Disclaimer für die neue WiWo

Mit diesem Brief verabschiedet sich Roland Tichy in den Sommerurlaub. Seine Sicht der Dinge auf die neue WirtschaftsWoche, die seit heute am Kiosk liegt:

Sehr geehrte Damen und Herren,

leider muss ich Sie heute bitten, folgenden Text, den man neudeutsch „Disclaimer“ nennt, vor Lektüre der WirtschaftsWoche laut zu sprechen: „Nein, ich werde nicht anderer Leute Smartphone abhören und auch keine entsprechende Anlage zusammenlöten“. Fertig? Gut. In den vergangenen Tagen habe ich den größten Teil meiner Wachzeit in Diskussionen mit Juristen über die Frage verbracht, ob wir berichten dürfen, wie simpel es ist, Smartphones abzuhören.

Es kämen in Frage: Anstiftung zu einer Straftat im Sinne StGB, Verstoß gegen Datenschutzgesetz und Telekommunikationsgesetz. Es ist heute gar nicht mehr so leicht, Menschen über eine Gefahr oder Straftat zu informieren, denn schnell ist man selbst eine. Die Gefahr, dass Ihr Smartphone ausspioniert wird, ist real – und zwar mit allem, was da so drauf ist: Telefongespräche, SMS, E-Mails, Kalender. Die notwendige Technik im Wert von rund 100 Euro gibt es im Elektronikkaufhaus, die Bauanleitung im Internet gratis. Den Abhör-Test haben wir mit mehreren Managern durchgespielt, die natürlich wussten, was wir planen und trotzdem zutiefst erstaunt und überrascht waren – wie Wolfgang Fischer von der Stuttgarter Versicherung. Im Vorgespräch hatte er mir noch erklärt, dass er davon ausgehe, dass er abgehört wird. Als ihm das Ergebnis der Aktion vorgeführt wurde, war er doch erschrocken. Von einer Sache ausgehen und dann Opfer zu sein, mitzukriegen wie die eigene Stimme geklaut wird – da sind eben doch zwei unterschiedliche Dinge. Übrigens wollte auch Innenminister Hans-Peter Friedrich bei dem Test mitmachen; sehr sportlich und an der Sache interessiert. Seine Beamten haben ihn dann daran gehindert. Vermutlich wollten sie nicht publik werden lassen, dass auch Spitzenpolitiker einen leicht lesbaren Datenschweif hinter sich herziehen wie früher der Trabi seine Zweitakterduftwolke.

Lesen Sie also, wie einfach es ist, ein Handy auszuspionieren. Und wappnen Sie sich dagegen. Das Smartphone legt sonst alles über Sie, Ihr Unternehmen, Ihre Partner in allen Lebenskreisen und Ihren Aufenthaltsort offen. Der einzige Trost, den ich Ihnen anbieten kann: Es geht noch viel schlimmer – Sie könnten beispielsweise auch entführt werden. Jedenfalls bereiten viele Unternehmen ihre Mitarbeiter vor Einsätzen in Südamerika und Afrika auch auf solche Fälle vor. Besonders Besorgten empfehlen wir eine Schulung, wie Sie einen Flugzeugcrash überleben können.

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