Europa der Regionen

Unabhängigkeitsbestrebungen in Schottland und Katalonien müssen uns nicht schrecken: Nationalstaaten haben sich eh überholt.

Deutschland allein ist schon längst nicht mehr verteidigungsfähig, eine gemeinsame, europäische Außenpolitik längst überfällig. Über unsere Währung wird in Frankfurt bei der Europäischen Zentralbank entschieden, über Subventionen und Normen in Brüssel von EU-Kommission und -Parlament. Auf unserem Reisepass prangt zwar noch der Bundesadler, aber wir sind inzwischen europäische Staatsbürger. Und je weiter wir uns im Urlaub von der Heimat fortbewegen, desto stärker fühlen wir uns als Europäer mit rheinischen, fränkischen oder sächsischen Wurzeln: Der Nationalstaat, für den unsere Großväter und Urgroßväter noch singend in den Krieg zogen, hat für die Jugend von heute kaum mehr Bedeutung. Wir Deutsche werden zwar immer noch von Berlin aus regiert – aber das Zentrum der Macht hat sich im vereinten Europa bereits nach Brüssel verlagert: Wenn wir die europäische Bewegung ernst nehmen und mit Leben erfüllen wollen, werden am Ende der Entwicklung die Vereinigten Staaten von Europa stehen.

Vor dem Hintergrund sind die separatistischen Bestrebungen in Schottland und Katalonien, der Südtiroler und Grönländer, der Flamen, Korsen und Basken zwar ein Schrecken für die Regierenden. Denn es bedeutet, dass sie – wenn sich die Mehrheit der Bevölkerung in einem demokratisch legitimierten Prozess für die Unabhängigkeit entscheidet – Macht abgeben müssen, Einfluss verlieren. Aber ist es wirklich ein Grund zum Fürchten und Wehklagen, wenn sich Völker auf ihr verbrieftes Selbstbestimmungsrecht berufen und sich entschließen, ihr Schicksal in die eigenen Hände zu nehmen, mutig, demokratisch, auch ganz ohne Gewalt?

Die Schotten wollten zwar im Falle der Unhängigkeit selbst über Steuern und Ausgaben entscheiden, möglicherweise intensiver als bisher dem Dudelsackspiel frönen und sich für die Anerkennung von Baumstammweitwurf als olympische Sportart stark machen – aber andererseits auch die Queen als Staatsoberhaupt und das Pfund als Währung beibehalten. Und natürlich möchten die Schotten auch in Zukunft der Europäischen Union angehören. So what? Die Regierungsform bliebe demokratisch, die europäische Wertegemeinschaft würde nicht aufgekündigt und der Hadrianswall, der einst vom römischen Kaiser errichtet wurde, um die unkontrollierte Einwanderung schottischer Stämme in die Provinz Britannia zu verhindern, sicher nicht aufgestockt. Im Gegenzug sollte ihnen unsere Solidarität auch in Zukunft sicher sein.

Wir sind schon seit Längerem auf dem Weg hin zu einem Europa der Regionen – die politischen Eliten wollen es nur nicht wahrhaben und wehren sich nach Kräften gegen eine Überwindung des Nationalismus und historisch gewachsener Grenzen. Die Geschichte der EU, schreibt der Wiener Schriftsteller Robert Menasse, ist „pragmatische Folge der Einsicht, dass sich die Katastrophen des 20. Jahrhunderts – allesamt Produkt des Nationalismus und der Interessenkonflikte der Nationalstaaten – nicht mehr wiederholen dürfen. Die Idee war, die Ökonomien so zu verflechten, dass dies zu gemeinschaftlichem Handel, Solidarität, nachhaltigem Frieden und gemeinsamem Wohlstand führt.“

Die Stärkung supranationaler Institutionen wie EU-Parlament und EU-Kommission wäre mit Blick darauf eigentlich nur konsequent. In Brüssel sollten die Rahmenbedingungen definiert werden, in der Außen- und Einwanderungspolitik, in Wirtschafts- und Finanzfragen. Die Mitgliedstaaten müssten dafür Souveränitätsrechte abgeben – und könnten in den Parlamenten mehr Zeit darauf verwenden, mit Rücksicht auf regionale Besonderheiten eine bürgernahe Politik zu betreiben.

Die Unabhängigkeitsbestrebungen einiger Regionen sind vor dem Hintergrund keineswegs ein Zeichen für einen Zerfall Europas. Im Gegenteil: Sie könnten vielmehr der Katalysator sein für das Europa der Regionen und die Vereinigten Staaten von Europa. Denn je kleiner der Nationalstaat, desto geringer ist dessen Gewicht.

Dieser Eintrag wurde veröffentlicht in Allgemein von Franz Rother. Permanenter Link des Eintrags.

