Höllischer Abgrund

Als wäre Murphys Gesetz die Gründungsakte von EZB und EU: Was mit Europas Währung schiefgehen kann, geht schief.

In vielen Brüsseler Büros hängt, gern in der Sprache des jeweiligen Bewohners, derselbe Witz über Wohl und Wehe der europäischen Einigung:

„Der Himmel ist dort, wo die Briten die Polizisten sind, die Franzosen die Köche, die Deutschen die Mechaniker, die Italiener die Liebhaber, und organisiert wird alles von den Schweizern.

Die Hölle ist dort, wo die Briten die Köche sind, die Franzosen die Mechaniker, die Schweizer die Liebhaber, die Deutschen die Polizisten, und organisiert wird alles von den Italienern.“

Der neue EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker hat sich für die höllische Variante entschieden. Er setzt an die wirtschaftlich entscheidenden Machthebel Personen, die mit den jeweiligen Zielen nichts anfangen können oder wollen: den Stabilitätssünder Pierre Moscovici aus Frankreich als Währungshüter, den Bankenfreund Jonathan Hill aus Großbritannien als Zuchtmeister der Finanzmärkte, die Freihandels-Skeptikerin Cecilia Malmström aus Schweden als Förderin des Warenverkehrs.

Juncker verklärt sein Personaltableau zum diabolischen Schachzug: Frühere Sünder könnten den aktuellen Übeltätern am besten erklären, was falsch läuft. Was er verschweigt: Das funktioniert nur, wenn sie inzwischen geläutert wären. Aber Fehlanzeige. Ein trockener Alkoholiker kann vielleicht überzeugendes Vorbild für Abstinenz sein; ein Fuselfreund im Vollrausch wohl kaum.

Auch Mario Draghi, Präsident der Europäischen Zentralbank, schaut in den Abgrund. Seit der Entscheidung der EZB, die Zinsen auf den Minirekord von 0,05 Prozent zu schrumpfen, bewegt sich der Euro nur noch in eine Richtung: nach unten.

Dieser Absturz ist gewollt – und im günstigsten Fall nutzlos. Zwei Ziele wollen die Notenbanker erreichen: die Inflation anheizen und die Kreditvergabe an Unternehmen in Südeuropas Krisenstaaten ankurbeln. Das soll die von ihnen registrierte Deflationsgefahr bannen und zudem die schwächelnde Konjunktur auf Trab bringen.

Denn je flauer der Euro-Wechselkurs, desto teurer werden die Einfuhren von Rohstoffen bis Lebensmitteln. Erdöl aus Arabien, Erdgas aus Russland, Erdbeeren aus Israel und Erdnüsse aus den USA sollen also die Preise in Europa nach oben treiben. Das kann vielleicht noch funktionieren. Schließlich kennt die Wirtschaftsgeschichte genügend Beispiele, in denen sich die Menschen von der Geldpolitik übertölpeln ließen. Beispielsweise wenn diese die Geldillusion nutzte, um über eine künstlich erzeugte Inflation die Beschäftigung anzukurbeln – wenn auch als Strohfeuer.

Die Gesetze des (Binnen-)Marktes lassen sich dagegen nicht so einfach außer Kraft setzen. Zwar werden mit der Abwertung die Exporte aus Europa billiger. Doch die Südländer werden davon nicht viel profitieren, weil ihre wichtigsten Abnehmerländer innerhalb der Euro-Zone liegen. Eine Maschine aus Griechenland, ein Auto aus spanischer Produktion kosten in Deutschland oder Frankreich genauso viel wie bisher.

Mehr Kredite für Mittelständler in Südeuropa wird es so nicht geben. Hatten die bisher keine Projekte oder kein Vertrauen, die bei einem Zins von 0,15 Prozent Investoren anlockten, wird dies bei 0,05 Prozent nicht anders sein. Auch die kühnste Idee funktioniert nicht, wenn es keinen Absatzmarkt gibt. Strafzinsen für geparktes Geld wird es bald nicht nur für, sondern auch von Banken geben, getarnt als höhere Gebühren. Tagesgeld für größere Beträge rentiert heute schon schwächer als für Minisummen.

