Gesunde Rückschläge

Mit kurzen, schnellen Korrekturen baut der Markt überschüssigen Optimismus ab. Das macht ihn stabiler für die nächsten Monate. 

Da ist vielen Anlegern dann doch der Schreck in die Glieder gefahren, als Bernanke nun nicht gleich wieder die große Geldspritze rauszog, wie von vielen gehofft. Der Dax sauste mal eben fast zwei Prozent runter und – noch viel stärker – erwischte es Gold. Hier waren es hundert Dollar in wenigen Stunden.

Dabei hat sich an der realen Lage nichts, wirklich gar nichts verändert. Ganz im Gegenteil: Hätte Bernanke jetzt schon wieder den Geldhahn voll aufgedreht, stünde er im wirklich akuten Krisenfall ziemlich machtlos da. Die US-Konjunktur, das beklagt der Notenbanker, komme nur langsam voran. Ja, aber sie kommt eben doch ein bisschen voran; das ist genau die Mischung, die für die Märkte eher gut ist: Damit bleibt die HOFFNUNG auf weitere Geldspritzen erhalten, und die REALITÄT wird dennoch ein Stückchen besser.

Bloß nicht den Märkten dienen

Zudem: Das Überraschungsmoment zählt zu den wichtigsten Waffen einer Notenbank – das gilt für die Fed genauso wie für die EZB (und das galt auch für die alte Bundesbank). Eine Notenbank darf nie den Anschein der Willfährigkeit geben, dann wird sie zum Spielball der Märkte. Natürlich ist die Rolle der Fed anders als die der EZB und wieder anders als die der alten Bundesbank. Aber eine gewisse Eigenständigkeit von Politik einerseits und Börsenwünschen andererseits hat auch sie.

Jedenfalls betrachtet Bernanke die Lage derzeit eben nicht als so dramatisch, dass er in die Vollen gehen muss – und damit bleibt das seit Wochen bestehende positive Szenario für die Aktienmärkte erhalten.

Gold-Umfeld weiter glänzend

Im Grunde ist das bei der Bewertung des Gold-Rückschlags genauso. Weil Bernanke zurückhaltend blieb, schwanden die Inflationsängste und damit kam ein Motor des Goldpreises ins Stottern. Aber auch hier gilt: Die Aussicht auf eine mögliche weitere massive Flutung (wenn sie denn notwendig wird) ist damit keineswegs vom Tisch (negativ ausgedrückt: die Inflationsgefahren sind unverändert).

Außerdem profitiert Gold in seiner zweiten Rolle als Asset auch hier von der generellen Aufwärtstendenz an den Aktienmärkten. (In der nächsten Wiwo folgt übrigens eine ausführliche Analyse des Goldpreises. Kernaussage für mittelfristige Anleger: Solange der Goldpreis über der Zone 1550/1600 Dollar bleibt, ist die große Aufwärtstendenz intakt.)

Auch im Dax ist die mittelfristige Aufwärtstendenz (also für die nächsten Monate) völlig in Ordnung. Gerade weil wir nun in der Spitze schon fast auf 7000 gekommen sind, wäre nach unten reichlich Platz für eine Korrektur, ohne den mittelfristigen Grundtrend zu zerstören. Im Extremfall wären sogar 6200/6300 kein Problem. Die aktuelle innere Stärke aber deutet eher darauf hin, dass kurzfristige Rückschläge gar nicht mehr so tief gehen.

Europa wird überleben – wer hät’s gedacht

Die robuste Verfassung der globalen Aktienmärkte bekommt eine weitere Stütze. Nachdem die US-Aktien ohnhin weiterhin führend sind, hat nun auch der Euro Stoxx einen soliden Boden gebildet. Hier war die Stabilisierung der Banken besonders wichtig (in der Wiwo gabs dazu vor kurzem eine technische Analyse der Branche), schließlich standen und stehen sie vor allem im Feuer der Krise.

Europäische Bankaktien können dieses Jahr durchaus zu den Überraschungssiegern zählen.

Wer richtig Mumm hat, kann weiter auf die Cobank spekulieren; wer vorsichtiger ist, kann die Deutsche Bank oder die BNP kaufen.

Der Euro Stoxx selbst hat sich gut über der wichtigen Zone um 2500 Punkte etabliert und kann von hier aus eine längere Aufwärtsbewegung vollziehen.

Alle Kommentare [3]

  1. Hallo Herr Riedl,

    wissen Sie inwieweit die „EZB-Gelder“ für den Kauf von Staatsanleihen aus den südlichen Euro-Ländern mit einer Laufzeit von über drei Jahren verwendet wurden? Ich dachte mich daran zu Erinnerung, daß in diesem Jahr doch ca. 1 Bio Anleihen in diesen Ländern fällig werden. Könnte es sein, daß die meisten Anleihen < drei Jahre sind ?

    Einschätzung wäre super.

    Mfg

    Marc Girrbach

  2. Hallo Herr Girrbach, schreiben Sie dazu mal meinem Kollegen Frank Doll eine Mail. Der steckt tief in dem Thema EZB.

    A.R.

  3. Hallo Herr Riedl,

    dass die abgestürzten Banken eines Tages wieder rauf gehen müssen, glaube ich auch.

    Zum Glück weiß kein Mensch, wie lange die bevorstehende Korrektur an den Börsen dauern wird, sonst wäre doch der ganze Börsenzirkus viel zu langweilig.

    Beste Grüße
    TS