TINA geht fremd

Erinnern wir uns – vor ziemlich genau einem Jahr haben wir uns über die 110.000.000.000 Euro aufgeregt, die zur Stabilisierung der griechischen Staatsschulden aufgerufen wurden. Mittlerweile hat der Rettungsschirm ein Volumen von 700.000.000.000 Euro; der deutsche Anteil liegt bei 27 Prozent. Deutschland steht damit für rund 190 Milliarden Euro gerade. Über die verschwiegenen Kanäle der europäischen Transferunion bürgt Deutschland sogar mit über 300 Milliarden Euro für andere Länder; das ist so hoch wie der gesamte Bundeshaushalt. Man mag es eigentlich nicht mehr hören oder lesen, zu viele Nullen stumpfen ab – und wie. So bleibt unbemerkt, dass Europa sich mit Beschönigungen um die eigentliche Lösung gedrückt hat.

Am Anfang stand ja die Behauptung, dass Staaten nicht pleitegehen könnten. Die Ökonomen Carmen Reinhart und Kenneth Rogoff zeigten: Wenn die Staatsschuld mehr als 90 Prozent der gesamten wirtschaftlichen Leistung übersteigt, werden die Schulden unbeherrschbar – es sei denn, sie werden durch Geldentwertung oder andere Enteignungsmaßnahmen herabgesetzt. Dieser Zusammenhang wurde geleugnet – obwohl der griechische Schuldenstand bereits 140 Prozent des Bruttoinlandsprodukts ausmacht. Die Schuld in der Debatte wurde auf böse Spekulanten abgewälzt – eine reine Ausrede, um die eigene Verantwortung zu verschleiern. Die zweite Schutzbehauptung war, dass man schon allein damit fertigwerden könnte – die südeuropäischen Regierungen scheuen die Kontrolle ihrer skandalösen Ausgabenpolitik durch unabhängige Beobachter. Mittlerweile stellt sich heraus, dass entgegen aller Zusagen Griechenland und Portugal die Haushaltskonsolidierung nicht schaffen. Und dann gab es eine weitere Behauptung, die jetzt wie ein ungedeckter Scheck auffliegt: Einen Staatsbankrott in Europa hielt man unter dem Rettungsschirm für ausgeschlossen. Doch gerade während der vergangenen Tage bereitet die Bundesregierung die Bevölkerung offensichtlich auf einen griechischen Staatsbankrott vor – begrifflich als „Haircut“ schöngeredet.

So wirkt jetzt die europäische Politik, die sich so vollmundig als Retter von Geldwert und Euro aufspielte, zunehmend hilflos. Es rächt sich, dass die immer neuen Rettungsschirme mit „alternativlos“ begründet wurden – ein Begriff, von dem der Schriftsteller Hans Magnus Enzensberger sagt, er „beleidigt die menschliche Vernunft, denn er kommt einem Denkverbot gleich“. „There Is No Alternative“, – von Spöttern wurde dies schnell auf „TINA“ verkürzt.

Jetzt sucht sich TINA wohl selbstständig eigene Alternativen: Die Bevölkerung Finnlands und die Regierung der Slowakei sind dabei, sich aus der erzwungenen Euro-Solidarität zu verabschieden – nicht nur die Finanzmärkte, auch Europas Wähler entgleiten der Politik. Auch in Deutschland: Der Anteil der Bürger, die dem Euro Vertrauen entgegenbringen, fiel auf nur noch 26 Prozent. Diese Werte, die Renate Köcher vom Institut für Demoskopie Allensbach auf Seite 43 veröffentlicht, sind für eine Währung, deren wichtigstes Kapital Vertrauen ist, ein katastrophales Ergebnis. Der Vertrauensverlust lässt sich auch unmittelbar in Zinssätzen ablesen: Allen politischen Beteuerungen zum
Trotz steigen am Markt die geforderten Zins?sätze für spanische Staatsanleihen. Sollte aber auch Spanien in die faktische Zahlungsunfähigkeit schlittern, wären selbst die heutigen Riesenrettungsschirme der europäischen Währungssolidarität viel zu klein.

Allmählich müssen Alternativen her, denn die Vergeblichkeit der Stabilisierungsbemühungen ist evident. Die europäische Währungspolitik erinnert fatal an den früheren russischen Ministerpräsidenten Wiktor Tschernomyrdin und seinen Satz über die sowjetische Reformpolitik: „Wir haben uns ungeheuer angestrengt, aber dann ist alles so gekommen wie vorher.“

Europa hat sich angestrengt – das war’s aber auch schon.

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Alle Kommentare [567]

  1. When you are in a not good position and have no cash to go out from that, you would require to receive the home loans. Because it will help you emphatically. I get student loan every time I need and feel great because of that.

