Krach in der Puppenstube

Was waren das noch für klare Fronten in den Siebzigern und Achtzigern: Da wurde um die ganz großen Fragen gerungen – Freiheit statt Sozialismus, um Wiederaufarbeitungsanlagen, um Atomraketen auf deutschem Boden.

Heute wird mit ähnlicher Verbissenheit um einen banalen Bahnhof gestritten, auch wenn das wie Krach in der Puppenstube wirkt. Nicht nur in Stuttgart. In Garmisch-Partenkirchen droht die Olympiabewerbung an einigen Wiesenbauern zu scheitern. Die Stromtrasse durch Thüringen ist blockiert. Windräder müssen außer Sichtweite in der Nordsee gebaut werden, und ein paar Jahre mehr für Kernkraftwerke regen bei uns mehr Menschen auf als Neubauten die Schweizer oder Franzosen.

Die neue Verbissenheit hat ihre Ursache in den früheren Konflikten. Damals wurde die Uneinigkeit in der Sache durch Einigkeit per Verfahren ersetzt. Planungs-, Beteiligungs- und Einspruchsrechte wurden ausgeweitet und kompliziert. Das wirkte befriedend. Gab es im Baukrieg um die Startbahn West des Frankfurter Flughafens noch Tote, so trifft man sich jetzt gesittet vor Gericht oder beim Mediator.

Das ging einige Zeit gut. Aber wegen der Verfahren liegen heute zwischen der Grundsatzentscheidung und dem tatsächlichen Baubeginn 15 Jahre. Die Befürworter eines Vorhabens erleben den ersten Spatenstich als Rentner; die Betroffenen waren schon altersbedingt an der Entscheidung nicht beteiligt. Sie können zu Recht darauf verweisen, dass sich seither die Grundlagen der Planung geändert haben und die Kosten explodiert sind. Die Befriedungsstrategie per Verfahren schlägt ins Gegenteil um. Jetzt erlebt Baden-Württembergs Ministerpräsident Mappus, dass er verfahrensmäßig recht hat – aber nicht auch recht bekommt.

In einer alt gewordenen, kinderarmen Gesellschaft haben die vom Baulärm Betroffenen nichts mehr von der Fertigstellung. Die Generationensolidarität zerbricht. Das erklärt die vielen älteren Demonstranten in Stuttgart wie schon vorher bei der Transrapid-Entscheidung in München: Für ihre Rente reicht die alte Bahnstrecke allemal; für sie ist Nichtstun sinnvoller als Investieren. Auch zwischen den Bundesländern ist der Konsens aufgekündigt. Lange galt es als abgemacht, dass jedes Land einen Teil schultert: Süddeutschland die Kernkraftwerke, das Rheinland die Braunkohlestinker, Niedersachsen die Endlagerung. Aber jetzt hat die opportunistische Generation vom Typ Sigmar Gabriel das Sagen, und der hat aus der Hartz-IV-Debatte unter Gerhard Schröder nur eines gelernt: Verantwortung, die zum Stimmenverlust führen könnte, sollte man nicht schultern. Populismus wird zum Politikstil. Auch in der CDU. So blockiert Schleswig-Holstein die CO2-Endlagerung. Für eine Sache einzustehen, statt nur mit vor Erregung zitternder Unterlippe zertretene Käfer zu beklagen, Staatsgelder einzusparen statt großzügig zu verteilen – in Gestaltungsprozessen ist die Erbengeneration der Grünen bislang nicht sozialisiert worden. Dass man auch bei unvermeidlichen Risiken und Nebenwirkungen durchhalten sollte, ist einer Claudia Roth oder einem Cem Özdemir so fremd wie einem Eskimo der Kühlschrank. Jürgen Trittin hat das Dosenpfand durchgestanden. Immerhin.

Auch in der Union hat die Generation der Talkshow-Opportunisten die Vorherrschaft übernommen, die Konflikte lieber moderieren als durchhalten. Mit angestrengtem Nettsein kann man neuerdings sogar Bundespräsident werden.

Es gibt aber auch Gegenbeispiele – etwa Ursula von der Leyen. Sie hat in der Hartz-IV-Debatte Härte gezeigt – und gewonnen. Bewundernswert, wie sich diese äußerlich zarte Person in Talkshows den Windflügelarmen des Linken-Chefs Klaus Ernst entgegenstellt. Oder Karl-Theodor zu Guttenberg: Respektabel, wie der Verteidigungsminister die Bundeswehrreform durchzieht. Wenn jeder Bahnhof zur Grundsatzfrage wird, brauchen wir starke Typen, die kämpfen und überzeugen.

