Luftballon mit Beulen

Eine Art Buchstabenrätsel stand vor einem Jahr an dieser Stelle: Entwickelt sich die Wirtschaft wie ein V, U oder L – also schneller Abriss und ebenso schnelle Erholung in Form eines V; lange Rezession oder gar jahrzehntelange Depression?

Seit Sommer wächst die Wirtschaft wieder. Aber aus dem Keller fährt kein Aufzug ans Licht, das V wirkt zittrig – schwungvoll geht anders. Der Export ist die Wachstumslokomotive – aber die Lok ist zu schwach, um Bau und Investitionen mitzuziehen. Die Angst vor Arbeitslosigkeit wächst – und deshalb sind die Einkaufspassagen voller Schaulustiger, aber die Einkaufstüten im Weihnachtsgeschäft so auffallend schlank.

Wirtschaft ist eben kein Luftballon, der schrumpft, wenn die Luft abgelassen wird und sich danach wieder zu alter Form aufbläht. Jede Krise hinterlässt Sieger, Verlierer und völlig neue Spieler, der Luftballon verändert seine Form und bekommt Beulen und Berge.

Größer werden die asiatischen Teile der Wirtschaftskarte, vor allem Indien und China. Sie wurden von der Krise weniger stark getroffen und erholen sich schneller. In Europa und den USA, unseren größten Handelspartnern, fehlt dieser Schwung – weil wir fast doppelt so viel in die Niederlande exportieren wie nach China, bleiben wir der Schrumpfwelt verhaftet. Die wirtschaftliche Kraft der „emerging countries“ verändert auch die weltpolitischen Gremien. Die Frage ist entschieden, ob globale Wirtschaftsthemen wie bisher zwischen den alten acht Wirtschaftsmächten geregelt werden können – in der Krise hat sich der Kreis wie selbstverständlich auf 20 erhöht. Fast kindlich klingt das Gerede vom „Globalisierungsgegner“. Spätestens die Klimadebatte zeigt, dass sich niemand der Globalisierung entziehen kann, indem er die Tür zum Kinderzimmer schließt.

Die säkulare Verschiebung der Nachfrage hin zu den hungrigen Märkten und das Auftrumpfen neuer Industriegiganten aus Fernost verschärft den Wettbewerb. Es sind auch andere Produkte, die von vier Milliarden konsumfreudiger Menschen dort nachgefragt werden. Sie sind es, die die neuen Standards des Begehrenswerten setzen – sie koppeln sich ab von den Trends, die bislang in New York, Paris oder London kreiert und weltweit nachgelebt wurden.

Und weil Rohstoff- und Energiepreise sich über Nacht irrsinnig verteuern und morgen wieder verbilligen, mal in Griechenland und mal in Dubai Blasen platzen und Kreditpyramiden zusammenbrechen, wird das Wirtschaftsgeschehen noch unberechenbarer, überraschender und unkalkulierbarer. Quartalszahlen galten lange als Beleg für Kurzfristdenken – tatsächlich stehen heute Jahresplanungen für eine überholte Opa-Ökonomie in der Beschleunigungsfalle.

„Überraschung als Norm“ sieht unser Reporter im Silicon Valley, Matthias Hohensee, als Maxime der Techno-Wirtschaft. So ist aus den Trümmern der New Economy Google als monströses Superhirn der Infowirtschaft erwachsen. Soll sich niemand aus der deutschen Autoindustrie überrascht zeigen, wenn 2010 erste Serien-Elektroautos durchs Schwabenland surren und eherne Überzeugungen und Geschäftsmodelle umstülpen. Der Wandel beginnt erst und wird immer neue Bereiche erfassen.

Und was bleibt dauerhaft? Nachhaltigkeit als Wert, als Maßstab für Erfolg wird von Vordenkern seit 20 Jahren beschrieben und jetzt breitenwirksam. Wer dies als Worthülse abtut, wird unter dem Druck von drei Seiten zerbrechen – Druck vonseiten der Gesetzgebung, mehr noch von Konsumenten und besonders schmerzhaft: von den Kapitalgebern, die beginnen, Nachhaltigkeit als Maßstab zu setzen.

Der Aufstieg aus dem V-Tal ist ein spannendes Unterfangen.

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