Romantik statt Kohle

Stararchitekt Norman Foster, der Schöpfer der Reichstagskuppel, soll in Italien zukünftig Strommasten entwerfen. Es geht darum, mit „Bella Figura“ die eisernen Goliaths bei der Bevölkerung beliebter zu machen. Haben wir das auch hierzulande nötig, werden Atommeiler zu Eierkörbchen umfrisiert und Kohlekraftwerke von der örtlichen Hauptschule mit bunten Kinder-gartenmotiven angemalt? Energiepolitik wird immer emotionaler. Zunächst war es die Kernenergie, die in unseren Nachbarstaaten ausgebaut, bei uns aber abgeschaltet werden soll. Jetzt trifft es auch die Kohlekraftwerke und damit die Energieversorgung insgesamt. Ja, auch ich glaube fest an die Zukunft schimmernder Solaranlagen, knatternder Windräder und müffelnder Biogasanlagen. Aber wahr ist auch: Bis neue Stromnetze (siehe Seite 22) von den Windparks in der Nordsee bis zu den schwäbischen Fabriken durchs Land geschlagen sind und regenerative Formen der Energieversorgung wirklich dauerhaft, preisgünstig und in der notwendigen Menge Strom liefern werden, bis dahin vergehen noch 20 bis 30 Jahre, und
es werden viele Milliarden fällig sein. Im Augenblick sieht es so aus, als ob Deutschland nach dem Ausstieg aus der Kernenergie, der schwer, aber noch verkraftbar ist, auch noch den Ausbau der Kohlekraftwerke blockiert und den Bau der Stromtrassen mit verhindern will. Der Furor der deutschen Romantik hat ein neues Ziel – die Baustellen der neuen Kraftwerke. Der Philosoph und Schriftsteller Rüdiger Safranski hat exzellent nachgewiesen, wie gerade in Deutschland die Romantik immer wieder über Realitätsprinzip und Pragmatismus triumphiert – es ist auch der Triumph der Kompromisslosigkeit und der Radikalität. Die Epoche der Romantik hat uns die wunderbarsten Werke der Musik, Literatur und Poesie geschenkt, aber als sie sich in die Politik verirrte, bereitete sie grausamsten Verbrechen den Boden. Nun hat die Romantik als Geisteshaltung die Wirtschaftspolitik erreicht. Man träumt vom wahren, schönen und guten Paradies der regenerativen Energien, von „Zuckererbsen für jedermann, sobald die Schoten platzen“, so Heinrich Heine vor gut 150 Jahren.

Das kennen wir. 1959 hat die SPD im Godesberger Programm den romantischen Traum vom demokratischen Sozialismus gestrichen und durch den Traum von der Befreiung der Arbeiterklasse durch die Segnungen der Kernenergie ersetzt. Denn die Romantik lebt vom Traum, der Zukunftshoffnung – nicht von der Kehrseite auch der Kernenergie, die schnell deutlich wurde, als es in den Meilern zu strahlen begann. Die Konsequenzen haben keinen Platz, wenn sich das Volk der Dichter, Sänger und Träumer eine bessere Welt erträumt.

Genährt wird diese Weltfremdheit von vielen Politikern – von bezahlten Volksvertretern wie dem Solarlobbyisten Hermann Scheer, von Populisten wie Andrea Ypsilanti, aber auch von unserem Umweltminister Sigmar Gabriel. Immer wieder vernehmen wir die Mär, mit den regenerativen Energien ginge es ganz einfach. Die hübsche Erzählung führt die Deutschen auf die falsche Bahn: Auch ich bekenne mich zu Energiesparen und neuen Techniken – aber wir können nicht die Augen davor verschließen, dass Solarstrom über seinen gesamten Lebenszyklus hinweg leider eben doch sehr viel CO2 produziert, dass der Wind recht unstet weht, dass Bioethanol den Hunger der Welt fördert und Druckluftspeicher oder unterirdische Kohlegaslager einfach (noch) nicht zur Verfügung stehen.

Die Romantik ist ein schöner Traum, doch je länger er dauert, desto härter ist der Aufprall in der Wirklichkeit. Es wird Zeit, dass die Energiepolitik endlich aufhört, die Wirklichkeit zu verdrängen. Da hilft auch der schönste Strommast nicht.

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Alle Kommentare [6]

  1. Fakten statt Romantik
    Die Photovoltaik soll \“leider eben doch sehr viel CO2\“ produzieren. Wie viel denn? Fakt ist, dass sie die Produktion von CO2 verhindert. Punkt. Was Herr Tichy vielleicht meint, ist, dass sie dafür ein größeres Energieinvestment braucht, als er vielleicht dachte.

    Wie viel größer denn? Fakt ist, dass eine Solaranlage je nach Technologie aktuell die gesamte Energie, die in ihre Produktion floss, nach 1-2 Jahren wieder herausgespielt haben. Und dann läuft sie noch mindestens 20 Jahre.

    Ich war von der Wirtschaftswoche bessere Recherche und Information statt plumpe Meinungsmache gewohnt. Schade. Woher kommt der Wandel?

  2. @Corriere

    Der Grund für die derzeitige Temperatursteigerung ist die Erholung der globalen Temperaturen nach der mittelalterlichen Kleinen Eiszeit und damit ein natürliches Ereignis. Nennenswerte Erhöhungen des CO2-Gehaltes der Atmosphäre kann man erst ab dem Jahre 1950 verzeichnen. Die größte Temperatursteigerung geschah aber vor diesem Datum bis zum Jahre 1938, zumindest in den USA, wo 1938 das wärmste Jahr im 20. Jahrhundert war.

