Grausame Marissa Mayer

Es gibt so Tage im Leben einer Online-Chefin, die sind grausam. Zum Beispiel, wenn man eine Geschichte besonders interessant findet. Wenn ich um 22.20 Uhr den Korrespondenten kontaktiere, ob er denn zu dieser „Knaller“-Nachricht eine Analyse schreiben könne. Bei großen Geschichten kommt die Antwort auch sehr schnell – so auch in diesem Fall. Ich gehe zu Bett, in Vorfreude auf den Text, spinne noch im Bett herum, welche Dimensionen die Berufung der 37-jährigen Google-Frontfrau Marissa Mayer auf die Branche noch haben könne und stehe am Morgen auf, kurzer Blick ins Postfach, Text ist da, schwanger ist sie also auch noch – wowwowwow.

Der Weg ins Büro – welche Vorstandschefinnen fallen mir spontan ein, die jung sind, schwanger waren? Wie meistert man das eigentlich: zu wissen, dass man noch ein paar Wochen hat, bis zur Geburt, in denen die Weichen für den Umbruch im Unternehmen gestellt werden müssen, die Strukturen für die eigene Abwesenheit gelegt werden müssen – muss ja laufen, Prozesse anstoßen, usw.

Um es kurz zu machen: Am Ende des Tages haben wir neben der Große Geschichte von Matthias Hohensee auch ein Management-Stück auf die Seite gebracht. Doch die Resonanz ist bescheiden: Nur wenige haben unser Interesse geteilt. An solchen Abenden überwiegen dann die Fragezeichen: Warum haben sich dann doch verhältnismäßig wenig Menschen für die Geschichte interessiert? Handwerklich: die Zeile, der Teaser? Waren wir zu schnell oder zu langsam? Zu weit weg? War ich bei der Begeisterung für die Geschichte zu sehr Frau bei unserer überwiegend männlichen Leserschaft? Fragen über Fragen, über die sich viele Printkollegen gar keine Gedanken machen müssen, weil sie das direkte Feedback nicht bekommen. Bekommen können. Online kann eben sehr grausam sein.

(Da tröstet es wenigstens ein bisschen, dass die neu gestartete Kolumne offenbar schon eine kleine Fangemeinschaft gefunden hat.)

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