Wider das Feuer

2014 war ein Jahr der kommunikativen Brandbeschleunigung. 2015 ist es Zeit für eine Besinnung auf den freien Marktplatz der Ideen.

Wer im voll besetzten Theater sitzt, soll nicht grundlos „Feuer!“ schreien. Der Schrei könnte zum Wendepunkt werden. Aus einer friedlichen wird eine aggressive, aus einer hoffnungsfrohen eine verzweifelte Situation. Die viel zitierte Redewendung hat Oliver Wendell Holmes 1919 geprägt, einst Richter am Obersten Gerichtshof der USA.

Holmes hat darauf verwiesen, dass nicht jede Zuspitzung von der Redefreiheit gedeckt ist, und hat dafür zu Recht viel Kritik einstecken müssen. Ein frischer Blick auf sein Zitat offenbart eine andere Auslegung. Wenn einer einmal „Feuer!“ schreit, erzielt er damit Wirkung. Wenn alle „Feuer!“ schreien, hört keiner mehr etwas.

Das zurückliegende Jahr hat uns gezeigt: Das leise, differenzierte Argument pfeift aus dem letzten Loch. 2014 hat das laute, undifferenzierte Argument, gerne garniert mit Überzeichnung und Drohung, die Zeichen gesetzt. Wir leben in Zeiten der verbalen Brandbeschleunigung.

Kurz vor Beginn des zurückliegenden Jahres veröffentlichte Papst Franziskus ein sozialkritisches Lehrschreiben, in dem sich ein bemerkenswerter Satz fand: „Diese Wirtschaft tötet.“ Kritisiert hat der Papst die Götzen Konsum, Konkurrenz und das Gesetz des Stärkeren, die das heutige Wirtschaftssystem bestimmten. Da hat er zum Teil recht. Aber der Satz kommt mit einer Wortgewalt und Absolutheit daher, dass jedes differenzierte Argument dahinter verschwindet. Im gleichen Angang könnte man sagen: „Diese Religion tötet“ – und würde dafür von den Anhängern einer jeden Religionsgemeinschaft zu Recht attackiert. All-Sätze ziehen Mauern hoch. Ein Argument, ein Gespräch oder einen fruchtbaren Streit fördern sie selten. Beispiele dafür offenbart unsere Welt alltäglich.

Ein großer Teil des Konflikts zwischen Russland und der Ukraine besteht aus gegenseitigen lauten Drohungen, die von den jeweiligen Bündnispartnern bekräftigt und weitervermakelt werden. „Wenn ich wollte, könnten russische Truppen in zwei Tagen nicht nur in Kiew, sondern auch in Riga, Vilnius, Tallinn, Warschau oder Bukarest sein.“ So wurde Wladimir Putin im Spätsommer aufgeregt zitiert. Der Kreml dementierte. Auch nach dem Dementi blieb ein Geruch nach verbrannter Erde.

In den USA toben seit Monaten Rassenkonflikte. Weiße Polizisten erschießen schwarze Jugendliche und umgekehrt. Die Botschaft, dass jedes Leben gleich zählt, geht im Aufregungsdiskurs über Anarchie und Zerstörung unter. Vielleicht nicht ganz überraschend in einem Land, in dem sich die politischen Präferenzen von Demokraten und Republikanern in den vergangenen 20 Jahren wie auseinanderdriftende Eisberge distanziert haben und Politik nie parteiischer war als heute.

Das schlimmste Beispiel aber: Köpfen als Kommunikation. Das ist die Botschaft des sogenannten „Islamischen Staates“ („IS“). Dessen Kämpfer schreien nicht einmal mehr „Feuer!“. Sie schneiden Kehlen durch und damit jedes Wort ab.

Diese Serie an Beispielen hinterlässt eine traurige Bilanz des zurückliegenden Jahres. Die Verhärtung von Positionen und ihre lautstarke, zuweilen radikale Äußerung führen dazu, dass manch einer sich nicht mehr die Mühe macht zu widersprechen. Stattdessen richtet er sich lieber in der Echokammer der eigenen Weltsicht ein. Fakten sind dort sekundär. Nicht die Flamme ist Voraussetzung für den Aufschrei „Feuer!“. Es geht nur noch um Aufmerksamkeit, die durch Gemütserhitzung erzeugt wird.

In einer Welt, die immer mehr zusammenwächst und dabei immer komplizierter wird, ist das der falsche Weg. Ein besserer wäre, um Argumente, Ideen und Lösungen zu ringen. Dazu braucht es, was Richter Holmes einst beschränken wollte: den offenen Wettbewerb der Meinungen. Auf dem „freien Marktplatz der Ideen“, wie John Stewart Mill schon 1859 schrieb, wird der Wettbewerb die Wahrheit hervorbringen. Wer daran interessiert ist, schreit nicht „Feuer!“, sondern produziert lieber eine zündende Idee.

Dieser Eintrag wurde veröffentlicht in Allgemein von Miriam Meckel. Permanenter Link des Eintrags.

