Ist die Börse noch „normal“?

Der Dax ist so stabil, dass sogar kurze Korrekturen sofort wieder ausgebügelt werden. Dennoch ist für die nächsten Wochen Vorsicht angesagt.

Einen so starken Jahresanfang hatte der Dax schon lange nicht mehr. Normalerweise geht er zwar über den Jahreswechsel hin gut, wird dann aber in der zweiten Januarhälfte schwächer. Und wenn er hier einigermaßen durch kommt, dann ist spätestens bis Februar/März die Korrektur da. Und dieses Mal –  ist da alles anders?

Ein teurer Satz;  obgleich, es gibt schon einige Dinge im Umfeld der Börse, die außergewöhnlich sind und nicht mit „normalen“ Zeiten vergleichbar.

In normalen Zeiten gilt der Spruch: Politische Börsen haben kurze Beine.

Derzeit aber gilt: Politische Börsen haben lange Finger.

Das bedeutet nichts anderes als den enormen Geldbedarf, den die Staaten weltweit haben, um ihre Schulden zu bedienen (von tilgen ist schon lange keine Rede mehr.) Und an das Geld dafür zu kommen, wird von den Notenbanken gedruckt, was das Zeug hält.

Und genau das treibt die Aktienkurse – wohin sonst auch sollen die Menschen mit ihrem Geld, wenn Bares zwischen den Fingern zerrinnt, Immobilien nicht so einfach zu handeln sind, sichere Anleihen nichts mehr bringen, und Rohstoffe ein Spezialistenmarkt bleiben.

Das ist auch der Grund dafür, dass das Konsumklima erstaunlich robust ist: Shoppen gegen die Angst (vor Wertverlust).

So gesehen verhalten sich die Kurse gar nicht so abwegig; ganz nach der alte Regel von Kostolany: Geld und Phantasie treibt die Börse.

Geld ja, aber wo ist derzeit die Phantasie? Die ist da, nur nicht im Sinne eines positiven Ziels, sondern eher wie ein nachlassender Schmerz: Trotz aller Weltuntergangsszenarien geht es jeden Tag einfach weiter. Und nachdem die Welt (und die Märkte natürlich auch) in den vergangenen Monaten schon heftige Rückschläge verkraftet haben, sollten sie dazu auch noch in den nächsten Monaten in der Lage sein.

Kurzfristig keine Entwarnung

Konkret: Zwischen 6650 und 6840 hat sich der Dax in einer Schiebezone festgefahren. Dass er trotz Korrekturbedarf nicht gleich weiter nachgegeben hat, dokumentiert seine enorme innere Stärke. Ein wesentliches kurzfristiges Verkaufssignal gäbe der Dax erst bei einem Rutsch unter 6650.

Das Korrekturziel von 6200/6300 ist deshalb noch nicht abgehakt. Doch je länger sich die Kurse im Zeitfenster der kurzen Korrektur (sagen wir bis Mitte/Ende März) besser als erwartet halten, desto stärker kann nachher die Fortsetzung der mittelfristig intakten Aufwärtsbewegung werden.

 

 

Alle Kommentare [3]

  1. Guter Beitrag. All das billige Geld wandert an die Börse. Es gibt ja keine Alternativen. Gold ist zu teuer. Cash bringt keine Rendite, Immobilien sind nicht zügig flüssig zu machen. Was bleibt dann noch?

    Die Bewertungen sind nach wie vor günstig. Wenn ich im DAX KGVs von 12,13 oder 14 sehe mitsamt Dividendenrenditen von 5%. Was soll daran falsch sein?

    Natürlich weiß ich als Anleger nie, wie sich die Kurse die nächste Woche entwickeln werden. Daher ist es ratsam, Hochsolides zu kaufen und dann nicht mehr nach dem Kurs zu schauen…denn das Hin und Her macht Taschen leer.

  2. @ Anton Riedl + Tim Schäfer,

    langsam stellt man sich grundsätzlich die Frage ob die Geldmenge eben stärker wächst als die Gewinne der Unternehmen wachsen können.

    Allerdings sollten alle Anlageklassen, die nicht so beliebig wie Geld vermehrbar sind steigen- tun sie ja auch.

    Ein Blick auf die Währungspaare macht mich auch stutzig. Euro ggü. NOK + TRK + AUD + BRL. Ist das mit den Carry Trades erklärbar oder eben mit der größeren Geldmenge an Euros ?

    Antwort wäre toll.

    Marc Girrbach

  3. Die Geldmenge ist derzeit problematisch zu greifen, es kommt ja nicht alles an in der Realwirtschaft (dann hätten wir natürlich dicke Inflation – aber die Gefahr wird sich ohnehin noch stellen.)

    Carry Trades kommen immer dann, wenn nach den Währungsungleichgewichten die Risikolust steigt. Im Australdollar läuft es, in der NOK könnten sie auch zunehmen – obwohl die Norweger alles tun dürften, ihre Währung nicht zu fest werden zu lassen. Ob sie das schaffen? Fraglich. Aber diese Geschäfte sind nicht ursächlich, sie werden erst dann gemacht, wenn die Währungen selbst wesentlich andere Aussichten haben.