T wie täuschen

Zwischen Unternehmen oder Politikern einerseits und Journalisten andererseits herrscht ein sportlicher Wettstreit: Die Unternehmen wollen möglichst keine Informationen preisgeben, die Politiker gerne geschönte – und Journalisten immer genau jene Geheimnisse entdecken, welche die anderen verstecken oder schönen.

So kommt es gelegentlich zu Rempeleien, bei denen man nicht zu wehleidig sein sollte. Gerade wir Journalisten sind meist ziemlich gut im Austeilen und ziemlich schlecht im Einstecken. Wer rücksichtslos und – oft genug – auch selbstgerecht Kritik übt, darf nicht erwarten, dafür von den Kritisierten geliebt zu werden.

Soweit nehmen meine betroffenen Kolleginnen und Kollegen in der Redaktion der WirtschaftsWoche die Nachricht über die jetzt aufgeflogene Bespitzelung durch die Telekom eher amüsiert hin: Wir hatten dies mehr erahnt als gewusst und sind mit anonymisierten Telefonleitungen den hinterhechelnden Telekom-Kontrolleuren zuvor gekommen.

Ihnen zum Trotz haben wir erfahren, was wir herauskriegen wollten, und gedruckt, was unsere Leser wissen sollten, auch wenn es unser Verlagshaus über den Verlust von Anzeigen teuer zu stehen kam. Freiheit gibt es nicht zum Nulltarif; wer nicht bereit ist, dafür zu kämpfen, soll sich einen anderen Beruf wählen. Übrigens ist es bezeichnend, dass kürzlich die Anwälte von Gesine Schwan diese Redaktion daran hindern wollten, eine Geschichte zu bringen, in der die schmierige Geschäftigkeit der Präsidentschaftskandidatin beschrieben wurden (WirtschaftsWoche 22/2008).

Kein Fettnäpfchen, das die Telekom ausließe

Aber beim Bespitzelungsskandal der Telekom die Telefonate ihrer Aufsichtsräte und Manager mit Journalisten nachverfolgt hat, geht es nicht nur um Rempeleien – sondern um ein groß angelegtes Täuschungsmanöver gegenüber der Öffentlichkeit und den Finanzmärkten. Seinen Anfang nahm die Irreführung im Umfeld des Börsengangs der Telekom. Ein biederer, unter dem Behördenstaub vegetierender Laden sollte zum Global Player aufgemotzt werden. Das schien zu glücken, begünstigt auch durch den New-Economy-Hype. Aber in dem Maße, in dem sich die Diskrepanz zwischen der in hübsches Magenta gefärbten Fassade und der grauen Wirklichkeit auftat, wurden die Methoden der Telekom-Spitze härter.

Journalisten wurden bespitzelt und bedroht – andere geschmiert. Anzeigen wurden als Druckmittel eingesetzt, Bankanalysten beeinflusst. Genutzt hat dies der Telekom nichts. Die Kunden laufen in Scharen davon. Der Service ist miserabel, der Börsenkurs ruht still im Keller, das Unternehmen hat seine Machenschaften vor Gericht zu verantworten, seine Börsen-Prospekte werden als Märchenbuch gelesen. Kein Fettnäpfchen, das die Telekom ausließe: Mal ist das Radsportteam Telekom gedopt, dann sind die Abrechnungen falsch, immer rangiert die Telekom auf einem der letzten Plätze, wenn es um den Service geht.

Dass wir das alles wissen, stimmt mich optimistisch. Wir leben in einem der freiesten Länder der Welt. In einer offenen Gesellschaft findet die Wahrheit ihren Weg, auch an Spitzeln vorbei und trotz zahlreicher Repressionen. Ergebnis: Neben der Telekom gibt es kein Unternehmen, dessen Herz so umgarnt ist von den Informationsnetzen, die Journalisten gesponnen haben.