Über Miriam Meckel

Dr. Miriam Meckel ist Chefredakteurin. Die studierte Kommunikations- und Politikwissenschaftlerin sowie Sinologin startete als Fernsehjournalistin bei WDR, RTL und Vox, bevor sie eine Professur für Journalistik an der Universität Münster übernahm. Meckel war danach fünf Jahre Regierungssprecherin und Staatsekretärin für Medien, Europa und Internationales beim Ministerpräsidenten in Nordrhein-Westfalen und wechselte dann zurück in die Wissenschaft. Sie ist Professorin für Medien- und Kommunikationsmanagement der Universität St. Gallen, Schweiz, und Autorin zahlreicher Wissenschafts- und Sachbücher.

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Alle Kommentare [154]

  1. karel,
    und Du?
    Du wirst immer besser, in aller Kürze bemerkt, solche anmerkungen sind
    nicht leicht zu lesen, aber genau das
    ist dabei so fesselnd und mehr als
    nur eine Überlegung wert.

    Gute Nacht und mach so weiter, Zamir

  2. Zamir,

    ich finde nicht,
    daß es sich um hochgejubelte christliche Systemwerte handelt.
    vielmehr um die Dummheit einer peinlichen Selbstüberschätzung.

    Die Pressefreiheit garantiert den Schutz der freien Presse vor der Gewalt des Staates.
    Aber sie garantiert nicht verantwortungsloses Presse-Handeln.
    Ich zitierte schon mal den Satz:
    „Ab er die Pressefreiheit gibt auch niemandem das Recht, rücksichtlos zu verletzen.“
    Und das gilt erst recht gegenüber anderen Religionen.
    Man kann die Tragödie in Paris auch als das sich Wehren gegenüber einem arroganten Westen ansehen, der glaubt, sich seiner militärischen Überlegenheit sicher zu sein.
    Und was die moralische Qualifikationen angeht, ich denke, da sollte der Westen nicht so laut auftreten.

    Pampa,
    Deinen Beitrag 22:45 von gesten fand ich richtig gut:
    9/11 des Journalismus? Geht es noch etwas selbstbesoffener
    Da wollte ich antworten:
    Selbstbesoffen…..
    Toll getroffen……

    Und nun der in Passagen mißratene Beitrag des Herrn Kohler.
    Den Rahmen der Presse- und Meinungsfreiheit bestimmt das Gesetz. Aber nicht ein Herr Kohler.
    Der „Donnerschlag“ einer Bettina Röhl finde ich in dieser nicht erst seit heute aus den Fugen geratenen, eher selbstverliebten, überheblichen und oftmals anmaßenden Medienwelt geradezu erfrischend.

    Eysel
    „Das Politversagen der Altparteien und deren Unfähigkeit…..“
    Warum so undifferenziert.
    Und das Erstarken von „Pegida“ ????
    Der Schlüssel zu den meisten Problemen, die die Demonstranten bewegen, auch der Schlüssel für die Lösungen liegt für mich immer noch bei rot-grün.
    Weil der Kanzlerin schlicht und einfach die gesetzgeberischen Mittel fehlen, deshalb die Verantwortung für die Folgesfolgen früherer Polit-Entscheidungen nicht zu verwässern sind.
    Selbst die Steuerentlastung für den Mittelstand, die so vehement aus den Kreisen der Wählerschaft von der Kanzlerin immer wieder eingefordert wird, ist von schwarz-gelb in der letzten Legislaturperiode zwar durch den Bundestag gebracht, aber vom rot-grün dominierten Bundesrat abgewiesen worden.
    Die Wirklichkeit ist rauher.
    Und dieser rauhe Gegenwind verunsichert zunehmend eher rot-grün, auch die mehr linksgeneigten Medien.

    Triple xXx
    Es ist kein „frommer Wunsch“, eher ein tristes Merkmal von Demokratie, daß folgenlos sinnvolle Gesetze von einer nachfolgenden Polit-Kaste nach den Spiel-Regeln des geringsten Widerstandes demoliert/demontiert werden können.

    Gruß
    karel

  3. Unsere weit überschätzten Scheindemokratien können
    somit erwiesenermaßen nur
    eines, dem anarcho-fiffi schwachsinn-
    kapitalismus dienstbar und treu
    ergeben sein, für den alltäglich-normalen
    schutz ihrer bürger reichts dann
    leider nicht mehr.
    Die deutsche filzokratie kann die öffentlichkeit nichteinmal rechtzeitig
    darüber informieren, dass wir knall
    auf fall einige hunderttausend Gäste
    zu erwarten haben, ein mehr als schwaches bild.

  4. dtesch 14:00
    Der Deutsche ist brav, da wird nichts glimmen. Ausserdem hat er ja das Merkelchen, die wird schon für ein Happy End sorgen. Allein ihre Ausstrahlung: hat so etwas sedierendes. Sie überlegt ja auch, wie sie die „Glücksforschung“ für ihre Untertanen anwenden kann.
    Während England schon um die Mitte des 17. Jahrhunderts seine Revolution schaffte und die Grundlagen für eine freiheitliche Demokratie schaffte, Frankreich 1789, hat es D nie soweit gebracht. Der Deutsche ist eben ein braver, anständiger Bürger, der Ruhe bewahrt und auf Weisungen von oben wartet. Es könnte allerdings zu Unruhen kommen, wenn man ihm sein Auto, sein Fernseher, seine Aktien……..wegnehmen würde. Was ist ein Deutscher ohne sein geliebtes Auto? Solange er das hat, ist wohl alles in Ordnung.