    Inzwischen geht man sogar davon aus, dass es auf der Süd-Halbkugel während des 20. Jahrhunderts zu keinen Temperatursteigerungen gekommen ist.

    Ab dem Jahre 2000 bis 2007 ist es auch global nur zu einer unwesentlichen Erhöhung der Globaltemperaturen gekommen. Dies ganz im Gegensatz zu der CO2-Theorie. Denn der Ausstoß an CO2 ist weiterhin nicht unwesentlich gestiegen, die Temperaturen aber nicht.

    Die Temperaturen korrelieren in verblüffendem Masse mit der Anzahl der Sonnenflecken und damit mit der unterschiedlichen Sonnenaktivität. Aber die Klimarechenmodellen gehen seltsamerweise davon aus, dass die Sonne keinen Einfluss auf globale Temperaturänderungen hat und haben wird.

    Meiner Meinung nach haben die Aktionen um die vermeintlichen Auswirkungen von CO2 vor allem den Zweck, der Bevölkerung ein schlechtes Gewissen einzureden und sie dadurch bereiter zu machen, Energie in großem Maße einzusparen. Ob dies trägt, wird man sehen.

    Realistischer ist wohl eher die Annahme, dass das geänderte Preisniveau für alle Energiearten einen wesentlich stärkeren Einfluss auf Verhaltensänderungen haben wird.

  3. @B.Ströher Die gegenwärtige globale Erwärmung ist ein langfristiger Prozess, der seit der industriellen Revolution im neunzehnten Jahrhundert stattfindet und mit dem seither um 30 Prozent gestiegenen CO2-Gehalt der Atmosphäre nicht nur korreliert, sondern auch kausal zusammenhängt. Die jährlichen Temperaturschwankungen sind davon unabhängig, sie stehen deshalb nicht im Widerspruch zum langfristigen Trend.

    Die Forderung nach mehr Energieeffizienz ist nicht nur im Rahmen einer Klimaschutzdebatte vernünftig, sondern ebenso unter dem Aspekt der Rohstoffverknappung in einer Welt global zunehmenden Wohlstands. Dass der letztgenannte Grund dem vorstehenden nicht widerspricht, dürfte offensichtlich sein.

  4. Es geht nicht – wie im Artikel – „nur“ um die Energiefrage,
    es geht ebenso um das, was Gerechtigkeit in der „Wirklichkeit“ bedeutet, was „sozial“ wirklich heisst und nicht, was es in den Träumen sozialromantischer Spinner darstellt, die frisch, fromm, fröhlich, frei das hundertste sozialromantische Experiment lancieren,
    genial ausblendend, dass die vorangegangenenen 99 Experimente zum Teil blutig gescheitert sind an der Wirklichkeit der Unvollkommenheit des menschlichen Tuns.

  5. Wie sollen wir in diesem Land eine vernünftige Energiepolitik hinbekommen? Ich glaube nicht, dass dies am Realitätsverlust unserer Volksvertreter liegt, denn das sind Menschen wie wir, die klar denken können. Man verschliesst sich nur bewusst den eigentlichen Erfordernissen, um eigene Interessen sowie die der Lobiisten zu wahren. Solange Politik hier im Spiel ist, wird es immer ein Hauen und Stechen geben. Und was dann auf den Weg gebracht wird ist allenfalls ein Kompromiss. Das kennen wir ja schon zur genüge!
    Nun frage ich mich: Wie soll dann erst ein globaler Umweltschutz umgesetzt werden? Jeder Staat versucht doch zuerst seine eigenen Interessen zu wahren und die Fakten so weit wie möglich in diese Richtung zu verdrehen.

  6. Es gibt zwei Meldungen vom heutigen (26. 1. 2008) Tage:

    Eine, die gar nicht zu den Meldungen über fortschreitende globale Klimaerwärmung passt

    Und eine, die die wahren Gründe für die Debatte um die Klimaerwärmung offen legt.

    1) Die Climate Research Unit, UK, hat die Daten der globalen Temperaturen für November und Dezember sowie für das gesamte Jahr 2007 mitgeteilt. ( CRU ist eine der offiziellen Stellen zur Bestimmung globaler Temperaturen)

    Die Abweichungen der Temperaturen für den Monat November 2008 mit 0.258 °C sind die niedrigsten seit Oktober 2000 mit 0.201, für den Monat Dezember betrug die Abweichung 0,22.

    Der durchschnittliche Abweichung für 2007 beträgt 0,398 °C was das kälteste Jahr seit 2000 bedeutet.

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    Offensichtlich nehmen die globalen Temperaturen seit dem Jahr 2000 nicht mehr zu, obwohl der CO2-Ausstoss weiterhin gestiegen ist.

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    2) Eine Meldung der FAZ von heute besagt :

    Japan setzt Klimawandel und Afrika auf die G8-Agenda (Mitteilung des japanischen Ministerpräsidenten Fukuda in Davos)

    Fukuda :
    „ Ich schlage deshalb als globales Ziel vor, die Energieeffizienz bis zum Jahr 2020 um 30 Prozent zu steigern“,

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    Fukuda spricht nicht von globalen Temperaturen sondern von Energieeinsparung. Die Aussage Fukudas zeigt recht deutlich, dass es gar nicht um globale Temperaturen, sondern um die Einsparung von Energie geht.

    Das ganze Gerede über Klimaschutz ist zum großen Teil nicht mehr als eine Verpackung um die Bevölkerung zum Energiesparung zu zwingen.