Die Telekom hat nur in ihrer Frühphase Kritik als Chance verstanden und den offenen, ehrlichen Umgang mit den Fakten für die Modernisierung dieses Unternehmens genutzt, das für die Volkswirtschaft so wichtig ist. Dann kamen Blender, die dem Unternehmen nur eine kurze Scheinblüte verschafften. Jetzt geht es nicht nur um die Aufklärung der Spitzeleien. Das gesamte Unternehmen muss neu ausgerichtet werden. Räumt den Laden endlich auf, dann gibt es bald nichts mehr Geheimnisvolles zu berichten!

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  1. Sind „Privatanschüsse“ inkorrekt? Aufdeckung von Privatanschüssen
    durch Spitzelei? Was ist jetzt mit „es gibt kein Recht im Unrecht“?
    Kann mir mal einer helfen?

  2. _Jedes_ Unternehmen tut das. Ich würde mich sehr wundern, wenn bei anderen Großunternehmen nicht ähnliche Praktiken auftauchen würden. Ok, das Bespitzeln der eigenen Kunden ist eine ganze Klasse stärker, aber ehrlich gesagt auch das wundert mich nicht. Was ich jedoch relativieren muss, ist die Aussage der Service sei bei der Telekom schlecht. Das ist sicherlich richtig, auch nach meinen Erfahrungen. Jedoch sind die anderen nicht etwa besser sondern teilweise noch schlechter. Service kostet in der einfachen BWL-Denke Geld. Den Kosten steht kein unmittelbarer Nutzen entgegen. Niemand würde sich trauen, mehr Geld für Service auszugeben. DIe Aktienmärkte würden es nicht honorieren. Im Gegenteil, getreu nach der „good enough“-Strategie nur gerade soviel dem Kunden entgegen kommen wie es dem Renditeoptimum entspricht. Das haben alle TK-Unternehmen sehr schnell gelernt. Dass es auch anders geht beweisen mal wieder die USA: Dort ist der Stellenwert von Service wohl auch den BWLern knallhart vermittelbar. Es dauerte genau 18 Stunden bis in Atlanta ein Internetanschluss plus Telefon geschaltet war. Vielleicht haben wir ja auch nur Glück gehabt.

  3. Ich habe schon lange nix mehr mit der T zu tun und bin froh drum. Mobilfunk nutze ich Eplus und Internet+Telefon nutze ich Kabelanschluss!

  4. Lieber Herr Eysel,

    wie war das: 58 Jahre und Ruhestand, da kommen solche Freud\’schen Fehlleistungen mitunter ganz unbewußt, das eigene Erleben reflektierend – grandios, wenn es ein inszinierter Lapsus war, wirklich nicht schlecht!
    \“Viel Frust los zu werden?\“ Sie wissen doch wie das im richtigen Leben so ist, mal weniger, mal mehr …im großen und ganzen gehts mir gut – Tichy-Town macht irgendwie Freude, das liegt natürlich nicht unwesentlich an Ihnen, PCIIa, Neumann unserem Göttervater, dem tiefen Ernst, der flapsigen Lockerheit und manche Augenzwinkern mit dem hier Funkenflug erzeugt wird, bin gespannt wie\’s weitergeht …vorerst so long, halten Sie die Ohren steif, das ist das mindeste was Plato von seinen Zeitgenossen erwartet hat, wenn Sie wissen was ich meine…

  5. Lieber RK,
    \“ätzen\“ können sie gut, keine Frage …
    Viel Frust los zu werden?
    Und stehts sonst noch?

  6. wer schon, lieber Herr Eysel, in Tichy-Town ist diese Rolle definitiv vergeben und solange wir alle „liebevoll“ miteinander umgehen – so wie Jogi Löw mit seinen Fussbaler auf Anraten unserer Kanzlerin – kann nicht viel passieren – T wie täuschen macht in Tichy-Town allerdings nicht sonderlich viel her, mal sehn was der Göttervater als nächstes für einen Ball antritt …und eins und zwei und drei und vier und hoch das Bein und rechts herum…

  7. Was nie vernünftig kommuniziert wurde sind die sehr speziellen Probleme die zwangsläufig dabei enstehen müssen, wenn man aus einem ineffizienten trägen Monopolisten in einem explodiernden Markt ein normales Unternehmen machen will. Diese Probleme locken „Fledderer“ an, denn Unverständliches, wenns nur forsch verpackt wird, das „sells“. Und wenns noch so hahnebüchener Unsinn ist. Wer will sich schon bemühen, komplizierte Zusammnhänge sachlich zu analysieren???