  2. Grüne wollen Schuldenschnitt bei Griechenland

    http://www.mmnews.de/index.php/politik/7785-gruene-wollen-schuldenschnitt-bei-griechenland

    Sieh´ an, sieh´ an! Alle retten, koste es was es wolle, gilt nun langsam auch auf der politischen Ebene nicht mehr als alternativlos.
    Das es letztlich zu einem Gläubigerverzicht kommen muss, bedingt schließlich unser bestehendes Geldsystem.
    Ob allerdings genau darin die Einsicht begründet liegt, darf zu recht bezweifelt werden. Aber immerhin, ein Anfang wäre damit gemacht.

  3. Gegen Hühneraugen empfehle ich Zwiebelscheiben mit Zitrone und Salz – über Nacht – Socken /Mullbinde hält es fest –
    das hilft auch Eysel!

  4. @Klaus + all
    „Der Euro war und ist eine Totgeburt!“

    Hätte ich je etwas anderes behauptet? 😉 Letztlich ist es wie überall, auch über das System Target, hat Sinn ja schön beschrieben: Kerneuropa hat massiv Kapital exportiert in die Peripherie. Damit wurden Strukturen in den Peripherie aufgebaut, z.B. Staatskonsum und Immobilienboom, welche diese Staaten in keiner Weise wettbewerbsfähig organisieren und sich nachhaltig leisten können. Nun ist das Gejammer groß, aber der Status ex ante Krise konnte so nie und nimmer gehalten werden oder könnte auf absehbare Zeit wieder erreicht werden. Letztlich haben sich schon seit Einführung des Euro gewaltige Risiken und strukturelle Ungleichgewichte aufgetürmt. Risiko sieht man meist erst, wenn es explodiert. Das heißt aber nicht, dass es vorher nicht schon da gewesen wäre und munter wuchs.

    Der Euro war und ist eine Fehlkonstruktion würde ich salomonischer sagen, er lenkt Risiken und damit Kapital falsch. Ein Grundproblem von Währungsboards in nicht homogenen Wirtschaftsräumen. Der Euro hat gleich zwei Sicherheitsventile ausgehebelt, Zinskosten und Währungsausgleichsmechanismen.

    Allerdings bleibe ich dabei, dass es im Kern um maßlose Fiskalpolitik ging. Das Problem der Staatsverschuldung hat ja nicht nur der Euro-Raum, in den USA und in Japan sieht das ja nicht besser aus. Solange die staatliche Ausgabenseite nicht streng reguliert wird, wächst sie wie eine Hydra, jeden Tag einen Kopf mehr an Unverantwortlichkeit. Wenn Du der Hydra dann eine Kopf abschlagen willst, wehrt sich dieser Kopf ganz vehement und meint, warum ich und nicht der da drüben?

    Bezgl. Sinn oder anderen Ökonomen, es liegt halt in der Natur der Dinge, dass Ökonomen viel behaupten aber nichts so richtig beweisen können. Beliebtes Stilmittel also, wenn mir die Argumentation nicht passt, diffamieren wir den Sender, hüben wie drüben. Auch ein Problem in unserer politischen Unkultur. Eine Mondfinsternis ist häufiger als das Ereignis, dass einer jedweder Coleur mal über einen anderer Couleur sagt, die Frau oder der Mann hat doch Recht, ich korrigiere mich. Selbst in einer einzigen Partei kommt das selten vor, Fraktionsdisziplin und Schnauze halten. So war das eigentlich nicht gedacht. Na ja, zu früh am Morgen, um mich schon zu ärgern. Mal sehen, wen ich heute ärgern kann … 😉

    Gruß
    Pampa

    P.S.: Ach ja Fohle, nie die Hoffnung aufgeben. Insgeheim freut es mich ja, dass das Pack rund um die Ultra-Szene in FFM absteigt. Der Familienblock in der CoBa-Arena liegt übrigens gegenüber von den sogenannten Fans. Am Samstag war hier ein Polizei-Aufgebot, so etwas habe ich in zehn Jahren noch nicht erlebt. Mein SChwager ist ja Trachtenträger, der hat sich am Samstag vorsichtshalber krank schreiben lassen, eigentlich nicht seine Art.

  5. Na Sabine, auch TTT gesehen 😉
    …meine speziell den Bericht über die Traveller, den aufmüpfigen Kindern der Thatscher-Ära.
    Weißt du was ich spontan dachte? Vielleicht werden sie es sein, die mit der kommenden Situation (Finanzkollaps) am Besten zu recht kommen werden.
    Also, die wohl eher witzig formulierte Bemerkung über die Adoption eines solchen Althippies (wobei, das sind keine Hippies!) kann unter Umständen sogar Sinn machen 😉

    Apropos Sinn:
    Es gibt nicht wenige Ansichten von Prof. Sinn, die ich nicht teilen kann, aber in Bezug auf die Fehlkonstruktion unserer Währung, aus ökonomischer Sicht, kann ich mich ihm anschließen.
    Sabine, nur weil ein Mensch eine andere ideologische Sichtweise hat, muss ich mich doch nicht all seinen Argumenten reflexartig verweigern. Genau das ist doch auch hier nicht selten das Problem in den Diskussionen und führt im nächsten Schritt fast automatisch zu den Auseinandersetzungen herab auf die persönliche Ebene und damit wird das oft spannendeThema sofort UNdiskutabel für den Blog.
    Allerdings, ich habe die Hoffnung auf Einsicht mittlerweile ganz aufgegeben (augenroll).
    So bleibt es bei meiner traurigen Erkenntnis: Ist der Feind erst ein mal ausgemacht, erhält der Tag auch eine Struktur.
    Auch dir eine schöne Woche 🙂

    Klaus

  6. „Das Sender sollte versuchen sein Worte so zu wählen,
    dass der Empfänger sie auch “richtig” empfängt.“

    Herrlicher Eysel ,worauf beziehen Sie sich ?

