Mao 2.0

Chinas Wachstum wackelt, durch Hongkong weht Tränengas. Versteht Präsident Xi die Zeichen der Zeit?

Yes, Xi can. So hätten wir noch vor wenigen Tagen zum ikonischen Bild von Chinas Staats- und Parteichef Xi Jinping getitelt. In den 18 Monaten seiner Präsidentschaft hat Xi bemerkenswerte Akzente gesetzt, vor allem im Kampf gegen die Korruption, die Staat und Wirtschaft von innen zerfrisst. Auf dem politischen Parkett präsentiert er sich als starker Führer, der alles tut, um für China den Platz an der Sonne zu sichern. Platz eins der Weltrangliste, versteht sich. China ist nahe dran. Mit einem Bruttoinlandsprodukt von 9240 Milliarden Dollar liegt das Land hinter den USA noch auf Rang zwei. Für 2020 heißt es: Rücke vor auf den ersten Platz.

Aber auch im Reich der Mitte steht das Wirtschaftswachstum unter Druck. Die von der Regierung avisierten 7,5 Prozent für dieses Jahr sollten zwar machbar sein, von zweistelligen Zuwachsraten können auch die Chinesen nur noch träumen. Staatspräsident Xi hat verstanden, dass er das ökonomische Kapital Chinas durch soziales und symbolisches Kapital absichern muss, um dem Traum von Chinas unumkehrbarem Aufstieg nachzuhelfen. Seit seinem Amtsantritt erlebt das Land eine Inflation der Erbauungsschriften unter dem Motto „Umarmt den chinesischen Traum“. Xi bereist mit seiner Frau die Welt, das erste chinesische Glamourpaar, das es in die Medien schafft. Das ist mehr als schöner Schein. Xi Jinping inszeniert sich als Mao 2.0 – der starke Führer. Als ideologische Waffe hat er nicht die rote Mao-Bibel, sondern wirtschaftliche Kennzahlen im Gepäck. Damit setzt er auch nach innen Zeichen. Bislang galt in China das Prinzip der kollektiven Führung durch das Politbüro. Xi liegt mehr die One-Man-Show.

In der internationalen Wahrnehmung Chinas funktioniert das gut. Nach innen hat sich jedoch wenig geändert. Xis Vorzeigeprojekt, der Kampf gegen die Korruption, ist zwar ein wichtiger erster Schritt, aber er kann als Boden für echte Reformen nur tragen, wenn er institutionell abgesichert wird. Danach sieht es nicht aus. Xi agiert nicht nach dem Rechtsstaatsprinzip, sondern durch die Angst vor Strafe, die auch im Kreis der Kader fest verankert ist. Mao 2.0 eben. Viele Chinesen stört das kaum. Im Land wächst eine erfolgreiche Mittelschicht, der Wohlstand wichtiger ist als Freiheit.

Das sehen die Einwohner Hongkongs anders. Seit Tagen demonstrieren Hunderttausende unter dem Motto #occupycentral gegen die Bevormundung durch das Festland. Sie haben etwas zu verlieren: Im aktuellen „Economic-Freedom-of-the-World“-Index steht Hongkong auf Platz eins, China auf Platz 115. Ein Großteil der Hongkong-Chinesen will wirtschaftliche Freiheit nun endlich mit Demokratie anreichern: Bei den Wahlen von Hongkongs neuem CEO 2017 sollen nicht nur Kandidaten des Politbüros zugelassen werden.

China versucht, dieses zarte Pflänzchen Hoffnung auf Reformen mit Tränengas zu ersticken. Denn Hongkong hat für China längst nicht mehr die Bedeutung, die es mal hatte. Vor 20 Jahren war das Verhältnis der Wirtschaft Hongkongs zu der Chinas 1:4, heute ist es 1:34. Zwar ist Hongkong noch immer das globale Zentrum für den Devisenhandel mit Yuan, aber andere Standorte ziehen nach. Ab Herbst soll Frankfurt zum ersten Handelszentrum für die chinesische Währung in Europa ausgebaut werden. Das alles sind Erfolge, die aus langfristiger Vertrauensarbeit resultieren. Chinas Präsident Xi schien die Zeichen der Zeit lesen zu können. Aber: Wachstum ohne Reformen wird es auf Dauer nicht geben. Deshalb kann der Protest in Hongkong zur echten Bedrohung des neuen chinesischen Traums werden.

Statt weitere Erbauungsbücher auf den Markt zu werfen, sollte Xi Jinping mal wieder ein altbekanntes Buch lesen: die „Kunst des Krieges“ des chinesischen Gelehrten und Militärstrategen Meister Sun. „Der klügste Krieger ist der, der niemals kämpfen muss“, lautet dessen Leitsatz. Soziales Kapital lässt sich nicht gewaltsam erzwingen. Dafür braucht es Überzeugung.

 

 

Die Vorstellung der neuen WirtschaftsWoche-Ausgabe im Video gibt es übrigens hier.

Dieser Eintrag wurde veröffentlicht in Allgemein von Miriam Meckel. Permanenter Link des Eintrags.

Über Miriam Meckel

Dr. Miriam Meckel ist Chefredakteurin. Die studierte Kommunikations- und Politikwissenschaftlerin sowie Sinologin startete als Fernsehjournalistin bei WDR, RTL und Vox, bevor sie eine Professur für Journalistik an der Universität Münster übernahm. Meckel war danach fünf Jahre Regierungssprecherin und Staatsekretärin für Medien, Europa und Internationales beim Ministerpräsidenten in Nordrhein-Westfalen und wechselte dann zurück in die Wissenschaft. Sie ist Professorin für Medien- und Kommunikationsmanagement der Universität St. Gallen, Schweiz, und Autorin zahlreicher Wissenschafts- und Sachbücher.