  8. @Berger: Das täuscht. Presse hat unglaublich viel mit Visionen zu tun, deshalb heißt es ja auch Television 🙂

  9. @Neumann

    und ich war immer der Meinung dass die Presse etwas mit Telepathie zu tun hat 🙂

  10. @Berger: Es ist die Natur von Geheimnissen, dass sie geheim sind. Da „den Medien“ telepathische Kräfte fehlen, gibt es keinen definierten Zeitpunkt, wann etwas bekannt wird. Es ist eine Frage der richtigen Quelle (weshalb die Telekom so intensiv nach dem Leck gesucht hat) und der Nachweisbarkeit. „Ich habe gehört, dass …“-Meldungen können verflixt teuer werden, wenn man es nicht belegen kann. Dass einige Sachen spät oder gar nicht öffentlich werden, ist also in der Regel keine Frage von Klüngelei, sondern eher von Reporterglück bzw. -pech.

  11. Zum Glück fördert das Internet die whistleblower….

    Im Zusammenhang von Wirtschaft und Medien würde mich interessieren, inwieweit die Verflechtungen auch dazu geführt haben, dass einige Skandale erst spät an die Öffentlichkeit gelangen??

  12. Weder noch.
    Wie wär`s denn mit:
    Rest von ganz altmodischer Allgemeinbildung.
    Hat die im WIWO blog schon Exotencharakter?
    Na dann „Gute Nacht Deutschland“!

  13. Nicht sehr „sinnig“. Ich rechne nichts auf!
    Aufrechnen möchten Sie dagegen womöglich, dass es in anderen Foren vergleichsweise „primitv“ zugeht?
    Sie unterstellen mir etwas und verwenden nur einen Satz später genau die mir unterstellte Taktik selbst. Ist das nicht etwas konfus?
    Empfehle Ihnen, über Assymmetrien in der WAHRNEHMUNG und DARSTELLUNG von „Vergehen“ nachzudenken, auch, wenn es der „gängigen“ Meinung widerspricht, darüber überhaupt noch zu diskutieren. Über das „Ausblenden“, wenn der Eine was tut und wenn der Andere dasselbe tut. Motto:“ Quod licet bovi, non licet Iovi.“ ;-))) Beachten Sie bitte die Umstellung!
    Es ist eine der zu acceptierenden Schwächen der Demokratie, dass „Manipulatoren“ die systembedingt „einfacher strukturierte Mehrheit“ des Souveräns recht offen und schamlos nutzen können, um an die Macht zu kommen. Weitsichtigkeit ist eben nun mal KEIN typisches Merkmal des nur ANGEBLICH so aufgeklärten Volkes. Verführbarkeit dagenen schon. War am Wochenende mit einigen Leuten aus HAMELN zusammen. Haben die Burg in Rattenberg besichtigt. Es fehlte nur noch der Flötenspieler im bunten Gewand…falls Sie wissen, auf welches Märchen ich anspiele.
    Fast alle Märchen sind LEHRSTÜCKE. Kein Kinderkram aus vergangener Zeit!

  14. @Eysel:
    Der Bogen vom Schwarzarbeiter zum Vorgehen der Telekom ist sehr gewagte. Die Telekom hat ihre Stellung missbraucht und Daten, die ihr anvertraut waren, regelwidrig genutzt. Sie hat überzogen reagiert und damit gegen die Regeln der Eigenverantwortung verstoßen. Niemand steht über dem Gesetz, auch nicht die Sicherheitsabteilung und der Vorstand der Telekom.

    Weil vor dem Gesetz alle gleich sind, kann man Gesetzesverstoß A nicht gegen Gesetzesverstoß B aufrechnen. Es wäre genau eine Schwäche der Demokratie, im Fall der Telekom zu schweigen und so zu tun, als seien die Verbindungsdaten das Privateigentum des Konzerns.