  7. Professor Varoufakis `blog

    http://yanisvaroufakis.eu/2011/05/07/on-the-true-agenda-behind-der-spiegels-story-that-greece-is-thinking-of-exiting-the-euro/#more-670

    „Here’s The REAL Conspiracy Behind Reports Of Greece Leaving The Euro

    Early in the afternoon last Friday, Der Spiegel dropped a monster bombshell when it said that Greece was threatening to leave the Eurozone, and that an emergency meeting had been convened for that night among top leaders.

    It was obviously partially true.

    There was a meeting on Friday, and there is an acknowledgment that the current bailout path is unsustainable.

    But the explosive report always seemed a little fishy, like something emanating from interested German sources.

    Greek economics professor Yanis Varoufakis expounds more on this theory:

    It is my considered opinion that Der Spiegel, in consultation with certain circles within the German government (in particular the Finance Ministry) was trying to send a message to the German Chancellor but also the Greek Prime Minister. And what is this message? That there are far worse things than a debt restructure, the worst being a step-by-step dismantling of the euro that will begin once a country like Greece is forced into an impossible situation. And that continuing to live in denial, and to peddle blatant lies about the sustainability of the present course will no longer be tolerated.

    According to Varoufakis, the fundamental thrust of the story is false. Greece is not really considering leaving the Eurozone, although naturally it has come up.

    Varoufakis cites his own sources in saying that the minister of finance and various German banks were getting fed up:

    More precisely, the message sent by the Spiegel incendiary article was that the policy of fresh expensive loans for insolvent states, combined with savage austerity at a time of deep recession, does not and will not work. That the time for debt restructuring for the eurozone’s stressed periphery has come, as has the time for a rational resolution of Europe’s banking crisis. To drive their point home, the circles within Germany that saw to it that Spiegel publishes this article illustrated vividly, for Mrs Merkel’s and Mr Papandreou’s benefit, that there is something far, far worse than a debt restructure: the commencement of a successive elimination of countries from the eurozone that will give rise to magnificent levels of speculation in the money markets as to who comes next and when.

    By causing a mild, early panic, along these lines, they sent the stark message that the time for lies is over, that more liquidity to insolvent states and bankrupted banks will make things worse, that it is time to have the debate we ought to have had more than a year ago in Europe.

    The tactic may have worked.“

    Read more: http://www.businessinsider.com/why-der-spiegel-said-greece-was-threatening-the-eurozone-2011-5?utm_source=feedburner&utm_medium=feed&utm_campaign=Feed%3A+TheMoneyGame+%28The+Money+Game%29#ixzz1Lo25KF5R

    Read more: http://www.businessinsider.com/why-der-spiegel-said-greece-was-threatening-the-eurozone-2011-5?utm_source=feedburner&utm_medium=feed&utm_campaign=Feed%3A+TheMoneyGame+%28The+Money+Game%29#ixzz1Lo1LlIn3

  8. @ ihr dämlicher Name
    Ein \“Experte\“ hat gefälligst fehlerlos zu sein.
    Einem Deppen
    wird jeder Scheiß auf das Konto \“das ist die Gesellschaft dran schuld\“
    gut geschrieben.
    Darf man Interessen/Überzeugungen
    die der \“totalen Sozialisierung\“ der Gesellschaft zuwider laufen noch vertreten?

  9. Wirtschaft und Politik –
    Die heimlichen Lobbyisten

    http://www.wiwo.de/handelsblatt/die-heimlichen-lobbyisten-458627/

    ..Im April 2009 fand an der Stanford University eine Podiumsdiskussion zur Finanzkrise statt. Einer der Experten war der Ökonom Darrell Duffie. Als ihn ein Student fragte, warum Ratingagenturen Bestnoten für toxische Papiere vergaben, sprach Duffie beschönigend von einem „Fehler“. Erst auf eine weitere Frage hin räumte er ein, dass er selbst im Verwaltungsrat der Ratingagentur Moody’s sitzt.

    Ähnliche Interessenkonflikte deckt US-Regisseur Charles Ferguson in seinem Film „Inside Job“ auf: Harvard-Professor Martin Feldstein, schon unter Ronald Reagan ein Advokat der Deregulierung, saß über 20 Jahre im Verwaltungsrat des Versicherers AIG und verdiente dabei Millionen..