Träume und Taten

Wir kriegen verbilligte Styroporplatten für die Hausmauer und die Amerikaner Barack Obama. Unterschiedlicher könnte Politik nicht sein: hierzulande ein mickriges Konjunkturprogrämmlein, dessen visionärster Bestandteil, die Subventionierung Strom sparender Kühlschränke, dann doch nicht verwirklicht wird. Drüben wird schon die Wahl eines neuen, jugendlich wirkenden Präsidenten als historisches Ereignis empfunden – inklusive seines Programms, das aus vier Buchstaben besteht, die allerdings eine riesenhafte Bedeutung ergeben: „Hope“ – Hoffnung, der Traum vom besseren Morgen. Die Amerikaner glauben an die Rettung der Welt durch Autosuggestion, die Deutschen durch Pfandflaschen.

Berlin lehnt sich ebenso selbstgenügsam wie selbstzufrieden zurück und glaubt fest daran, sein Bestes gegeben zu haben. In den USA fängt die Story erst an: Die Autosuggestion, der Traum, die Hoffnung geben dem Land die Kraft, die großen Probleme wirklich anzugehen – hoffentlich. Denn die Lage der Weltwirtschaft ist viel schrecklicher, als sie derzeit im wirtschaftsfernen Berlin wahrgenommen wird. Es geht nicht um ein paar Prozent mehr oder weniger Wachstum für Deutschland – so viel Rezession halten das Land und seine sozialen Systeme schon aus, auch wenn’s weh tut. Es geht im schlimmsten Fall um den Abriss vieler wirtschaftlicher Aktivitäten: Nachdem zunächst die Banken das Vertrauen untereinander verloren haben, sind es jetzt die Unternehmer und Industriellen, denen das Vertrauen in die Zukunft abhandenkommt. Längst hat die Finanzkrise die Realwirtschaft erreicht. Und was das Allerschlimmste ist: Kaum ist das Feuer an einer Stelle gelöscht, lodert es woanders auf, sorgt Funkenflug für neue Brände. Deutschland leidet jetzt darunter, dass seine Nachbarstaaten im Osten, dass Russland und zunehmend auch China in Kredit- und Nachfragekrisen getrieben werden. Alles, was nicht unmittelbar zur Aufrechterhaltung des Tagesgeschäfts notwendig ist, wird deshalb verschoben, gestrichen, vertagt. Was einzelwirtschaftlich richtig und vernünftig ist, addiert sich zu einer gesamtwirtschaftlichen Katastrophe für wichtige Schlüsselbranchen. Das Ergebnis: Nichts geht mehr.

Mit „Hope“ allein wird auch Barack Obama nichts gegen diese sich aufschaukelnde Krise ausrichten können. Er weiß das sehr wohl. Schon in seiner Rede nach dem Wahlsieg gab er sich erstaunlich bescheiden, begann rhetorisch bereits sein Abstieg von den Träumen auf Wolke sieben in die bittere Realität einer privat und staatlich überschuldeten Wirtschaft mit hoher Arbeitslosigkeit, verrotteten Sozialsystemen, ausgebrannter öffentlicher Infrastruktur und teilweise ausradierten Pensionskassen für die Mittelschicht. Sehr viel mehr als Verzicht, Einschränkung eines Massenkonsums auf Pump und noch mehr Arbeit wird Obama in den kommenden Jahren nicht zu bieten haben.

Aber Hoffnung und Optimismus sind nun mal der Treibstoff für wirkliche wirtschaftliche und finanzpolitische Reformen. Darin liegt die eigentliche Chance für Barack Obama und auch für die Weltwirtschaft, deren stolzes Anhängsel – das sind wir – jetzt hoffen muss, vom großen Strom wieder mitgerissen zu werden. Bislang hat Obama sein Wirtschaftsprogramm weitgehend offengelassen. Aber um die Rezession daran zu hindern, ihre ganze Dynamik zu entfalten, wäre nun ein gigantisches Reformprogramm erforderlich. Und es müsste schnell kommen. Die wirtschaftliche Zwangslage wird Obama nicht die Atempause bis zur Amtsübernahme am 20. Januar geben, die die Politik eigentlich vorgesehen hat.

Träume erst ermöglichen große Taten. Autosuggestion wird wirkungsmächtiger als kleine Taten. Hoffentlich.

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Alle Kommentare [254]

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