    Was Ihre Angst vor der Meinungsäußerung angeht: Hier wird doch eher gepflegt diskutiert, da geht es in anderen Blogs ruppiger zu. Man kann halt nicht für jeden Beitrag stehende Ovationen oder wenigstens Zustimmung wie im Freundeskreis erwarten.

    Ich sehe daher auch keine „Meinungsdiktatur“. Die Hartz-Gesetze verfolgen beispielsweise auch das Ziel, den Missbrauch von Unterstützungsleistungen einzudämmen. Eine Einseitigkeit der Diskussion oder des staatlichen Handels erschließt sich mir nicht. Und nein, ich glaube nicht, dass man ALG-II und den Telekom-Skandal gegeneinander aufrechnen oder miteinander vergleichen kann. Da geht es alleine um die Frage, ob die „kleinen Sünder“ aus der Diskussion verschwunden sind.

  15. Aber irgendwie schaffen Medien es immer wieder, die „Kleinen Sünder“ ( seien es nun Sozial-Schmarotzer, von denen ich rede, oder ethnische Minderheiten, oder Schwarzarbeiter, oder oder …) als Einzelfälle darzustellen, als Bedauernswerte, als vom Schicksal – ganz ohne eigenes Zutun – übel Gebeutelte, die unser Mitgefühl und unser Geld „verdienen“. Auch eine „gewisse Mittelschicht“ befleissigt sich dieses Tuns. So effizient, dass ich recht sicher sein kann, wegen meines „Ross und Reiter nennens“ absolut sicher sein kann, in den nächsten Beiträgen heftig abgewatscht zu werden. Merkwürdigerweise ergibt sich in „privaten Gesprächen“ ein ganz anderes Bild der „Volkesmeinung“. Ich ernte private Zustimmung. Aber sich öffentlich ÄUSSERN in diesem Sinne, das mag man nicht. Da hat eine gewisse Denkweise eindeutig die „Meinungsherrschaft“ übernommen. Ob die Lauteren wirklich die Klügeren sind? Vor 75 Jahren haben AUCH die „Lauteren“ die Herrschaft übernommen …
    Aus vielen Gründen, aber AUCH, weil die Klügeren VIEL zu „leise“ waren, glaubten, der „Spuk“ ginge schon vorbei. Heute ist die „Deutungshoheit“ über alles Geschehen schon fest in Händen der „Lauten“. Damals war „Defätismus“ der Terminus der Herrschenden, den man damals für „unerwünschte Äußerungen, Taten“ verwendete. Heute : „politically incorrect“. Die ersten „Opfer“ der zumindest Meinungsdiktatur kennt jeder. Viele Andere emigrieren, auf die eine oder andere Art. Manchmal habe ich regelrecht Angst hier meine Meinung zu sagen. Voltaires Ausspruch „Mein Herr, ich bin durchaus nicht ihrer Meinung, aber ich würde mein Leben dafür geben, dass sie die ihre äussern dürfen“ wird der in Deutschland 2008 noch gelebt ???

  16. Nicht nur T-Leute täuschen.
    Völlig in den Medien, in der öffentlichen Diskussion unterrepräsentiert, so als existierten sie garnicht, sind die MILLIONEN von unspektakulären „Kleinbetrügern“ ( von Schwarzarbeitern bis Sozialhilfebetrügern ), die der „Gemeinschaft“ einen Schaden zufügen, der ganz sicher ZIGfach höher ist als Schaden durch einige (leider) spektakuläre Großfälle. Es geht dabei nicht nur um Geld; es geht um die eklatante „Verletzung einfachster Normen“.

  17. …wir hatten noch einen Telekomtelefonanschluß. Habe heute veranlasst, dass die Kündigung am Montag rausgeht…Sie haben völlig recht, dieser wettbewerbsuntaugliche Haufen saturierter Nieten ist definitiv entbehrlich, da können auch noch soviele Obermänner, den ich für einen smarten Typen auf verlorenem Posten halte, mittelfristig wenig dran ändern. der aber wird schon was anderes finden…