Der Kipp-Effekt

Es war ein Bestseller des Jahres 1995, und der Titel lautete lapidar: „Das Ende der Arbeit“. Dabei hatte der Soziologe Jeremy Rifkin zu Papier gebracht, was seit Anfang der Achtzigerjahre in Deutschland als politisches Programm galt: dass uns die Arbeit ausgeht und die immer knapper werdende Arbeit gleichmäßiger auf alle Schultern verteilt werden müsse. Der Deutsche Gewerkschaftsbund ließ die Massen für die 35-Stunden-Woche demonstrieren, der Arbeitsminister schickte die Arbeitnehmer schon als 50-Jährige in die Rente, und die Studienzeiten wurden verlängert; schon seit 1973 galt ein Anwerbestopp
für Ausländer. Jedes Jahr wurde zum 1. Mai ein allgemeines Überstunden‧verbot gefordert.

Das klingt wie aus einer anderen Zeit – und doch diskutieren wir erst seit ein paar Wochen über Fachkräftemangel. Es ist fast so, als ob sich zwischen Sommerferien und Allerheiligen die Welt so um sich selbst gedreht hätte, dass plötzlich nicht die Arbeit, sondern die Arbeiter knapp geworden wären.

Die Konjunktur allein ist es nicht gewesen. Trotz der beeindruckenden Wachstumszahlen liegt das Bruttoinlandsprodukt noch um rund drei Milliarden Euro unter dem Hoch von Anfang 2008. Es ist vielmehr die Überlagerung von konjunktureller Erholung und demografischer Entwicklung, wobei Letztere die stärkere, die am wenigsten beeinflussbare Kraft ist. Darüber wird seit Langem geschrieben, aber erst in diesem Jahr erleben wir den Kipp-Effekt, der schlagartig aus papierenen Prognosen und schleichenden Prozessen eine neue, brutal veränderte Wirklichkeit erzeugt. In den kommenden, überschaubaren zehn Jahren werden für jeweils 175 Rentner, die aus dem Berufsleben ausscheiden, nur 100 Berufseinsteiger nachrücken. Das ist eine Zeitenwende am Arbeitsmarkt.

Nun lassen sich Angebot und Nachfrage nach Arbeit nicht nur an Köpfen abzählen, sondern hängen sehr stark von sozialen Regeln ab. Genau darin liegt die Herausforderung der nächsten Jahrzehnte: Wir müssen Antworten darauf finden, dass uns nicht die Arbeit ausgeht, sondern die Arbeiter – wir brauchen den Anti-Rifkin.

Wie das funktionieren kann, zeigen die Hartz-Gesetze. Seit sie gelten, besteht ein zwar schwacher, aber doch wirksamer Anreiz, auch schlechter bezahlte und unattraktive Jobs anzunehmen. Dabei wird es nicht bleiben können. In den kommenden Jahren wird es darum gehen, die stille Reserve am Arbeitsmarkt, also jene, die es sich mit Sozialleistungen ganz gut eingerichtet haben, in den Arbeitsmarkt zu bringen oder sogar durch Leistungskürzungen zu zwingen. Auch wenn es manche nicht gerne hören wollen: Deutschland wird ausländische Fachkräfte anwerben müssen. Das ist ein weiterer Schritt auf dem Weg, der die Arbeitsmarktpolitik der vergangenen drei Jahrzehnte in ihr Gegenteil verkehrt.

Denn eigentlich sind wir bereits auf diesem Weg, und der Widerstand dagegen ist lautstark: Gestrige Populisten wie Sigmar Gabriel von der SPD stemmen sich gegen die Rente mit 67; Studentenproteste lärmen für längere Höchststudienzeiten, und Eltern leiden unter G8, dem Kürzel für den schnelleren Weg zum Abitur.

Auf betrieblicher Ebene werden die Veränderungen nicht weniger radikal sein: Die Personaler müssen von harten Hau-Raus wieder auf freundliche Anwerbung umschulen. Firmen an der Grenze zur Unwirtschaftlichkeit, die mit Unterstützung der Betriebsräte die Löhne niedrig gehalten haben und dazu aus den flächendeckenden Tarifverträgen ausscheren durften, werden zukünftig wieder besser zahlen müssen oder über die Klippe gejagt. Wenn aus der Konkurrenz um Arbeitsplätze eine Konkurrenz um Arbeitskräfte wird, gelten neue Spielregeln.

Unattraktive Berufszweige werden aussterben: Schon heute will kaum jemand mehr Metzger werden oder frühmorgens um drei Uhr schlaftrunken in die Backstube wanken. Die Arbeit geht nicht aus.

Aber manche wird liegen bleiben – oder von anderen erledigt werden.

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Alle Kommentare [312]

  1. @ Eyss um 11:40 Uhr,

    so einfach kann man tatsächlichen täuschungen erliegen, dabei war ich fest davon überzeugt, dass ich ein grossmeister der übertreibungen bin, aber Du schiesst mit dieser grundsatz-rede, alle vögel ab.
    Grosse Gratulatione, Maestro.

