Roland Tichys heutige Agenda

Jeden Montag verschicken wir die Agenda von Roland Tichy, die man seit ein paar Wochen endlich auch abonnieren kann. Jeden Montag gibt Roland Tichy darin einen Wochenausblick, stellt das neue Heft vor. Wegen der großen Nachfrage via Twitter stellen wir die heutige Agenda einfach mal hier online. Zum Abo geht es hier entlang.

Sehr geehrte Damen und Herren,

bekanntlich ist nichts spannender als Wirtschaft und deshalb lässt sie sich auch in Märchenform erzählen, etwa mit dem Wettlauf vom Hasen und Igel – der Hase rennt schneller, aber die Igel siegt, weil er oder seine Frau einfach am jeweiligen Ziel auf den einsamen Rennhasen warten: Heute geht das so – der Hase mit Namen Rezession und der Igel „Deutsche Wirtschaft“ laufen um die Wette. Die Rezession freut sich, dass sie vor dem Igel in den USA eintrifft und ihm das Geschäft vermiest, aber der Igel ruft aus China herüber: „Ich bin doch hier“ und verkauft die spitzesten Stacheln in China. So war das 2009 bis gerade eben. Der Rezessionshase rennt nach Griechenland, Portugal, Italien und frisst dort die Aufträge weg; aber der Igel ist längst in den BRIC-Staaten und hat dort flott mal 17 % mehr Autos verkauft. Und dann Spanien. Allein dort fehlen plötzlich zwei Milliarden an Aufträgen, der Hase sieht sich endlich doch als Sieger, aber der Igel (oder war es seine Frau? Vielen Dank, liebe Frauenquote!) ist schon in Russland und hat dort eben genau diese Menge an Gütern zusätzlich verkauft. Und hier wendet sich das Märchen, denn Wirtschaft ist beweglicher als Märchentiere. Der Hase hat gelernt, wurde seinerseits zum Igel; solche Verwandlungen kommen in der Wirtschaft noch häufiger vor als im Märchen. Im zweiten Halbjahr also flitzt der Hase Wirtschaft nach Thailand und Indonesien und Vietnam und überall dorthin, wo er zu verkaufen glaubte. Leider sitzt überall schon der Rezessionsigel (oder ist es seine hässliche Frau? Fünf Euro in die Chauvi-Kasse) und ruft: Ich bin schon da! In unserem neuen Report „Konjunkturalarm“ gehen wir der Frage nach, wer wir denn sind – Hase oder Herr und Frau Igel?

Man muss die Sache leider ernster nehmen als ein schlecht gelungenes Märchen-Plagiat mit eingebauter Urheberrechtsverletzung, denn wenn sie doch kommt, die Konjunkturkrise, erwischt sie uns auf dem falschen Fuß: Trotz bester läuferischer Leistung der Wirtschaft hat der Staat in Deutschland seinen Schuldenberg aus den Zeiten der Finanzkrise nicht abgetragen und ist damit konjunkturpolitisch handlungsunfähig; ja er droht sogar, in südeuropäische Schuldendimensionen zu versinken, wenn es nur etwas schlechter läuft, Arbeitslosigkeit finanziert werden muß und die Steuern nicht wie selbstverständlich fließen. Und dann haben wir ja noch unsere famose Ministerin mit dem weichen Herzen und dem offenen Portemonnaie, Ursula von der Leyen, die so gern Geld unter die Leute streut und noch gar nicht kapiert hat, dass seit Juli die Arbeitslosigkeit schon wieder gestiegen ist – klitzeklein nur um ein Hasenpfötchen in der Statistik, aber Hasen sind schnell.

In diesem Sinne – zählen und polieren Sie ihre wehrhaften Stacheln, Sie werden sie brauchen, sollte der Konjunktur-Trend anhalten.

PS.: Schöner rausfliegen mit Air Berlin – das erlebte unsere Reporterin Melanie Bergermann auf der jährlich von Investoren und Journalisten besuchten Small-Cap-Konferenz. Die Veranstaltung der DVFA ist bei kleineren AGs beliebt, um auf die Aktie aufmerksam zu machen. Für die angeschlagene Air Berlin hätte der Termin eine Chance sein können, für Vertrauen bei Kunden und Investoren zu werben. Doch Ingolf Hegner, ihr Investor Relations Chef bestand darauf, seine Zahlen nicht vor Bergermann veröffentlichen zu wollen, die den Saal verlassen musste. Selbst potentielle Investoren zeigten sich entsetzt und protestierten, weil sie sich von Air Berlin in Sippenhaft genommen fühlten. Transparenz sieht anders aus. Vertrauensbildend ist verbergen nicht. Meine Berufserfahrung empfiehlt Aktionären: Lieber abfliegen als abstürzen.

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Alle Kommentare [2]

  1. Da scheinen die Nerven ja schon blank zu liegen…

    Kein Wunder, Kasse offenbar recht leer, hohe Schulden, das Etihad-Geld dürfte bald oder sogar bereits verfrühstückt sein, Flugzeuge werden zu einer Zeit verkauft, in der man Buchwerte kaum realisiert bekommt, ein inkonsistentes Hybridgeschäftsmodell, eine bunte Flotte – alles Ingredienzien, die man nicht haben sollte um erfolgreich zu sein. Das zeigen schon die klassischen Lehrbücher der Luftfahrt.

  2. @RtY
    „Unser“ geschätzter Kollege Walter ist letzte Woche unerwartet verstorben. Unser weil Volkswirt und langjähriger DB-Chefökonom.

    Tun Sie mir einen Gefallen? Widmen Sie ihm doch mal eine Seite in Ihrem Heftchen, er prägte lange Jahrzehnte die deutsche, volkswirtschaftliche Diskussion. Einvernehmen ist selten förderlich, es gehört schon Disput dazu, Mut zur Meinung, auch pointiert, nicht oft bis selten war ich seiner Meinung in den Details, aber der Mann hatte Richtung und Klasse, notfalls auch thematische Härte, Bildung und Überzeugungskraft.

    Ja, er war streitbar, aber genau solche Charaktere und Köpfe brauchen wir imho, keine politischen Warmduscher.

    Mein Mitgefühl gehört seiner Familie und ich würde mich freuen, wenn er in einem Dossier oder wie auch immer Erwähnung in der Wiwo fände, in Anlehnung an Augstein, dem Sturmgeschütz der Marktwirtschaft.

    Gruß
    Pampa