Für die Deutsche Bahn ist die S-Bahn in Berlin ein Millionenfiasko, für die Bürger der Stadt ein Trauerspiel – und für Siemens möglicherweise ein Glücksfall. Denn der Münchener Konzern bewirbt sich um den Bau von S-Bahn-Zügen. Die S-Bahn sei wegen der vielen Pannen in den vergangenen Jahren „ein brisantes Thema“, sagte Hans-Jörg Grundmann, Chef der Sparte Rail Systems, gestern vor Journalisten. Siemens wolle sich daher „aktiv in den Ausschreibungsprozess der S-Bahn einbringen.“
Der Konzern aus München will dazu mit dem mittelständischen Zughersteller Stadler aus der Schweiz kooperieren. „Wir wollen gemeinsam mit Stadler Züge anbieten“, so Grundmann. Beide Unternehmen würden auch schon gut bei anderen Projekten zusammen arbeiten. In Berlin steht derzeit die Ausschreibung des Berliner S-Bahn-Ringes aus. Rund 400 Züge fahren im Kreis um die Hauptstadt herum. Die Ausschreibungsunterlagen werden für November erwartet.
Siemens zielt somit auf einen Großauftrag, der „stellvertretend für viele europäische Metropolen“ stehe, in denen bisherige Nahverkehrsflotten ersetzt würden, so Grundmann. Wie viele S-Bahn-Züge neu angeschafft werden sollen, steht allerdings noch nicht fest. Ein Zug kostet geschätzt rund zehn Millionen Euro. Bei 100 Neufahrzeugen könnte sich der Auftrag auf eine Milliarde Euro belaufen. Vermutlich würde Siemens die Elektronik, Fahrgestelle und Motoren liefern. Stadler könnte die Fahrzeuge bauen.
Doch noch ist nicht einmal klar, wer die Züge kaufen und finanzieren wird. In der Regel beauftragt die Stadt Berlin ein Unternehmen wie die Deutsche Bahn zum Betrieb der S-Bahnen. Die Bahn entscheidet dann, welchen Zughersteller sie beauftragt. Auch Bombardier, die vor vielen Jahrzehnten die derzeit fahrenden S-Bahnen geliefert hat, hat Interesse an dem Auftrag. Möglich sind auch neue Finanzierungsmodelle, um kleinere Eisenbahnbetreiber in die Ausschreibung mit einzubeziehen, die sich den hohen Finanzaufwand nicht leisten können. Dann würde etwa Berlin die Züge direkt bestellen und an den Betreiber weiter vermieten.
Neben dem Bau schielt Siemens vor allem auf einen langjährigen Serviceauftrag. „Wir werden uns auch Gedanken machen zu einem Wartungsangebot“, sagt Grundmann. Siemens will das Geschäft mit der Wartung stark ausbauen. Der Weltmarkt umfasst derzeit mehr als 25 Milliarden Euro, doch nur 20 Prozent davon übernehmen die Zughersteller in Eigenregie.