  2. @ Eyss,

    entschludrige bitte, aber Du reibst Dich völlig umsonst auf an Rio’s anekdötchen auf. Der liegt doch schon länst mit einem schweren, roten, türkischen SCHÖPPSCHEN in seinem olivenhain, wetten ?
    Hats er sich auch redlich verdient, nun lass ihm dieses paradeis. WIr haben hier unseres und schnell rüber zu den aufgeblasenen bömbchens und gebläschens, in rtys neuer würstchen- und diskutierbude. Halt Dich doch nicht so lange mit den veralteten zeugs auf, bitte. Neue herausforderungen warten auf Dich.

  3. Tja Rio, 😉
    ein wenig den eiskallt Eysman als psychiatriebedürftig darstellen. –
    Dem unbedingt GUTE Menschen „helfen“ müssen endlich „RICHTIG“ zu leben.
    Vielleicht sollten wir eine Gesellschaft anstreben,
    die zu denkende Denkweise, zu lebende Lebensweise
    einfach gesetzlich VORSCHREIBT? –
    Dann kann die Denkpolizei und die Lebenspolizei das auch durchsetzen!!!!
    Ab in den Knast oder die Psychiatrie mit Solchen wie mir!!!
    Vielleicht wäre DAS die Lösung aller Probleme?
    Du bist schliesslich im Besitz der RICHTIGEN Erkenntnis!
    Im Namen des „richtigen Denkens“
    werden Menschenwürde und Freiheit mit den Füssen getreten.
    Die modernen Methoden der HIRNWÄSCHE
    sind schliesslich auch WEIT effektiver als diejenigen Maos und Adolfs.
    Es ist ja „gut gemeint“ und „im Interesse der Gesellschaft“
    diese schädlichen Subjekte zu „entfernen“.
    Eine „GUTE TAT“ … so zu sagen ;-(((
    ~
    Merkst du,
    wie „links“ und „rechts“ und „wie auch immer“ genannt
    an dieser Stelle völlig G L E I C H A R T I G „ticken“?
    Tschüss jegliche Freiheit, tschüss Menschenwürde!!!
    Da wird der „Mensch“ der ANDERS denkt nicht mehr toleriert,
    nicht mehr (vielleicht) mit Argumenten überzeugt,
    da wird er im Bewusstsein des eigenen RICHTIGEN Wissens
    das ja „geradewegs in den Himmel führt“ mies gemacht,
    als verachtenswert dargestellt,
    als krimineller Volksschädling an den Pranger gestellt,
    den man selbstverständlich
    – als Beschützer der „richtig“ denkenden Menschen – E L I M I N I E R N muss.
    Merkst du, wo dich dieser Gedanke, dieses dein Tun hin führt???
    Welch unglaubliche Arroganz es ist
    im Namen einer Überzeugung – welcher auch immer –
    die Basis der Menschenwürde zu verlassen!!!
    Ich übertreibe???
    Oma würde sagen:
    Wehret den Anfängen.
    Sie hat VIELE Anfänge mit erlebt.
    1917 aus der Zeitung.
    Ende der 20er am eigenen Leibe.
    Ende der 30er, 40er am Beispiel China …

  4. @ Ach Zamir Wattebällchen.
    du meinst es ja gut.
    Aber muss man jeden Blödsinn aus lauter Toleranz hinnehmen
    in der Hoffnung, dass der/die schon lernt, zur Besinnung kommt?
    Hat nicht schon genug Spinnertum Raum gegriffen,
    weil \\\“political correctness\\\“ in der Ausdrucksweise
    eine \\\“Schneise\\\“ in die Vernunft geschlagen hat????
    Hat sich bei gewissen Menschen \\\“auf genau diesm Wege\\\“
    nicht ein unglaublich INTOLERANTES Sendungsbewusstsein breit gemacht,
    eine unglaubliche rechthaberische geradezu totschlägerische Arroganz
    das einzig \\\“gültige Wissen\\\“ zu besitzen???
    Ist \\\“das\\\“ nicht geradezu zu einem Virus geworden,
    das jede Menge schlichte nachplappernde Geister infiziert?
    Hatten wir solche tödlichen Epidemien nicht (mit anderem Vorzeichen)
    schon mehrfach in der Geschichte?
    Fängt die ganze story nicht damit an,
    dass man Blödsinn nicht mehr Blödsinn nennen darf?

  5. @ Eyss,

    das hat der gute Rio bestimmt nicht verdient, dass Du ihn so veralberst. Er ist garantiert ein guter olivenbaum-beschneider und seine beiräge waren gar nicht so verkehrt. Vielleicht hat er sich im dauerstreit mit Greg, etwas verausgabt und braucht wirklich eine schöpferische pause. Ist doch hoch anzurechnen, wenn jemand weiss, wann es genug ist, ODDA.

