» 24.01.2012, 22:02

DLD12: Digitales Klassentreffen mit vielen Promis und ein paar Schwächen

Es sind verdammt schlechte Nachrichten für die Deutschen und ihre Angst um persönliche Informationen: Die datengetriebene Wirtschaft, befeuert von Millionen privaten Info-Schnipseln, Bewegungsinformationen und digital gespeicherten Vorlieben, steht vor dem Durchbruch. Auch wenn Burdas glamouröse Digitalkonferenz DLD kein explizites Thema hatte, so war diese Tatsache – ob gewollt oder nicht – doch die unsichtbare Klammer der gesamten Veranstaltung:

- Der US-Virologe und Buchautor Nathan Wolfe beschreibt, wie er mit der Datenanalyse von Newssites, Social-Media-Diensten und anderen Quellen die Ausbreitung von Krankheiten und Pandemien vorhersagen kann – lange bevor die WHO davon erfährt.

- Die Lufthansa kündigt an, mehr Daten ihrer Kunden sammeln zu wollen. „Je mehr wir über unsere Passagiere wissen, desto mehr Service können wir leisten“ indem man ihm etwa jedes Mal seinen Lieblingswein anbietet, sagt Lufthansa-CEO Christoph Franz.

- Ebays Bezahldienst Paypal wiederum soll künftig normalen Kaufhäusern mehr über ihre Kunden verraten, verkündet Ebay-CEO John Donahoe. Denn die seien Onine-Shops unterlegen: Sie wissen nicht wo ihre Kunden einkaufen, wo sie herkommen und für was sie sich interessieren.

- In wieder anderen Vorträgen ging es um die Möglichkeiten, Kunden anhand ihrer Bewegungen besser kennenlernen zu können, Städte mit Hilfe den Daten von Abertausenden Sensoren lebenswerter und sparsamer zu machen und mit Hilfe von wissenschaftlichen Open-Source-Projekten Krankheiten schneller zu heilen.

Befeuert wird diese Entwicklung noch durch die rasende Verbreitung von Smartphones: 42 Prozent der europäischen Handybesitzer sind laut den Marktforschern von Comscore bereits mit einem solchen Multimediagerät ausgestattet, in den USA sind es nur 39 Prozent.

Am deutlichsten werden wir diese Entwicklung im Handel sehen. 2012 werde das Jahr des mobilen Einkaufs, sagte René Schuster, Deutschlandchef von Telefonica O2. Und wahrscheinlich stimmt das auch. Die Zahl der Menschen, die von ihrem Mobiltelefon Shoppingseiten ansteuern, hat sich laut Comscore im vergangenen Jahr verdoppelt. Sie holen sich unterwegs zusätzliche Informationen zu den Produkten aus dem Netz, vergleichen Preise oder schießen Fotos, um Freunde nach ihrer Meinung zu fragen.

Das Beispiel zeigt, wie mächtig die mobile Revolution ist. “Unternehmen, die sich darauf nicht einstellen werden mittelfristig vom Markt verschwinden”, sagte mir Comscore-Analystin Linda Abraham am Rande des DLD.

Zu all diesen Fragen gab es zig sehenswerte Vorträge und noch viel spannendere Gespräche in den Pausen. Denn das gelingt dem DLD: eine gute Mischung aus prominenten Rednern, Internet-Apologeten und frischen Ideen, darunter der faszinierende Augmented Reality-Browser Aurasma und neue Publishing-Seiten wie Cowbird. Ich habe mich außerdem länger mit dem hochgeschürzten Jeff Jarvis ausgetauscht, den beeindruckenden 25-jährigen Gründer David Karp von Tumblr interviewt und Arianna Huffington gesprochen, um nur einige zu nennen.

Was dem DLD weniger gelingt, sind rein organisatorische Dinge. So gibt es im Konferenzprogramm zwar ausführliche Informationen zu den Rednern – außer wenigen Schlagworten aber war in der Regel nicht ersichtlich, über was genau sie sprechen werden.

Das ist schade, weil man dadurch immer wieder interessante Sessions verpasst. “The New Real”, “Talent Is King” oder “Road to Digital” führten bei Besuchern zu oft auf die “Road to Disappointment”.

Wirklich nervtötend aber war, dass mitunter einigen Rednern selbst nicht ganz  klar zu sein schien, über was genau sie eigentlich sprechen wollen. Darunter immerhin auch prominente Microsoft-Vertreter. Absurd wurde es dann am letzten Tag, als zwei indische Models den Zuschauern zu erklären versuchten, was indische Konsumenten ausmacht. Bis auf das Schlagwort, die Mitglieder der indischen Mittelschicht seien “global citizens” ist aber nix herumgekommen. Dabei wäre eine durchdachte Antwort faszinierend gewesen, gerade in Deutschland, wo wir in Sachen Indien einen Blinden Fleck haben.

Den Gipfel der Absurdität schließlich erklomm schließlich die Moderatorin Sasha Wilkins die ewig lange Monologe von ihrem Laptop ablas, ohne groß auf ihre Gesprächspartner Renzo Rosso (Erfinder der Marke Diesel) und Bernd Beetz (Coty-CEO) einzugehen. Das alles muss nicht sein.

Dennoch gab es auf dem DLD immer mal wieder auch News für die Techgemeinde: Twitter Mitgründer Jack Dorsey verkündete, der Dienst werde ein deutsches Team aufbauen, Pavel Durov, Gründer des größten russischen sozialen Netzwerks vKontakte, spendete eine Million Dollar an Wikipedia und EU-Justizkommissarin Viviane Reding brachte neue Datenschutzregeln ins Spiel.

Nicht wenige Teilnehmer dürften das jedoch auch nur auf Blogs und Nachrichtenseiten gelesen haben: Sie standen die meiste Zeit an der Kaffee-Bar. Denn der DLD ist auch soetwas wie das größte Klassentreffen der deutschen Digitalgemeinde, wo man unter sich ist und ja, wo man auch bestens an seinem Netzwerk arbeiten kann.

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» 24.01.2012, 22:02

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