaufbau nutzen. Dass zugleich viele Unternehmen heute wesentlich kapitalstärker und weniger gehebelt sind als vor der Finanzkrise, könnte ebenfalls zu einem eher moderateren Abschwung beitragen als zu einer schnellen Baisse.

Technisch angeschlagene Märkte

Im Dax geht es seit knapp einem Jahr um die Frage, ob aus den Schwankungen zwischen knapp 9000 und gut 10000 Punkten nun eine obere Trendwende wird oder eine Konsolidierung im langfristigen Aufwärtstrend. Diese Frage ist so zentral, weil die Folgen enorm sein werden und man sich dem auch mit noch so geschicktem Picking entziehen kann: Sollten sich die Kursschwankungen, die sich seit Ende 2013 gebildet haben, als Top-Formation erweisen, dann wäre mindestens der seit 2011 laufende Trend beendet, wenn nicht sogar der seit 2009.

Theoretisch hieße das dann:  Seit 2011 ist der Dax um rund 5000 Punkte gestiegen. Eine klassische Gegenbewegung, die etwa 40 Prozent ausmachen kann, wären 2000 Punkte. Das ergäbe zunächst einen Rückgang auf 8000. Macht man diese Rechnung mit dem Tief von 2009, landet man etwa bei 7500 als Zielzone.

Wohlgemerkt, solche Rechnungen spiegelt eine kontrollierte Marktbewegung wider, keine Eskalation nach unten. Die ist natürlich nicht ausgeschlossen, derzeit aber (wegen der Liquidität und des insgesamt mittleren Bewertungsniveaus) weniger wahrscheinlich.

Dennoch auch ein Rückgang auf 7500 bis 8000 würde in den Einzelwerten tiefrote Spuren hinterlassen. Schon jetzt haben Aktien von durchaus favorisierten Unternehmen (etwa BASF, Daimler, BMW) deutliche Verluste hinnehmen müssen. Sollte es wirklich in Richtung 7500 gehen, wäre das in diesen Aktien womöglich erst ein Drittel einer größeren Abwärtsbewegung.

Einzelwerte drehen ab

Technisch kommen zwei Belastungen dazu: Die Marktbreite zieht nach unten. Nur noch ein Drittel der Dax-Aktien hält sich über seiner 200-Tage-Linie. Vor allem die Antizykliker der Fresenius-Familie und die Spezialpapiere der Energiewirtschaft (die ihre eigene Baisse im Grunde schon hinter sich haben.) Die Masse der klassischen Industriewerte im Dax dagegen ist technisch angeschlagen. Für die mittelfristige Tendenz des Gesamtmarkts ist das kein gutes Zeichen.

Zweite Gefahr: Auch in den Vereinigten Staaten macht sich Schwäche breit. Wie im Dax gab es hier am 19. September einen entscheidenden Wende-Tag. Der Ausbruch nach oben (mit Gap) schlug fehl, dafür ging es mit steigender Dynamik in die andere Richtung, nach unten. Das war eine klassische Bullenfalle, ein Fehlsignal, das (nach dem legendären Techniker Jack Schwager) ein umso zuverlässigeres Signal in die andere Richtung ist.

Fazit für die kurz- bis mittelfristige Tendenz im Dax: Ein Rückgang bis zur Unterstützung bei knapp 9000 wird immer wahrscheinlicher. Damit wächst die Gefahr einer großen Trendwende. Dieses Risiko führt dazu, dass sich vor allem auch große Investoren mit Käufen eher zurückhalten dürften – und das schwächt den Markt zusätzlich. Ob es im Zuge einer klassischen Kettenreaktion von Verkaufssignalen dann unterhalb von 9000 zu einem schnellen Rückgang kommt, ist offen. Dennoch ist es ratsam, sich – wieder einmal – dagegen zu wappnen: Also im Zweifel Liquidität zurückhalten und kurzfristige Absicherungen aufbauen.

 

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