Von Finanzminister Wolfgang Schäuble weiß man, dass er Draghis Politik für hilflosen Aktionismus hält, der bloß Tatkraft suggerieren soll. Daheim beharrt die Bundesregierung zu Recht auf ihrem Sparkurs und predigt Reformen und Enthaltsamkeit in den Mühen der Ebene. In Europa dagegen schaut die Bundesregierung machtlos zu, wie andere die Währungspolitik dominieren. Und sie duldet, dass immer neue Schuldengebirge aufgetürmt werden. Falls Draghi wieder einen Absturz des Euro organisieren will: Die Klippe ist gebaut.

Dieser Eintrag wurde veröffentlicht in Allgemein von Henning Krumrey. Permanenter Link des Eintrags.

Über Henning Krumrey

Henning Krumrey, Jahrgang 1962, ist stellvertretender Chefredakteur und Leiter des Hauptstadtbüros in Berlin. Er studierte Volkswirtschaft und Politik in Berlin und Köln und absolvierte parallel dazu die Kölner Journalistenschule. Nach vier glücklichen Jahren bei der WirtschaftsWoche trat er 1992 in die Gründungsmannschaft des Magazins FOCUS ein. Fünf Jahren als Bonner Korrespondent folgten elf Jahre an der Spitze der Parlamentsredaktion. Im Frühjahr 2009 kehrte der Diplom-Volkswirt zur WiWo zurück. Hauptthemen sind nach wie vor Wirtschaftspolitik, die Regierungsparteien, die Kanzlerin und seine Kolumne "Berlin intern". Krumrey ist ehrenamtlicher Vorstandsvorsitzender der Kölner Journalistenschule. In seinen Büchern „Aufschwung Ost – Märchen oder Modell?“ und „Kinder – ein Luxus“ (mit Co-Autorin Nicola Brüning) befasste er sich früher als andere mit den wirtschaftlichen Aspekten der deutschen Einheit und der Familienpolitik. Bei öffentlichen Diskussionen in Rundfunk, Fernsehen und auf Podien streitet Krumrey gern für Redlichkeit, Marktwirtschaft und fairen Journalismus – kurz: ein altmodischer Mensch.

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Alle Kommentare [215]

  1. Ob die menschen nun aus angst, not u. elend oder weil
    sie hunger haben, sie politisch verfolgte sind flüchten,
    ist dabei völlich wurschdibus.
    Sie stimmen mit den füssen ab, welches die beste richtung ist
    und führen somit den klarsten beweis, dass alle fürsten dieser
    welt, alle öligen scheichs und deren waffenverkaufenden
    schlitzohren, sich nur die taschen vollstecken und auf den
    rest der welt pfeiffen.
    Europas zukunft könnte eine bessere, eine humanere und
    zudem eine blühendere sein, wenn die verantwortlichen
    endlich aus ihrem tiefen schlummer erwachen und die gebotenen
    möglichkeiten beim schopfe packen und diesen flüchtlingen und
    damit uns allen langfristig zu einem fantastischen leben verhelfen.
    Natürlich können sie auch weiterhin ihrem pennemätzchen
    fröhnen und so weitermachen wie bisher, die überwindung
    der trägheit und wäre demnach abgebracht.

    Viele Grüsse vom Matchball in der Asylfragepolitik, Zamir

  2. Ich sehe mich bestätigt, „das Leben im Leben“ zu lernen… wobei das ´Eine` das ´Andere` (das Theoretische) nicht ausschließt!.. unsere Systeme sind allerdings viel zu sehr im reproduzierenden Lernen ausgerichtet..was die Forschung, die Gier nach dem „Ungewissen“ hemmt..

