Es gab hier im Blog vergangene Woche bereits heftige Diskussionen über die Frage, ob Deutschland ein Entwicklungland in Sachen Twitter sei – und welche Folgen das haben könnte. Eine noch nicht veröffentlichte Comscore-Studie zeigt nun, dass es in Deutschland nicht nur beim Kurznachrichtendienst Twitter langsamer vorangeht als anderswo – sondern im gesamten Wachstumsfeld des mobilen Internets.
Hauptgrund dafür ist, dass die Verbreitung von Smartphones in Deutschland geringer ist als in Nachbarländern wie Großbritannien, Italien, Spanien oder Frankreich: Nur 33 Prozent der deutschen Handybesitzer haben ein Telefon, mit dem sie bequem im Netz surfen und Apps nutzen können – der EU5-Durchschnitt liegt bei rund 40 Prozent.
Erstaunlich wenn man bedenkt, dass sich die meisten Smartphonebesitzer ein Leben ohne das Gerät kaum noch vorstellen können. Aber das ist ein anderes Thema.
In jedem Fall hinkt Deutschland damit in einem wichtigen Wachstumsfeld hinterher: Die Zahlen der Menschen, die europaweit soziale Netzwerke und Blogs über ihr mobiles Endgerät ansteuern, kletterte laut Comscore im vergangenen Jahr um 44 Prozent auf rund 55 Millionen. Vor allem die Zahl derjenigen, die täglich mobil auf soziale Netze zugreifen, ist mit 67 Prozent stark gestiegen. In Deutschland legte diese Zahl nicht einmal halb so stark zu.
Das wachsende Interesse an mobilen Diensten hilft Unternehmen, die ohnehin stark in dem Feld sind: Twitter, LinkedIn und Facebook: Rund 39 Millionen Handybesitzer aus den größten europäischen Ländern – also 71 Prozent der Nutzer mobiler Angebote – steuern laut Comscore das Netzwerk Facebook via Handy an, 54 Prozent mehr als im Jahr zuvor.
8,6 Millionen Menschen wiederum nutzten Twitter via mobilem Endgerät. Damit legte der Kurznachrichtendienst in nur einem Jahr um beachtliche 115 Prozent zu. Auch hier dürfte Deutschland auf wesentlich geringere Werte kommen, genaue Zahlen dazu liegen mir allerdings nicht vor.
Macht nichts, werden Sie nun vielleicht denken, auch bei uns wird sich die Technik verbreiten.
Daran besteht tatsächlich kein Zweifel: In einigen Jahren werden wir in Deutschland eine Smartphone-Versorgung nahe 100 Prozent haben.
Das Problem daran: Wir nutzen dann noch mehr Geräte, Dienste und Software, die anderswo entwickelt wurden. Und das ist ein Problem. Ist doch das mobile Internet eines der wichtigsten Wachstumsfelder der IT-Industrie, wo gerade die Technologien entstehen, die in wenigen Jahren unseren Alltag beherrschen werden – von der Handyzahlung, über Sprachsteuerung bis hin zur Vorhersage von Entscheidungen anhand unseres Verhaltens. Immer weniger davon kommt davon aus Deutschland.
Denn weil sich das mobile Internet bei uns langsamer durchsetzt, haben es junge Unternehmen, die innovative Ideen in dem Feld entwickeln, schwerer als ihre Pendants im Ausland: Denn sie brauchen nichts dringender als ein experimentierfreudiges Publikum im eigenen Sprachraum – ansonsten haben sie gegen die übermächtigen Innovationstreiber aus dem Silicon Valley keine Chance. Aber wo soll ein solches Publikum auch herkommen, wenn bei uns nicht einmal der Nachrichtenkonsum unterwegs in Gang kommt (siehe Tabelle), einer der offensichtlichsten Vorteile des mobilen Webs.
Es wird auf Dauer nicht reichen, immer wieder auf die Innovationskraft unserer Auto- und Maschinenbauindustrie hinzuweisen. Diese Branchen sind wichtig und ein Grund für Deutschlands derzeitige wirtschaftliche Stärke, keine Frage. Aber wollen wir uns wirklich von einem der wichtigsten und spannendsten Wachstumsfeder der Zukunft abmelden?
| EU 5 | Deutschland | U K | Frankreich | Italien | Spanien | |
|---|---|---|---|---|---|---|
| Smartphones | 40,1 | 33 | 46,9 | 36,7 | 40,4 | 46,3 |
| Apps | 34,5 | 30,4 | 44,9 | 31,8 | 30,8 | 35,4 |
| Mobile Browsernutzg. | 35 | 28,4 | 46,9 | 35,3 | 30,7 | 34,7 |
| Mobile Spiele | 26,5 | 24,8 | 33,8 | 15,6 | 30,1 | 28,7 |
| SMS | 82,9 | 79,6 | 90,6 | 83,7 | 80,2 | 80,4 |
| Musik | 25,9 | 25,6 | 25,5 | 23,3 | 24 | 32,6 |
| Nachrichten | 18,5 | 15,7 | 26,2 | 17,1 | 17,2 | 16,2 |
| Social Networks | 23,5 | 17,3 | 35,1 | 22 | 20,8 | 23,1 |
Quelle: Comscore
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7 Kommentare zu “Verpasst Deutschland den Anschluss im mobilen Internet?”
