» 18.06.2010, 11:49

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Brumm-Brumm oder Piep-Piep: Wie Elektroautos klingen sollen

Es war geradezu gespenstisch: Eines Abends ging ich zufällig an einem Toyota Prius vorüber, in dem ein Mann saß. Plötzlich setze sich das Hybridfahrzeug wie von Geisterhand angetrieben in Bewegung: Völlig lautlos fuhr der Mann aus seiner Parklücke, erst nach etlichen Metern sprang plötzlich der Benzinmotor an.

Solche tonlosen Szenen könnten in wenigen Jahren zum Alltag gehören. Denn die lautesten Geräusche, die Elektroautos erzeugen, stammen vom Abrollgeräusch der Reifen. Straßenlärm-Geschädigte könnten sich deshalb in naher Zukunft auf ruhigere Zeiten einstellen – wenn da nicht ein klitzekleines Sicherheitsproblem gäbe. Denn je leiser das Auto, desto höher ist die Unfallgefahr für Fußgänger, warnen Experten.

Und dazu gibt es bereits erste Untersuchungen. Wie der Blog sustainable-mobility.org berichtet, kam eine 2008 durchgeführte Studie der Universität Kaliforniens und des US-Blindenverbands zu alarmierenden Ergebnissen: Ein mit 10 km/h fahrendes Elektroauto wird von Personen erst ab 20 Metern Entfernung wahrgenommen. Ein Auto mit Verbrennungsmotor wird hingegen bereits bemerkt, wenn es noch 100 Meter entfernt ist.

US-Gesetzesvorlage verlangt Mindest-Geräuschpegel

In den USA haben bereits einige Blindenverbände und Vereinigungen der Automobilhersteller auf dieses Thema aufmerksam gemacht – und bereits erste Verbündete im Kampf gegen zu leise Autos gewonnen. Die US-Verkehrsbehörde rechnet bereits damit, dass Hybrid- und Elektrofahrzeuge doppelt so oft in Unfällen mit Fußgängern verwickelt sein werden wie Autos mit Verbrennungsmotoren.

Im Land der unbegrenzten Möglichkeiten liegt deshalb bereits eine Gesetzesvorlage vor, die einen minimalen Geräuschpegel für Elektroautos vorschreiben will. Eingebracht wurde der Vorschlag von zwei politischen Schwergewichten:  Senator John Kerry war 2004 der Präsidentschaftskandidat der Demokraten. Der zweite Initiator, Arlen Specter, war bis 2009 der dienstälteste Republikaner im US-Senat. Beide Politiker sind für ihr Engagement in Umweltfragen bekannt – und haben eine gewichtige Stimme in der US-Politik.

Nissans Leaf startet mit Star-Wars-Sound

Elektroauto Nissan Leaf: Ab Werk mit SoundDie Elektroauto-Pioniere haben darauf bereits reagiert. Nissan, dessen Elektroauto Leaf seit kurzem in den USA bestellt werden kann (Wattgetrieben berichtete), stattet sein Fahrzeug ab Werk mit Klangeffekten aus. Über 100 Sounds haben die Nissan-Ingenieure durchprobiert, bevor sie auf das künftige Betriebsgeräusch des Leaf geeinigt haben (Klangproben dazu hier). Einem „sanften Heulen” ähnle der Klang, beschreibt es die US-Zeitung Washington Post etwas sarkastisch. Beim Rückwärtsfahren sondert der Leaf Klänge ab, die an das Herunterlassen einer Bahnschranke erinnern.

Auch in Europa sind bereits erste Feldversuche gestartet. Der deutsche Tuning-Spezialist Brabus aus Bottrop hat seine Version des Tesla Roadster bereits 2008 mit einem Space Sound Generator ausgestattet. Die Crew an Bord kann so zwischen vier Motorengeräuschen wählen – vom kernigen Röhren eines V8-Zylinders bis zum Klangmodus „Warp”, der eher an Raumschiff Enterprise erinnert.

Auch die britische Firma Lotus, bekannt für ihre Sportwagen, hat bereits ein Soundsystem für Elektromobile entwickelt. Bei dem Safe&Sound genannten System ahmt ein Synthesizer den Klang eines Verbrennungsmotors nach. Ein wasserdichter, 300 Watt starker Lautsprecher unterhalb der Stoßstange beschallt damit die Straße. Der Synthesizer erkennt, wenn das Gaspedal durchgedrückt wird – und ahmt dann das Beschleunigungsgeräusch akustisch nach.

Raumgleiter-Fiepsen  – oder doch lieber Ferrari-Röhren?

Die Vision flüsterleiser Straßen wird so wohl ein Traum bleiben. Zumal auch die Europäer dem amerikanischen Klang-Vorbild folgen wollen, wie der britische Telegraph vor einiger Zeit berichtete.

Doch immerhin wird das monotone Geräusch aufheulender Motoren in den nächsten Jahren deutlich vielfältiger werden. Denn die erlaubten Klänge dürften von konventionellem Motorenbrummen bis hin zu futuristischen, Star-Wars-ähnlichen Klängen reichen.