    ..was u.a hier anklingt: „“Sie hinterfragen in Ihrer Forschung das Leitbild des Homo oeconomicus. Der Mensch sei nicht vollkommen rational und kein ausschließlicher Nutzenmaximierer – sondern werde auch von Fairnessmotiven, Altruismus und Neid in seinen Entscheidungen beeinflusst…““

  3. Eysel,
    dieser Satz gefällt mir in Deinem Link besonders….. 😉

    Es ist an der Zeit, dass die Wirtschaftswissenschaft sich weniger an ihren Methoden aufreibt – sondern sich wieder stärker den Problemen widmet.

    Gruß
    karel

  4. Im Übrigen halte ich Henning Krumrey für einen sehr guten Mann. Altmodisch ist allerdings ein Prädikat! Lieber Henning, schreibe nicht in der dritten Person über Dich, das hört sich seltsam an. Nur Mut, erste Person! Das klingt viel besser.

    Bescheidenheit ist eine Zier, doch weiter kommt man ohne ihr. Wenn Du das willst oder wolltest, der legitime Nachfolger von RTY wärest eigentlich Du. Das sollte Diddi vhb eigentlich wissen, respektive „spüren“.

    Gruß
    Pampa

  5. karel,
    bist ja nur eifersüschdisch, weil der Pampa meistens
    mehr weiß und das auch schreibet, als wir zwei
    beide zusammen genommen.
    Und im überischen meecht ich endlich mal wissen,
    wieso die reichen nur Geld sammelen und dabei
    auch noch machen deerfen was se wollen …

  6. Whoouw Pampa,
    vor vier tagen, morgens um 11:19 uhr, bei Tichys Einblicken,
    da haste Dich abba reingehängt, ist schon ein ordentliches
    glaubensbekenntnis, räschbäggd.
    Sooho komplett und fast vollständig …
    Darf ich mir das abschreiwwe?

  7. Eins, zwei, drei, vier, fuenf, sechs, sieben
    Wo is denn my frog gebliewe
    Welcher frog hat welche frog
    Frog nur frog gar unverzoogt
    Frage acht und freude neun
    Frog fragt frogt frisch wo wie nun zehn

  8. Frog mi, frog di, sog edsie
    Midisie, di badu
    Dudu, sog i frog,
    Frog stvielzu viel
    Frognet sozu viel
    Frogst net, viel stil
    Wie bitte?

  9. ein underteiger wie ein geiger (20:38)

    Der Abstand zum Geschehen spielt eine deutliche Rolle,
    keine Frage, Magier,
    die Vögelein tun sich perspektivisch immer leichter,
    als die Fröschelein, det steht fest!

    wahrlich bravorös

    und kompliziert

    weills nicht stimmt

    mit perspektive

    so

    als hai in der der tiefe

    zwei dimensional die drei
    diffrenzieren

    das is schwierig

    nö dann doch frog

    da war mal was mit raumschiff traumschiff orion
    und dietmtar schön herr

    der feind ist wer

    wat is jetzt produktiv
    für die kinder

    na da würd ich krishnamurti

    aber der is alt

    und hat immer des selbe
    im gelbe ???

    und dann der karel (14:14)
    der will mal schnell
    die systemrelevaz abschaffen
    hab ich auch schon
    nur das geht nicht
    es gibt immer affen die gaffen
    und mit der abschaffung der affen
    will ich dan doch nichts mit zu schaffen

    haben oder sein

    erkennen und nicht nur benennen

    wär das was

    und unser genie (schach)
    der pampa is auch da (14:07)
    Italienische Tomaten-Bauern sind aber nicht systemrelevant
    für den Euro Druntersteiger.

    was hat er nicht erkannt?

    im bequem

    sie sind das system

    under log

  10. the Under…,
    gibt es Deine oliven inzwischen auch als Haustrunk,
    von der benachbarten Winzergenosenschaft, Du solltest
    in alle vergnügbaren Marktfrauenlücken stossen, ehe es
    zu spoat iss und der Abend hereinbricht, hooach?!

    Viele Grüsse aus der kleinen Kneipe in unserer Gosse, Zamir