» 26.09.2012, 18:17

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Deutsche Bahn: Abzocke oder Bescheidenheit?

Abzocke oder Bescheidenheit? Bei der gestern angekündigten Preiserhöhung der Bahntickets erntet die Deutsche Bahn Kritik und Verständnis. Alles eine Sache der Perspektive, wie zwei Grafiken zeigen. Je nach Basisjahr, hat jeder Recht.

So zeigt eine Grafik aus dem aktuellen Handelsblatt (Fahrpreisentwicklung 2000-2012), dass die Ticketpreise im Fernverkehr seit dem Jahr 2000 bis heute um 19 Prozent gestiegen sind. Gleichzeitig stiegen die Ausgaben für die Lebenshaltung um 21 Prozent. Im Ergebnis ist die Bahn also alles andere als unverschämt. Die Preiserhöhungen bewegen sich im angemessenen Rahmen. Kein Grund zur Kritik also.

Die kommt dagegen umso vehementer von der Bundespartei “Die Linken”. Sabine Leidig, verkehrspolitische Sprecherin der Fraktion, spricht gar von einem “Abzocke-Skandal” und verweist als Beleg auf die um 35 Prozent gestiegenen Preise im Fernverkehr seit 2003. Die Lebenshaltung sei seitdem nur um 18 Prozent gestiegen (Fahrpreisentwicklung 2003-2012).

Doch wer hat Recht? Und was war eigentlich zwischen den Jahren 2000 bis 2003 passiert? Die Deutsche Bahn stellte zum Fahrplanwechsel im Dezember 2002 das Preissystem um. Die Bahncard gewährte fortan maximal 25 statt 50 Prozent Rabatt. Gleichzeitig führte die Bahn Frühbucherrabatte ein, die bis zu 40 Prozent Rabatt versprachen, wenn sich ein Kunde eine Woche vorher auf eine Zugbindung einließ. Doch es hagelte Kritik von Verbraucherschätzern und im ersten Quartal 2003 brach der Umsatz im Fernverkehr ein. Im August 2003 kehrte die Deutsche Bahn zu ihrem alten Modell zurück.

Die Statistik der Linken-Fraktion dürfte daher die Preisentwicklung im Fernverkehr etwas verzerren, da sie als Basis die Preise des Jahres 2003 gewählt hat. Besser scheint dagegen ein Vergleich der Preise ab 2000, da die Systeme damals und heute besser miteinander vergleichbar sind.

» 26.09.2012, 18:17

    4 Kommentare zu “Deutsche Bahn: Abzocke oder Bescheidenheit?”


  1. Zweifler sagt:

    Danke für den Vergleich der Statistiken. Ich denke die Wahrheit liegt dazwischen.

    Die DB erhöht das Preisniveau beispielsweise auch, indem sie die Zahl der verfügbaren Sparpreise auf gut nachgefragten Strecken reduziert. Wenn dann im Gegenzug auf weniger nachgefragten Strecken mehr Sparpreise auftauchen, nützt das den meisten Kunden nicht. Im Ergebnis erzielt die DB trotzdem höhere Erlöse, und die Fahrgäste zahlen höhere Preise – das taucht auch in keiner Statistik auf.

    Zweiter Punkt: für Bahncard-Besitzer addieren sich jeweils die Preiserhöhungen von Bahncard und Fahrkarte. Das trifft auch eher die Stammkunden.

    Dritter Punkt: Ganz schlimm war m.E. die Verteuerung der Online-Reservierung im letzten Jahr. Einerseits möchte man, dass die Kunden reservieren, andererseits erzieht die Preispolitik der DB die Fahrgäste zum Gegenteil. Entsprechend sieht es freitags und sonntags in den Fernzügen aus.

    Dazu kommt noch, dass die DB in den letzten 10 bis 12 Jahren Konditionen für Mitfahrer drastisch verschärft hat, dass Länder- und Schönes-Wochenende-Ticket stärker im Preis stiegen und ein neues Preissystem bekamen, dass auf einigen Strecken Intercitys durch teuerere ICEs ersetzt wurden.

    Und – vorsichtig gesagt – wurde auch der Service nicht überall besser. Es gibt Bahnhöfe, da müsste man eigentlich als Kunde Geld bekommen dafür, dass man sie als Zugang zum System Bahn benutzt.

  2. Spökenkieker sagt:

    Ich denke auch, dass die Statistik der Linken hier den Kern der Sache eher trifft. Die Sparpreise gibt es zwar theoretisch, aber das Kontingent wird stetig reduziert (das hatten Verbraucherschützer schon vor Jahren untersucht und heftig kritisiert), und außerdem funktionieren sie nicht für jeden. Dazu kommen auch die versteckten Erhöhungen für BahnCards, Reservierungen etc., die das Handelsblatt gar nicht betrachtet. Hier gibt es übrigens noch eine gute Vergleichsgrafik, die das alles gemeinsam in Betracht zieht – und beispielsweise auf Reservierungs-Preissteigerungen von über 100% kommt!
    http://www.bahn-fuer-alle.de/pages/pressemitteilungen/2012/weniger-leistung-fuer-mehr-geld.php

    Das schlimmste finde ich aber, dass trotz der gestiegenden Preise der Service bei der DB immer schlechter wird. Deswegen sind die Preiserhöhungen für mich mehr als unangemessen. Ich denke aber, dass man das nicht nur der DB in die Schuhe schieben darf, sondern dass hier vor allem auch die Politik gefragt ist. Im intermodalen Wettbewerb ist die Bahn erheblich benachteiligt, während die unökologischeren Alternativen Auto- und Flugverkehr heftig subventioniert werden. Ich denke auch, dass die Vorgabe an die DB, dass sie Profit erwirtschaften solle (der am Ende sowieso keiner ist, wenn man die Bezuschussung dagegenrechnet), völlig verfehlt ist. Stattdessen sollte man der DB Vorgaben machen, wie die Schweiz es mit den SBB tut: Organisiert diesen Verkehr in solcher Qualität in diesem Kostenrahmen. Das scheint gut zu funktionieen.

  3. Christian Schlesiger sagt:

    Den Hinweis von Zweifler finde ich absolut berechtigt. Die Deutsche Bahn hat zwar angekündigt, einen Ausbau des eigenen Fernbusliniengeschäfts nicht weiter zu verfolgen. Aber sie könnte Bahncard, City-Tickets etc. nutzen, um gute Preise anzubieten. Auf keinen Fall wird sie tatenlos zusehen, wie Bus-Konkurrenten Marktanteile gewinnen…

  4. Rüdiger Berger sagt:

    Hier muss doch auch einmal berücksichtigt werden, dass die Bahn die Tarife für ein Produkt erhöht und gleichzeitg fortwährend die dafür erbrachten Leistungen verringert.

    Als Pendler im Fernverkehr kann ich hier nur auf die immer öfter auftetenden Verspätungen im IC Verkehr verweisen, defekte Wagen, verschmutzte Züge etc.

    Von daher habe ich als Vielfahrer der Bahn, der aber auf die Bahn angewiesen ist, da kein Führerschein, überhaupt kein Verständnis für die Preiserhöhung, zumal diese auch kontraproduktiv ist, will man mehr Autofahrer auf die Schienbe holen.