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Alle Kommentare [319]

  1. Leute, ruhig Blut, ich war seit 16:50 Uhr mit Xantippe und den Jungcobras im Kino: Social Network!
    Schaut euch das mal an, vielleicht hebt’s den ein oder anderen aus der Hängematte…anschließend waren wir zum Italiener und die Äfelchen um meinen Stamm herum haben mir ein Loch in den Bauch gefragt;-)…und ich hab ja euch in den letzten 2 Jahren gehabt, nichts was ich nicht erklären konnte °;°

  2. Ich weiß Pampa,
    17:40 da darfst du raten wer das war …
    18:07 war ich.
    (Entschuldige mich hiermit für den Gebrauch deines Namens.
    Hoffe auf dein Verständnis.)
    Nun mach dir deinen Reim.

  3. Ich denke,
    Tragic hat begriffen, dass ein anderer nick nicht reicht.
    Mit den Identitäten ist es allerdings so ne Sache.
    Der BND ist halt eher Regionalliga. –
    Bei der Durchsichtigkeit.

  4. Claas claar, Gebirgsjodler vom unteren Isartal. Hol den Dreschflegel raus. Auch leeres Stroh, will gedroschen sein. Wo hat Karl vom Lagerlechfeld eigentlich die Zeit her, um hier altruistisch seinem verlorenen Schatz nachzujagen? Jauchentaucher würd´ich mit Dir gern spielen. Darauf setzen, daß ich´s unten länger aushalt, dann gehn wir kalt duschen am Gartenschlauch, setzen uns unter die Palmen und dringen jeder drei Schneidrige Weisse. What meenste?

  5. @ Pampa,

    jung, fast unbesiegbar und dazu noch eine gesunde portion ehrgeiz, verbunden mit teamwork, was kann schöner sein, viel schöner als…
    Das wirkliche leben spielt die besten und spannendsten geschichten.

    Grüsse aus der Hängpattpartienmatte, Zamir

  6. Darf ich Eysel? Bei Dir schwanke ich eigentlich nicht, bei anderen eher, egal, ich sage das jetzt mal:

    ”Ich habe noch nie jemanden getroffen, der einstenteile so von sich überzeugt,
    anderenteils gleichzeitig so mit Zweifeln beschäftigt ist wie du.”

    Wer aufhört besser zu werden, hört auf gut zu sein. Beides gehört zusammen, es schließt sich nicht aus, im Gegenteil. Ist es nicht schön, seine eigenen Grenzen zu testen? Gehen wir mal gemeinsam auf den Gurken-Flieger, Rübenhacken oder Olivenernten? Bilanzieren wir eine Bank, stellen ein Projekt wie S21 oder den Gotthard-Tunnel auf die Beine, entwickeln ein Medikament?

    Nichts schmeckt süßer als Erfolg, wenn die Hürde hoch genug liegt, es muss weh tun. Give me reason, but don’t give me choice.

    Das werden aber einige hier nie verstehen, Männer sind Jäger, keine Hängemattenwesen. Wenn sie zwischen den Palmen lümmeln, verrotten sie.

    Gruß
    Pampa

    P.S.: @Zamir und nur für Dich
    Eine meiner großartigsten Erlebnisse war, als wir mit Niederbayern Oberbayern eingemacht haben. 3,5:3,5, Hängepartie auf Brett acht, eine Stunde Unterbrechung. Wir standen leicht besser. Mein liebster Feind auf unserem Brett 2 und ich haben den Kollegen hergerichtet, weil technisch nicht sonderlich ausgebildet. Eine Stunde intensivste Schulung in Turmendspielen, im Prinzip von zwei Feinden gemeinsam veranstaltet, danach konnte es 8 halbwegs. Die Oberbayern haben ihre Nr. 8 aber auch intensiv geschult. Unserer hat es aber heim geschoben, na ja er musste öfter Pipi, zusammen mit mir und enemy mine. Der Oberbayer ging aber auch regelmäßig nicht alleine pissen. 😉 (Wie im Radsport, Drs. Do Ping)

    So viel hat 8 wohl nie in seinem Leben in einer Stunde gelernt, schätzungsweise 100 ELO. 😉

    … übrigens hat mich GM Oberbayern (na gut, Philip Schlosser) auf 1 damals eingemacht, Najdorf-Bauernraub. Mann muss auch verlieren können, aber nur ungern. Auf 8 haben wir Oberbayern 1 + 2 ja filetiert, fein säuberlich. 😉

    Mich hat damals gewundert, wie sehr enemy mine und mich das gemeinsame Ziel!!! verband, danach haben wir ein paar Weizen zusammen getrunken und geblitzt wie nie zuvor, Quintos, Dos, Minutos, je später der Abend, desto kürzer die Zeit, logisch oder? 😉

  7. @ Eyss,

    sagte der personalchef zum einstellungs-kandidaten:
    \“Wenigstens scheinen sie ehrlich zu sein, das ist doch schon was, für den anfang\“.

