Zündeln am Pulverfass

Ohne politische und ökonomische Diversifikation bleiben der Nahe und Mittlere Osten ein Krisenfeld – unabhängig von der Iran-Frage.

Nach zwölf Jahren schließt sich im omanischen Maskat ein Kreis. Hier haben Abgesandte aus Teheran und Washington 2003 die Verhandlungen zum iranischen Atomabkommen angebahnt. Hier residiert Sultan Qabus ibn Said al-Said, der Mann, der 2015 als Mediator wesentlich dazu beigetragen hat, den nächsten Schritt möglich zu machen: die Beschränkung der iranischen Urananreicherung auf zivile Nutzung.

In Oman laufen viele Fäden zusammen, wenn es darum geht, zwischen den schwer divergierenden Interessenlagen im Nahen und Mittleren Osten zu vermitteln oder – wieder einmal – gegenzusteuern, wenn Konflikte zu eskalieren drohen. Das Land mit Grenzen zu den Vereinigten Arabischen Emiraten, Saudi-Arabien und Jemen hat kaum eine andere Wahl: Was immer in der Region geschieht, betrifft seine Zukunft. Als Mitglied des Golf-Kooperationsrats ist Oman eine Schweiz des Orients: stets um Interessenausgleich bemüht.

Politisch und ökonomisch streiten seit Langem zwei Golfstaaten um die Vorherrschaft in der Region: Iran und Saudi-Arabien. Sollte der Atomdeal des Westens mit Iran nun gelingen, fallen die Sanktionen gegen das Land. Oman könnte sich als Handelszentrum zwischen Iran und anderen Ländern profilieren. Es wäre eine sehr lukrative Achse des Ausgleichs.

Die Hoffnungen in das Nuklearabkommen mit Iran sind also groß. So groß, dass sie fast nur enttäuscht werden können. Sicher, wenn die Aushandlung der „technischen Details“ durch die Diplomaten, wie US-Präsident Barack Obama sie nun angekündigt hat, gelingen sollte, ist wirklich etwas erreicht. Wenn der Deal nicht vor Abschluss am Widerstand Israels scheitert. Wenn Iran sich wirklich an die Vorgaben hält.

Das sind viele Wenns für die Lösung nur eines einzigen Problems in einer Weltregion, die reich an Problemen ist. Der Nahe und Mittlere Osten bleiben ein Pulverfass, auf dessen Kante größere Teile der Welt hocken und dessen Explosion die Zentren der Weltwirtschaft treffen würde.

Da die meisten Länder der Region von einzelnen Herrschern und Familienclans gesteuert werden und eine Trennung von Staat und Religion vermissen lassen, sind die Voraussetzungen für den notwendigen Wandel schlecht. Vor allem die Auseinandersetzung zwischen Schiiten und Sunniten sorgt für Spannungen. Im Jemen köchelt seit mehr als 20 Jahren der Konflikt zwischen sunnitischen Fundamentalisten und schiitischen Zaiditen, aus denen sich die Huthis formiert haben. Inzwischen ist daraus ein Krieg geworden, an dem sich Saudi-Arabien beteiligt, um seine Machtstellung in der Region zu behaupten und die USA im Kampf gegen die verhassten Schiiten zu unterstützen.

Der schiitische Iran hingegen unterhält eine Luftbrücke nach Sanaa, um die Huthis zu unterstützen, und schickt nun auch Kriegsschiffe in den Golf von Aden.

Die Staaten der Golfregion leben fast alle von einem Geschäftsmodell, und das heißt: Öl. Solange das Rohöl zu 100 Dollar oder mehr pro Barrel gehandelt wurde, hat das blendend funktioniert. Seit der Ölpreis drastisch gefallen ist, bröckeln die Einnahmen. Auch Oman schreibt im laufenden Jahr mit 6,5 Milliarden Dollar das größte Defizit in der Geschichte des Landes.

So wie Anleger in der Finanzkrise haben lernen müssen, dass nur Diversifikation vor dem Totalausfall schützt, werden dies die Staaten des Mittleren Ostens lernen müssen. Oman macht seit dem Jahr 2000 zarte Versuche, aus der Petrochemie neue Industrien zu entwickeln, um Einnahmequellen, Arbeitsmarkt und Handelsbeziehungen breiter aufzustellen. Die Vermittlerrolle des Sultans in der Region passt zu dieser Strategie.

Sollte das Nuklearabkommen im Juni final unterzeichnet werden, hat er geholfen, eine Zeitbombe in der Region zu entschärfen. Eine zweite Bombe aber liegt in Oman selbst: Der Sultan ist schwer krank, und es gibt keinen designierten Nachfolger. Diversifikation heißt auch, zugunsten von Stabilität frühzeitig Macht zu teilen.

Dieser Eintrag wurde veröffentlicht in Allgemein von Miriam Meckel. Permanenter Link des Eintrags.

Über Miriam Meckel

Dr. Miriam Meckel ist Chefredakteurin. Die studierte Kommunikations- und Politikwissenschaftlerin sowie Sinologin startete als Fernsehjournalistin bei WDR, RTL und Vox, bevor sie eine Professur für Journalistik an der Universität Münster übernahm. Meckel war danach fünf Jahre Regierungssprecherin und Staatsekretärin für Medien, Europa und Internationales beim Ministerpräsidenten in Nordrhein-Westfalen und wechselte dann zurück in die Wissenschaft. Sie ist Professorin für Medien- und Kommunikationsmanagement der Universität St. Gallen, Schweiz, und Autorin zahlreicher Wissenschafts- und Sachbücher.

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Alle Kommentare [155]

  1. Magic,
    alles roger in Kleinkleckersdorf,
    ab und an ist schlussversauf,
    dann muss alles raus,

    grüss mir die Hütten und die Mangelverwaltung,
    die Guude, Zamir

  2. Weder wiedervereinigung noch wende, zamirhäschen, mauerfall ist das Schlüsselwörter. Und nun entlüfte mal wieder deinen kessel, du gernegroßer
    Tönespucker.

  3. karel,
    alles richtig und unbestritten, hier
    geht es lediglich um innerdeutsches
    kauder-welsch und einen sprachgebrauch,
    der sehr unterschiedlich mit etlichen
    emotionen besetzt ist, von daher fragen
    wir noch einmal: Wiedervereinigung oder
    Wende, evtl. auch beides von sehr differenzierten
    betrachtungsweisen abstammend?
    Noch ist gelegenheit, die zeitzeugen zu befragen.

    Wie war das nochmal,
    ich kann zu meinem Heu auch Stroh sagen …

    Schönen Gruß aus der bunten, schönen Hauptstadt aller Deutschen, Zamir

  4. Dafür, dass du angeblich schon einige jährchen
    mittendrin verbringst, hätte ich dir schon etwas
    mehr und aktuelleres, politisches grundwissen
    zugetraut.
    Könnte dich ja mit nachbarins hundeköter bekannt
    machen, gemeinsam könnt ihr dann solchen
    tünnef in die welt hinaus jaulen, das wärs doch, odda!?

    Kopf hoch und die Beine zusammen,
    das wird schon wieder, eines schönen
    Tages, Zamir