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Alle Kommentare [207]

  1. Österreichs Kanzzler lässt sieben Moscheen schliessen und
    60 Imame ausweisen, aber hat er sich auch mit Madame Merkel
    und Monsieur Janck-Claude abgestimmert?
    Sooho ein Lümmel, oh Pardong,
    sind sie der Graf von Lühüxhohombuursch

  2. Römer,
    die zwänge und rituale, die uns eingetrichert wurden und
    die uns jeden tag tausendfach umgeben, sind die eigentlichen
    hindernisse auf die bevorstehenden gefahren, angemessen und
    vor allem schnell reagieren zu können.
    Die macht+geld-elite hat leichtes, mehr noch leichtestes spiel ihre
    schnöde und perverse zielvorstellung eines immer mehr und
    noch mehr, soweit auszudehnen, bis der faden reisst, dann ist
    es wirklich zu spät und keiner gibt seine mitschuld und hauptschuld
    zu, von diesen blöden hunden und idiotischen taschendieben, mehr
    sind im eigentlichen sinne solche ganoven nicht.
    Sie haben kein konzept und keinen plan, nur den soeben von mir
    umschriebenen und kommen mir vor, wie eine horde kindergarten-
    insassen, die weiter nichts zu tun haben, als ihren kindlichen
    Spieltrieb (Robert Bly, The Sibling Society, 1996) auszuleben.
    Sie weigern sich demnach auch später erwachsen zu werden
    und verfolgen nur niedere und primitivste interessengebiete.
    Den momentanen weltkrisenmechanismus haben wir eben diesen
    infantilen gestalten zu verdanken, die sich gebärden, wie eine
    rasende Wildschweinhorde, die vor lauter zerstörungswut und
    ebenso hemmungslos wie losgelassen, ihre teuflischen triebe befriedigt.

    Viele Grüsse aus einem Land, lange vor unserer Zeit, Zamir

  3. @ ZZ

    Wir werden gerade Zeugen des Verfalls und Untergangs von Europa – alles dank einer komplett gescheiterten Politik und der Idee, eine von vielen,man könne ohne Einheitsregierung eine Einheitswährung schaffen. Das ist reiner Wahnsinn! Hieronymus sagte, dass die(nicht der 😉 ) Römer sogar dann noch lachten, als Rom fiel. Mir ist das Lachen schon längst vergangen,wir stehen nähmlich hier:
    http://elpono.files.wordpress.com/2008/07/gas.jpg
    Guckst du was gerade an der Börse geschieht,im Dax sind Hampelmänner investiert. Sie turnen den US-Indizes – mit urdeutschem „Panikzuschlag“ – in ähnlicher Weise hinterher, wie die deutschen Politiker Obamas Willen (z. B. bei Ukraine/Russland) hinterher turnen. Die deutschen Politiker sind bei dieser Turnübung sogar so (über-)eifrig, dass sie – auf Geheiß der Gringos – der deutschen Wirtschaft schaden. Das gilt sogar für solche Leute, die bei Amtantritt hochheilig einen Eid abgelegt hatten, dass sie Deutschland vor Schaden bewahren wollten.
    Hier nochmal:
    Deutschland: Pressefreiheit wird nur noch simuliert
    (Wissen wir hier doch schon seit Jahren 😉 )
    Haben auch Sie das Gefühl, häufig manipuliert und von den Medien belogen zu werden? Dann geht es Ihnen wie der Mehrheit der Deutschen. Bislang galt es als »Verschwörungstheorie«, dass Leitmedien uns Bürger mit Propagandatechniken gezielt manipulieren.
    http://www.wissensmanufaktur.net/pressefreiheit-wird-nur-noch-simuliert
    Salve

  4. The Underteiger,
    weiss garnicht worüber Du dich aufregst, nach diesen klaren,
    pampaesken Aussagen wissen wir doch ganz genau,
    wo er steht, wo er hin will und mit welchen mitteln er dies
    wie oft erreichen möchte.
    Dir als einem erfahrenen Kundenprofiler sind das vermutlich
    willkommene goldschätzchen, odda?

  5. ich ändere meine Meinung Pampus, …was interessiert mich auch mein Geschwätz von gestern:

    „Die Schwere Deiner Kindheit, entschuldigt alles!“

    Den bundesweit erstmals verliehenen Preis des Flügellahmen Geißbocks, hast´ e Dir redlich verdient, ja! … kannst´e Dir bei Bettina R. persönlich abholen… mach´ Dich uff´ die Hufe! Wir gratulieren!

    http://www.astro-ratgeber.com/uploads/pics/Widder_01.gif

  6. Römer,
    kopiere Deinen artikel am besten nochmal hier
    oben drüber, sonst geht er unter, gaanz wichtig.

  7. Römer,
    ist garnicht weit weg mit der rede- und presse-unfreiheit,
    früher kam „hier bei uns zuhaus“, bei einem solchen
    artikel desöfteren, einer aus dem gebüsch gesprungen und hat
    erstmal die genannten quellen madig gemacht, als linke
    extremisten und kommunistische deppen beschimpft,
    das kann auch jeden moment passieren, warten wir’s ab.
    Die beton-mischkonservendosen von damals sind heute
    etwas voorsichtiger geworden, denn wir haben ja inzwischen
    auch dazugelernt und wissen uns zu wehren, auch ohne
    den anderen gleich zu verunglimpfen, gelle.