Korrekturen möglich, Trend intakt

Kurze Kursrückschläge im Dax mögen verunsichern. Doch der Aktienmarkt ist so stabil, dass er selbst mittelgroße Erschütterungen verkraftet.

Mit weiten Schwankungen um die Marke von 7000 Punkten quittiert der Dax die Unsicherheit, die sich aktuell vor allem aus Richtung Spanien und Portugal entwickelt. Deshalb sind die Euro-Börsen und damit auch der Dax kurzfristig wieder etwas schwächer als der Dow Jones. In beiden Ländern spitzt sich die Schuldensituation weiter zu, und gemessen an Griechenland geht es hier natürlich um ganz andere, viel größere Volumina. Schöne, exklusive Zahlen finden Sie dazu in der neuen WirtschaftsWoche 14 auf Seite 101, zusammengestellt von meinem Kollegen Frank Doll.

Das Schuldenrisiko in Europa ist natürlich noch lange nicht vom Tisch. Die konjunkturelle Erholung in Verbindung mit administrativen Sparmaßnahmen und dem Schutzschirm der EU stehen auf der einen Seite; die Gefahr einer abkippenden Wirtschaft, sinkender Preise und Kurse und den damit verbundenen Wertverlusten, Abschreibungen und Eigenkapitalaufzehrungen bei den Banken auf der anderen. Diese beiden Tendenzen werden die europäischen Märkte auch weiterhin stärker beeinflussen als die amerikanischen und die asiatischen. Das heißt: Die Volatilität in Europa ist höher, europäische Aktien sind derzeit schlichtweg überdurchschnittlich riskant.

Amerika, du hast es besser

Wenn man sich die Entwicklung der US-Blue Chips anschaut, könnte man meinen, es gäbe keine Schulden- und Finanzkrise. Ob nun Klassiker wie General Electric oder Coca-Cola, High-Tech wie IBM und Cisco oder sogar Banken wie JP Morgan – die Aufwärtstendenz steht nirgends zur Disposition. Der Dow Jones vollzieht derzeit oberhalb des letzten, mittelfristigen Hochs eine klassische Konsolidierung, die noch im Frühjahr zu weiteren Kurssteigerungen führen sollte. Der Nasdaq-Index ist sogar in neues Terrain vorgedrungen und macht sich langfristig auf die große Aufholjagd zu seinen Höhen aus der Jubelzeit um die Jahrtausendwende.

Für den Dax ist das kein schlechtes Umfeld. Und in der Tat vollzieht sich auch hier ein klassisches Muster, das meist in der Frühphase eines längeren Aufwärtstrends stattfindet: Es ist die vorübergehende Rückreaktion in die nach oben drehende 200-Tage-Linie.

Der Dax kriegt die Kurve


Bei seinem mächtigen Anstieg Mitte Januar drang der Dax weit durch die damals noch sinkende 200er-Linie. Allein das war schon ein starkes, positives Signal (das letzte entsprechend negative kam Ende Juli vergangenen Jahres zustande – punktgenau VOR dem Crash).

Durch die höheren Kurse der vergangenen Wochen hat sich die 200-Tage-Linie mittlerweile stabilisiert und verläuft bei etwa 6300 waagrecht. Sie spiegelt damit anschaulich den Wechsel  der Grundrichtung von abwärts auf zunächst seitwärts wider. In den nächsten Wochen nun wird die 200er-Linie massiv nach oben drehen. Allein wenn sich der Dax zwischen 6500 und 7000 hält, werden nämlich deutlich höhere Werte in die Linie hineingerechnet und deutlich niedrigere (die aus der Crash-Phase 2011) herausgerechnet. Genau ausgezählt wird es noch fünf Wochen dauern, bis die 200er-Linie ihren Dreh nach oben verstärken wird.

 Nebenbei: Ein wichtiges, positives Indiz dafür ist die Tatsache, dass die schnellere 100-Tage-Linie die langsame 200er schon Mitte März von unten nach oben touchiert hat. Aus technischer Sicht ist der Markt also stabil, kann zwar durchaus immer wieder vorübergehend korrigieren, aber diese Rücksetzer sind Kaufgelegenheiten.

Feines Geflecht gegen raue Wirklichkeit

Nun, Kursbilder mögen das eine sein, reale Fakten das andere. Sollte es zu einer Eskalation kommen (etwa eine dramatische Zuspitzung der Schuldenkrise in Spanien oder eine Militäraktion um den Iran), muss man genau prüfen, ob das feine Geflecht der Linien und Kurven noch stimmig ist. Genau deshalb ist es derzeit auch so wichtig (und beruhigend), dass der Dax bei seiner mittelfristigen Bewegung nicht am charttechnischen Abgrund entlangschrammt, sondern mehrere 100 Punkte Puffer hat.
Fazit: In einem ohne Frage brisanten Umfeld hangelt sich der Dax Schritt für Schritt nach oben. Kurzfristig (also in den nächsten Wochen) dürfte es weiter bei der Devise „Schwankungen um 7000“ bleiben. Dabei sollte er bei seinen Korrekturen möglichst nicht unter 6800 gehen, maximal  vielleicht ein kurzer Ausrutscher bis 6500/6600. Dass selbst ein solcher Rückschlag die 200er-Linie nicht verletzen würde und die beschriebene Drehung nach oben stattfindet, ist genau die Basis, die dem Markt seine aktuelle Stabilität verleiht.

Der nächste Dax-Radar erscheint erst wieder nach Ostern.

Alle Kommentare [2]

  1. Hallo Herr Riedl,
    bin Pessimist, langfristl Elliott – 09/Punkt 1, jetzt – 7600/Punkt 2, wird nicht mehr übertroffen. Dann geht die Reise zu Punkt 3, bekanntlich nach der Regel unterhalb von Punkt 1 Die langen Trends sind schon gebrochen (beginend 1980). „Fächer“. Also – aufpassen?!

  2. Hallo Herr Johann,

    Hallo Herr Johann,
    ja, klar, wir tanzen schon auf einem Vulkan – aber eben schon seit einigen Jahren, und wer genug Geschick und Glück hat, zieht sich etwas heraus.

    Konkret: Ohne Frage ist die Situation langfristig brisant, da wir (um im Sinne einer Konsolidierung zu bleiben) eigentlich beim letzten Hoch mindestens 8100 hätten erreichen müssen. Haben wir aber nicht. Dennoch gibt das mittelfristigen Spielraum, den es auszuloten gilt. Morgen, Freitag, wieder mehr.

    Gruß AR