Über Franz Rother

Franz W. Rother ist stellvertretender Chefredakteur. Der studierte Politologe fing beim Kölner Stadt-Anzeiger als Polizeireporter an, war danach Reporter bei der "Auto-Zeitung", Nachrichtenmann beim Deutschlandfunk, Technik- und Unternehmensredakteur bei der WirtschaftsWoche mit einem ausgeprägten Faible für Autothemen. Er hob in Bayern die "Automobilwoche" aus der Taufe und war fünf Jahre lang Chefredakteur der Fachzeitung, ehe er ins Rheinland und zur Wiwo zurückkehrte.

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Alle Kommentare [205]

  1. Lieber Herr Rother,

    kann es sein, dass – wie so oft – imperial ausgreifender Nationalstaatsgedanke und nationalkulturelle Bestrebungen miteinander vermengt werden? Gibt es nicht eine „Ungleichzeitigkeit“ gesellschaftlicher Entwicklungen, weshalb bis vor kurzem arg kulturell und administrativ unterdrückten Katalanen und Korsen oder Bretonen an einer gemeinschaftlich-kulturellen Identität und Arrondierung liegt, während man von Dänen deutschen Passes vergleichsweise wenig bis gar nichts mehr von solchen Anliegen hört, weil sie anerkannt und integriert sind? War nicht die Erlangung staatlicher Souveränität den Slowaken ein wesentliches Anliegen? Hat dieselbe nicht zu einem ökonomisch-kulturellen Schub geführt, fußend auf einem neuen nationalen Selbstbewusstsein? Allzu oft werden meines Erachtens Äpfel und Birnen miteinander vermischt. Ansonsten stimme ich Ihren Auslassungen im Grunde genommen zu und ich mag Ihre Art der sachlichen Ironie (von wegen nicht erfolgender Erhöhung des Hadrian’s Wall).

  2. Magier ich teile in Ansätzen Deine Meinung zu dem , was Du mir geantwortet hast.
    Zamir nur so viel. Das ist bei mir wie einem Quartalssäufer oder einer der unter Verstopfung leidet. Manchmal bricht´s hervor und dann ist wieder Flaute.
    Im übrigen neige ich dazu, Deine Beiträge zu überscrollen, sonst wird mir schwindlig, Du alter Flatulist.
    Im übrigen war ich mal etwas weg und habe mir D von außen angeschaut. Das verstärkt den Eindruck von einer Insel der Glückseligen. Es ist interessant, mal mit Leuten aus anderen Ländern zu reden, wie die D und Europa sehen. Da findet man auch neue Impulse. Du solltest vielleicht auch mal aufbrechen. Es hilft, sich aus Gewohnheiten zu befreien.
    Gruß derzeit aus Elbflorenz
    Null

  3. Hat unser Bundespastor zu früh zum Übernehmen der weltweiten Verantwortung getrommelt. Auch die Medien haben mitgespielt, in den letzten Monaten etwas zu laut zum Marsch gegen den ruchlosen Diktatur Putin getrommelt. Wer dicke Backen macht, der sollte auch Pfeifen können. Sogar die Waffenlobbyisten machen eine Bauchlandung: nachdem die Bundeswehr inzwischen durch unsere Politiker zu einem mittelständischen familienfreundlichen Unternehmen auf Teilzeitbasis mit eher symbolischer Kampfkraft heruntergekommen ist, da lockst keinen Hund mehr vorm Ofen vor!.. da kommt doch der Gedanke hoch, daß man die vor sich selber schützen muß..!?… Waffen sind gefährlich!… Haben Sie das gewußt Frau Bundesverteidigungsministerin?

  4. „Kernspaltung“?

    wie dennn wo denn was denn?

    viel eher ist´s eine Schädelfraktur mit anschließendem SHT Commotio cerebri
    es rülpst das Murmeltier:

    ~~Versumpfung~~~ im letzten Stadium

    (und das nicht nur in Thüringen bei der SPD
    BER, die Komische Hafenoper, die Bundeswehr nur weiteres Beispiel)

    ~~~die Trockenlegung von Sümpfen entspricht nicht mehr dem Zeitgeist.~~~
    „Keine Experimente. Bewahren und behutsam anpassen.“

    Erstes Gebot:
    ~~~Niemals bei Fröschen die Idee äußern, den Sumpf trocken legen zu wollen!~~~

    Gruß und ein Pfeifen vom Funkloch aus der Uckermark!

  5. Zamir, versuch dir mal vorzustellen, was das fuer leute sind, die in d’land momentan asyl suchen….sagen wir mal so: mit denen wuerdest du deine entzueckenden enkelinnen keine sekunde alleine lassen… was fuer ein wunder wolltest du mit solchen bedauernswerten geschoepfen noch mal eben aus dem hut zaubern, zauber-zamir,??? Na???