Bleibt nur zu hoffen, dass die Elektroauto-Hersteller keine Anleihen bei den Handyproduzenten nehmen. Die haben aus der Kakophonie der Klingeltöne ein einträgliches Geschäft gezimmert. Was wäre das für ein Gesumme, wenn die Autohersteller auf diesen Zug aufspringen. Denn die Verlockung, Kunden mit individuell veränderbaren Motoren-Tönen das Geld aus der Tasche zu ziehen, wird wohl groß sein. Heute Ferrari-Motor, morgen Raumgleiter-Zischen – Individualität sollte doch auch ihre Grenzen haben.

» 18.06.2010, 11:49

    9 Kommentare zu “Brumm-Brumm oder Piep-Piep: Wie Elektroautos klingen sollen”


  1. Bzzzzzzzzz sagt:

    Warum nicht Crazy Frog ? LoooL Würde gut zu europäische Autos passen ;-P

  2. Bzzzzzzz sagt:

    “der besoffene Elsch” für Volvo…

  3. Skarrin sagt:

    So ein Schwachsinn… dann fordere ich auch Geräuschgeneratoren für Fußgänger und Radfahrer, die ja immer so gemeingefährlich lautlos unterwegs sind.
    Es ist aber typisch, dass Bürokraten und Lobyisten jetzt versuchen wollen, die Vorteile des Elektroautos wieder zunichte zu machen.
    Bestimmt wird auch noch ein künstlicher qualmender Auspuff demnächst Vorschrift, natürlich weltweit.

    In den letzten 9 Jahren, in denen ich über 50.000km mit Elektrorollern und -autos gefahren bin, habe ich es jedenfalls nicht geschafft auch nur einen Fußgänger zu erlegen.

  4. Ihr Name sagt:

    Durch unsere Stadt verläuft eine Bundesstraße. Diese verläuft teilweise neben den Wohngebieten. Täglich rollen hunderttausende Autos und Lärmemissionen stellen eine enorme Belastung dar.
    Skarrin hat recht, Geräuschgeneratoren reduzieren Vorteile des Elektrowagens.
    Die Klangproben von Nissan nerven. Ich könnte so ein Auto nich fahren und nicht hören.

  5. Andreas sagt:

    Also die Gefahr die von lautlos anfahrenden Elektroautos ausgeht ist sehr real. Jeder der den Oben genannten Prius Effekt erstmal erlebt hat kann das Nachvollziehen. In Toyota Autowerkstätten ist es schon zu schweren Unfällen gekommen weil die Mechaniker ein lautloses Auto nicht für voll nehmen. Ich denke es wir eine Übergangszeit mit solcher Geräuchunterstützung geben und in 5 bis 10 Jahren werden die Fahrzeuge mit Sensoren auf die Fußgänger achten…. und nicht mehr umgekehrt.

  6. Rico sagt:

    Warum nicht das Klappern von Hufeisen nachbilden? Bei höherer Geschwindigkeit könnte man das Klappern eines ganzen Pferdegespanns zu Gehör bringen. Oder was ganz anderes, ein langgezogenes periodisches uijuijuijui. Mit geschwindigkeitsabhängiger Lautstärke. Oder gleich Klartext, z.B. “Voooorsicht ein E-Mobil von Toyota kommt daher”.
    Weitere kreative Vorschläge auf Anfrage.

    P.S. Ich warne Nachahmer. Das Hufgeklapper habe ich bereits patentieren lassen.

  7. Hägar Schmidt sagt:

    Die Lösung ist trivial: durch Lautsprecher laute Werbung ausstrahlen, dafür würden die Konzerne den Autofahrern 1 Cent/km zahlen. In maximal 2 Wochen hätten so etwas alle (außer mir, fürchte ich).

  8. Till sagt:

    Man kann es ja intelligent machen – Geräusche bei langsamen Geschwindigkeiten, und diese reduzieren bei höheren wenn die Reifen anfangen lauter zu werden. Bei 100 Km/h hat man dann eh das Reifendröhnen (auch wenn man ein konventionelles Auto mit Schubabschaltung den Berg runterrollen läßt macht es noch gut lärm). Und keine 300-Watt-Verstärker. Vielleicht auch die Geräusche nach vorne/hinten gebündelt – das schont die Anwohner, und die Leute die potentiell im Weg sind bekommen es mit.

    Und auch das leise Fahrrad ist ein Problem – man muß eine ganze Menge klingeln um keine Leute zu überwalzen.

  9. [...] Toyota macht Hybride im Elektrobetrieb lauter 26. August 2010 Als ich einmal einen Toyota Prius beim Einparken beobachtete, fühlte ich mich wie in einem Stummfilm: Mit seinen Elektromotoren glitt das Hybridauto nahezu lautlos in die Parklücke, wie von Geisterhand bewegte es sich vor- und rückwärts. Es war ein faszinierendes Schauspiel – mit einigem Gefahrenpotenzial, wie Verkehrsexperten meinen. Denn das kaum wahrnehmbare Geräusch der Elektromotoren könnte in den nächsten Jahren zu deutlich mehr Unfällen führen, wie wattgetrieben berichtete. [...]

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