  8. @ Eyss,

    schreibe doch was und wie Du es möchtest; jedoch gestern 18:37 Uhr ist m.E. „ECHTES MAGIERFUTTER“. Da ich aber in den meisten fällen, im umgang mit Dir, „von alters-sanftmut umnachtet“ bin(Damit meine ich natürlich mein eigenes alter, damit wir uns verstehen). kommst Du wieder einmal, ohne grösseren schaden davon, WOLL.

    Schöne Grüsse vom Friedrichsdorf-Palast, Zamir

  9. @ Pamir
    \“gestern um 16:39 Uhr und heute 18:37 Uhr\“
    Mir sagte mal jemand:
    \“Ich habe noch nie jemanden getroffen, der einstenteile so von sich überzeugt,
    anderenteils gleichzeitig so mit Zweifeln beschäftigt ist wie du.\“
    Ich finde, das ist die beste Charaktersierung
    die je von mir gemacht wurde.
    Die Welt ist offensichtlich W E I T E R als du denkst, lieber Pamir.
    @ Ghost
    meine \“Kunsterfahrung\“ beschränkt sich auf genau 1 Teil.
    Ich mag das Teil i m m e r noch 😉
    Ausser, dass es inzwischen ein Stück meines Lebens geworden ist.

  10. Pampa
    A propos Finanzen und jüdische Witze. Ich habe vor einigen Wochen in Casablanca, wo es viele Juden gibt, einen schönen Witz gehört, der geht so:
    Moses geht zu Elias, um ihn zum Kinobesuch abzuholen. Elias will dazu etwas Geld aus seinem Kästchen nehmen. Er macht es auf und Moses sieht einen Spiegel, der unter dem Deckel des Kästchens angebracht ist. „Was soll denn der Spiegel“ fragt Moses. Elias erwiedert: „Damit ich auch sicher bin, dass ich es selbst bin, der das Geld entnimmt“.
    (Dieser Witz wäre natürlich nicht nur auf jüdische Mitbürger anwendbar)

  11. Pampa 14:38
    Du beschreibst etwas, das auch auf dem Kunstmarkt vorkommt – da kenne ich mich ja aus. Uninformierte Käufer erwerben Werke, in der Annahme, der Künstler wird sich als Komet erweisen. Meistens ist das jedoch nicht der Fall, der Verlust waren also programmiert. Der Kunstmarkt ist ein merkantil-brutalisiertes Gewerbe geworden. Nun ja, für den Verlust haben sie dann ein Bild, eine „Installation“, oder etwa ein als Skulptur deklariertes Drahtgebilde. Wer dagegen in ein mit Fett eingeschmiertes Stück Filz von Beuys investierte, könnte Millionär sein. Insofern ist der Kunstmarkt der Finanzhype nicht fern.

  12. @ Eyss,

    gestern um 16:39 Uhr und heute 18:37 Uhr, unerklärlich, dass beides in einen kopp reinpasst ohne verluste davonzutragen.
    Wat et nich allet jeijben taut, ha nee, ha nee.

  13. @ Pampa,

    aha, aho, jetzt fällt bei mir der groschen, deshalb möchte Eyss unbedingt zusammen mit ganz D, zum islam rübber-konvertieren.

    Gruss von der Spitzkohl-Ernte, Zamir

  14. Du hast mich vergessen Eysel? Ich bin untröstlich, das passiert Zamir nicht. Er hat zwei Töcher, ich zwei Oberschenkel, eine Win-Win-Situation. ;-)))

    Grüße mir Dirty Harry
    Pampa

  15. @ Eyss,

    die erste hälfte Deiner hymne verstehe ich ja noch halbwegs, aber die zweite hälfte ? Was möchtest Du mir denn eigentlich sagen ?
    Ich möchte ja äusserst vorsichtig sein, aber irgendwie, was machen Deine augen beim lesen ? Kurz und knapp, geht’s auch etwas präziser ?