schon unverständlich, wo es doch so viele Apps gibt mit denen man protzen kann die aber keiner braucht. So gut unterwegs spielen wie mit einem Pad kann man auf keinem Handy und bessere MP3-Player als Smartphones gibt es nicht. Eines fehlt aber noch, der in das Smartphone integrierte Blue-Ray-Player. Es soll sogar Urmenschen geben die mit einem Smartphone telefonieren.
Das mag auch daran liegen, dass sich viele Deutsche von den Preisen anschrecken lassen. Ein Smartphone kostet Geld und die Flatrate fürs mobile Internet auch. Einige verschulden sich für den Kauf eines iPhones oder mit der Telefonrechnung. Andere haben noch gelernt, auch ohne Technik überleben zu können. Ist es wichtig, immer spontan zu wissen, was in der Welt passiert? Hat das nicht auch mal Zeit, bis man zuhause ist und dort die Nachrichten im TV zu sehen?
Ich sehe bisher nicht, dass die Smartphone-User besser informiert sind. Bei machen ist das Smartphone schlicht Spielzeug. Ich verbringe meine knappe freie Zeit lieber mit meinen Kindern. Sicher gibt es sinnvolle Anwendungen beim Smartphone, aber ich nehm das in Kauf und verzichte trotzdem.
Ich habe da so eine Theorie, die sich auf die Erfahrungen in meinem Umfeld stützt. Viele Smartphone Nutzer wecheln zum klassischen Telefon zurück, weil sie enttäuscht sind. Zum Einen liegt dies an der Geschwindigkeit der Netze und der Verfügbarkeit freier Hotspots (es gibt einfach zu wenig Bars oder Cafés, die diesem Service anbieten – in anderen Ländern Europas ist dies anders). Zum anderen an den Geräten, vielen sind diese zu kompliziert geworden (und einige Internetseiten leiten einen automatisch auf eine LIGHT-Seite – warum dann mobiles Internet?).
Ich denke, an beiden Begründungen ist etwas Wahres dran.
vielleicht liegt es auch daran, dass in den erwähnten Ländern die Jugendarbeitslosigkeit extrem hoch ist. Es sind ja gerade Jugendliche die sich mit Facebook, Twitter und sonstigen so fortschrittlichen Anwendungen das Hirn weich machen und sich dabei für intelligent halten.
@ Gordon Schwarzer: Die Beobachtung habe ich noch nicht gemacht. Was aber sicher stimmt ist, dass die mobilen Netze oft die Erwartungen der Nutzer nicht erfüllen können. Gerade O2 hat, wie immer mehr Menschen berichten, arge Probleme. Aber diese Netzüberlastung gibt es in anderen Ländern auch, fällt als Erklärung also aus.
@ Werner: Das ist nicht Ihr Ernst, oder?
@ Hopple: Keiner hat behauptet,. dass Smartphone-Benutzer besser informiert seien. Mir ging es vor allem un die Informationen in dem Feld, die leider noch viel zu selten aus Deutschland kommen.
33% Deutsche sind immer noch ein größerer Heimatmarkt als 40% Italiener oder 46% Spanier, besonders wenn man bedenkt, dass bei uns noch Geld für den Konsum vorhanden ist. Die Softwareentwickler sollten also die guten Startbedingungen nutzen.
Vor ein paar Jahren war es noch so, dass in Italien und Spanien die Nutzung des Internets mit Computer weniger verbreitet war als in Deutschland. Keine Ahnung wie das aktuell ist. Aber da einseitig eine Technikfeindlichkeit zu unterstellen, ist so nicht angebracht. Das Internet mag mobil Vorteile haben, ich brauche zum vernünftigen Arbeiten mindestens 24 Zoll, am besten zwei nebeneinander. Stellt sich die Frage, was allgemein produktiver ist.
Ansonsten hat Werner sehr plakativ durchaus einen interessanten Aspekt angesprochen: Was machen wir mit der Zeit in der wir nicht mobil im Netz sind? Lernen wir Fremdsprachen oder schauen wir Superstar?
irgendwann wird sich das mobile internet von einer chance oder möglichkeit in ein risiko verwandeln.
denn wenn die perfekte überwachung der menschen möglich ist, werden staaten anspruch darauf erheben.
da alle straftaten der welt zur zeit von terroristen begangen werden und alle länder sich gegenseitig drohen, wird es dann zwangsweise so sein, das die stasi von heute weiß, wer wann wo mit wem ist und was da macht.