    Schönen Gruss aus Antalanyiamanamana, Zamir

  6. to whom it may concern:
    Nein, ich bin nicht (mehr) fit in ASCIICodes.
    Ich sag das in aller Arrrogaaaanz.
    Und ich lasse den Konverter in meinem Kasten.
    Denn ich muss meine Intellenz weder hier noch im Puff von Barca
    unter Beweis stellen, weil ich will keinen Olivenacker mit Steinen
    zu einem Tieftauchganz mit der scharfen Vicki zwingen.
    Das könnte sollte müsste unvollständige Bescheidenheit
    zum Teil II lesen, verstehen … brim bram brum …
    Leberwurst Hoppsassa, aber mit Sahne. BITTE.

    @ Pampa
    Hast du vielleicht irgendwo nen Übersetzer nach „DADAISTISCH“, Pampa?
    Wir unterfordern unsern DDR Wirtschaftsystem Fan.
    Wir sind einfach zu doof für ihn.
    Ich meine I C H bin zu doof für diese „Blume aus Arroganzien“.
    Oma flüstert mir grad ihr Erfahrungswissen ins rechte Ohr:
    „Dummheit und Stolz …“
    Den Rest hab ich nicht verstanden.
    Bitte mit Wiki vervollständigen.

  7. Gelegentliche TT-Tieftauchgänge haben meinem Hirn offensichtlich so geschadet, daß mein Beitrag unvollkommen und unvollständig ist. Ganz vergessen hatte ich zudem, Wikipedia einzuschalten. Ich lasse deshalb Teil II lieber in meinem Kasten, obwohl er für das Verständnis des oben Gesagten eigentlich notwendig gewesen wäre.

    Da ich nicht den Eindruck erwecken will, daß ich in betrügerischer Absicht unterwegs wäre, noch den Zwang verspüren würde, meine Intelligenz hier unter Beweis stellen zu müssen, schon gar nicht Weltbilder ins Wanken bringen zu wollen, gönne ich mir eine Auszeit vom TiTo-Parlament.

    Wer den Stein der Weisen im Puff von Barcelona gefunden hat, schmeiße ihn aber bitte nicht in meinen Olivenacker. Der ist schon voll mit Steinen. Olivenbäume sind bescheiden. Die wachsen am liebsten auf steinigem Grund.

    Ich wünsche uns allen Gute Besserung und ein schönes Wochenende.

  8. e^(-tiθ) ∯♥♪♫βµ∞∑╬

    Na Eysel,

    wie fit bist Du in ASCII-Codes? ;-)))

    Ich sage auch nie wieder Puff, Sauna-Club. Sauna heißt Sauna, weil man sich da sau nah kommt. 😉

  9. @ Zamir Punktowitsch
    Eine kleine Gebrauchsanweisung scheint angebracht zu sein.
    Die ••••••• sind Schönheits-Punkte!
    An die passende Stele ins Gesicht geklebt,
    sind das „Schönheitsflecken“.
    Gut platziert erhöhen sie ENORM den REIZ der Person.
    Hier gratis erhältlich.
    WARNUNG:
    Bei übermässiger Verwendung machen sie einen zum „Schwarzen“.
    @ Pampus
    mag sein dass ich mich mit der T.-Vermutung täusche.
    Selbst „Wissen“ ist – in gewissen Fällen – mit Unsicherheit „behaftet. 😉 😉 😉
    Traue T. in seiner – AUCH zwischendurch gezeigten Raffinesse – durchaus zu,
    eine Person zu modellieren, die vom Original erkennbar abweicht.
    Und ÜBER seinem Niveau ist ihm schlicht nicht möglich;-)
    ••••••• hier GRATIS Punkte erhältlich …
    Klar ist Lotto Kombinatoik:
    Allerdings in Lieschen Müllers Augen nicht.
    Ihr ist Lotto = Hoffnung.
    MAGISCHE Hoffnung die,
    wenn sie denn mal gegen alle Wahrscheinlichkeit erfüllt wird,
    fast regelhaft eher zum Problem
    sogar zur Enttäuschung für Lieschen wird.
    Und weil Hoffnung selbstverständlich Teil des Menschen ist,
    leiste ich mir den KOMFORT regelmässig für nen kleinen Betrag Lotto zu spielen.
    – Der kleine Traum vom anstrengungslosen Geld ist all zu schön. –
    😉

  10. Ich glaube Du täuscht Dich in puncto Rio = Magic. Magic erscheint mir intelligenter als Rio. 😉

    Lotto, eines meiner Lieblingsthemen. Es steht ja unter dem Schutz des Staates, der natürlich seine Bürger vor Spielsucht bewahren will. So so. Lotto ist reine Kombinatorik. Von dem was eingezahlt wird, werden 50% wieder ausgeschüttet (Gewinnerwartungsfunktion). Ein tolles Geschäft! Für den angeblich fürsorgenden Staat. Wie mitmenschlich, auch da kassiert er nur die Hälfte ab. Jede Sekunde wird ein Idiot geboren, nicht nur in Österreich.

    Wie meinte WEB, Glücksspiel sei eine Steuer auf Dummheit? So ist es.

    Pampa