Franck Gervais leitet seit rund einem Jahr das Eisenbahnverkehrsunternehmen Thalys. Das Joint Venture von französischer Staatsbahn SNCF, belgischer SNCB und Deutsche Bahn erwirtschaftete 2011 insgesamt 470 Millionen Euro. Neue Kooperationen und bessere Verbindungen sollen Wachstum bringen.
Herr Gervais, der Thalys verbindet die Städte Köln und Paris fünf Mal täglich. Seit August vergangenen Jahres starten Sie auch einmal pro Tag ab Essen. Wie laufen die Buchungen?
Wir sind sehr zufrieden. Auf der Strecke von Deutschland über Brüssel nach Paris fahren monatlich etwa 50.000 Reisende in beide Richtungen. Wir haben in diesem Jahr 3,7 Prozent mehr Fahrgäste als ein Jahr zuvor. Die Erweiterung der Strecke von und nach Essen sorgt etwa für 5000 zusätzliche Bahnkunden.
Werden Sie dann bald auch Bochum und Dortmund anbinden?
Nein. Essen ist die maximale Ausdehnung ins Ruhrgebiet. Wir konzentrieren uns auf Fahrten mit Reisezeiten von im Schnitt drei bis vier, aber maximal fünf Stunden. Der Thalys-Zug ab Essen erreicht Paris in 4:47 Stunden.
Bleibt es bei einer Verbindung pro Tag ab Essen?
Nein. Wir wollen drei Mal pro Tag ab Essen nach Paris starten – morgens, mittags, abends. Parallel sollen die Züge in die andere Richtung auch drei Mal pro Tag ab Paris nach Essen fahren. Das wäre perfekt.
Woran liegt es, dass Sie die Frequenz zwischen ab Essen dann nicht einfach auf drei pro Tag erhöhen?
Wir stehen derzeit in intensiven Gesprächen mit DB Netz. Es ist nicht so einfach, die zusätzlichen Züge in den Taktfahrplan aller Eisenbahnen zu integrieren. Die Strecke zwischen Köln und Düsseldorf ist ja quasi voll. DB Netz spricht derzeit beispielsweise mit der Nahverkehrsschwester DB Regio über mögliche Anpassungen. Ich bin zuversichtlich, dass wir für Ende dieses Jahres bald weitere Verbindungen ankündigen können.
Wollen Sie es bei dem frühen Start um 5:12 Uhr ab Essen belassen?
Wir würden die Abfahrtszeit gerne nach hinten schieben. Der Start in Essen um 5:12 Uhr ist sehr früh. Und der halbstündige Zwangsaufenthalt in Köln ist überflüssig.
Thalys erwirtschaftete im vergangenen Jahr 470 Millionen Euro. Wie wichtig ist der Deutschland-Verkehr?
Die Hälfte unseres Umsatzes machen wir mit Reisenden zwischen Brüssel und Paris. Die andere Hälfte auf der Strecke zwischen Brüssel und Deutschland sowie Holland. Genaue Zahlen für Deutschland möchte ich nicht nennen, denn die Deutsche Bahn ist unser Wettbewerber und dürfte an den Zahlen interessiert sein.
Die Deutschen Bahn will sich aus dem Thalys-Joint-Venture mit den Staatsbahnen SNCF aus Frankreich und SNCB aus Belgien zurückziehen. Was bedeutet das für Thalys?
Wir werden freier in unseren Entscheidungen. Wir haben zum Beispiel im April die Rabattkarte „ThalysABO“ für 350 Euro pro Jahr eingeführt. Vielfahrer erhalten damit 40 Prozent Rabatt auf die Tickets. Das Angebot ist mit der Bahncard der Deutschen Bahn vergleichbar. Inzwischen haben 50 Leute die Karte gekauft.
Bekommen Sie nun auch freie Hand, um andere Destinationen wie Frankfurt aufzunehmen?
Theoretisch ja. Aber dafür fehlen uns die Züge. Unsere Flotte besteht aus 26 TGV, die derzeit fast voll ausgelastet sind. Und Frankfurt ist ohnehin gut an Paris angebunden. Dort fahren SNCF und Deutsche Bahn in Kooperation miteinander. Derzeit kommt das für uns nicht in Frage.
Und mittelfristig?
Ich will es nicht ausschließen. Aber ich sehe Wachstumschancen eher woanders.
Wo denn?
Wir wollen mit Fluggesellschaften enger zusammen arbeiten. Mit der indischen Jet Airways und der belgischen Brussels Airlines, einer Tochter der Lufthansa, haben wir jüngst eine Vertriebskooperation geschlossen. Fluggäste ab Paris fahren mit dem Thalys nach Brüssel und starten dort ihren Flug. Solche Kooperationen haben wir auch mit Air France/KLM und der chinesischen Fluggesellschaft Hainan.
Das soll nennenswert Wachstum bringen?
Es ist ein Teil unserer Wachstumsstrategie. Künftig werden wir auch mit Eurostar auf der Verbindung von Brüssel nach London zusammen arbeiten. Wir werden Tickets von beispielsweise von Köln nach London unter dem Namen Thalys anbieten. Für Reisende bedeutet das einen echten Mehrwert, weil sie nicht bei zwei Gesellschaften buchen müssen. Das Angebot kommt hoffentlich noch in diesem Jahr.
Thalys fährt aber nicht nach London?
Nein. Das ist viel zu kompliziert. Die Sicherheitsbestimmungen sind enorm.
Wenn Reisende zwischen Deutschland und Brüssel die Wahl zwischen einem TGV von Thalys und einem ICE der Deutschen Bahn haben, steigen die meisten lieber in den ICE. Haben Sie das richtige Produkt?
Auf jeden Fall. Die deutschen Reisenden mögen den ICE vielleicht lieber. Bei den Franzosen ist es ehr anders herum. Ich glaube, da trägt jeder ein bisschen Nationalstolz in sich. Es gibt aber auch viele deutsche Urlauber, die ihren Kurzurlaub nach Paris gerne in einem TGV beginnen, weil der mit seinen roten Sitzplätzen sehr französisch wirkt.
Sind Sie mit der Auslastung der Züge zufrieden?
Ja. Mit rund 70 Prozent sind die Züge außerordentlich gut ausgelastet. Die Deutsche Bahn liegt meines Erachtens bei 60 Prozent. Ich glaube, wir haben ein überzeugendes Produkt. Die Reisenden schätzen etwa unsere durchgehend funktionierende W-Lan-Verbindung und das Frühstück, Mittag- oder Abendessen, das jeder Reisende in der ersten Klasse am Sitz serviert bekommt und im Preis enthalten ist.











Ein Kommentar zu “Interview: Thalys-Chef Gervais will drei Mal nach Essen”
“Die deutschen Reisenden mögen den ICE vielleicht lieber.” – Da sollte man mal ins Detail gehen, dann in der Tag kann man online auf http://www.bahn.de die Thalys-Züge in der Regel gar nicht buchen, nur auf den direkten Strecken von Essen/Düsseldorf/Köln. Wenn man aber von Wuppertal nach Paris will, ist das nicht buchbar: Nicht bei http://www.thalys.com und nicht bei http://www.bahn.de. Wer bucht denn zwei getrennte Fahrkarten in zwei getrennten Systemen? Außerdem: Das Auskunfts- und Buchungstool http://www.thalys.com bietet längst nicht die Möglichkeiten, wie die Buchung eines ICE! Daran sollte Thalys mal arbeiten! Erst seit kurzem bekommt man die Preise auch angezeigt, ohne das man vorher seinen ganze privaten Daten erst eingeben muss!