» 01.02.2011, 12:39

,

Die Betondiplomatie der Lokführer

Nach außen appelliert Claus Weselsky gerne an das soziale Gewissen der Unternehmen. Dem Chef der Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GDL) gehe es darum, Lohndumping im Schienenpersonenverkehr zu verhindern. Deshalb müsse ein Branchentarifvertrag die Mindeststandards für Löhne und Arbeitsbedingungen setzen. Offiziell erkärt er das Ziel allgemeingültiger Regelungen zum Mantra der Verhandlungen.

Doch in Wahrheit geht es Weselsky um viel mehr: um den Machtausbau seiner Gewerkschaft – ohne Rücksicht auf die Nöte der Unternehmen. In den Verhandlungen sowohl mit der Deutschen Bahn als auch mit den großen sechs Wettbewerbsbahnen (auch (G6 genannt) Veolia, Keolis, Benex, Arriva/Trenitalia, Hessische Landesbahnen und Abellio zeigt sich Weselsky als kompromissloser Verhandler, der von seinen Forderungen keinen Millimeter abweicht.

So fordert Weselsky die totale Nivellierung der Löhne. Ein Lokführer bei Benex oder Veolia müsse genauso viel verdienen wie ein Lokführer bei der Deutschen Bahn. Weselsky fordert höhere Löhne, so dass alle Lokführer auf 102 Prozent des derzeitigen Niveaus bei der Deutschen Bahn kommen. Doch dabei verkennt der GDL-Chef die Realität. Der Schienenpersonennahverkehr (SPNV) funktioniert anders als etwa der Fernverkehr oder Güterverkehr: Lokführer fahren nur innerhalb einer Region zwischen nahe gelegenen Orten hin und her. Es gibt keine langen und vor allem keine internationalen Fahrten. Die Belastungen beim Fern- und Güterverkehr sind deutlich größer.

Für die Wettbewerber der Deutschen Bahn im Regionalverkehr wäre eine totale Angleichung ein erheblicher Wettbewerbsnachteil. Dies können die G6 nicht akzeptieren. Gleichzeitig sind die Unternehmen den Gewerkschaften bereits deutlich entgegen gekommen. Mit der Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (EVG) einigten sich die Unterehmen Mitte Januar bereits auf Mindestlöhne für Zugpersonal, Fahrdienstleiter und Vertriebsmitarbeiter, die ein Lohndumping verhindern, aber dennoch Luft für Wettbewerb lassen.

Es liegt die Vermutung nahe, dass es Weselsky gar nicht darum geht, sinnvolle Lösungen für die Branche zu erzielen. Die Deutsche Bahn hatte der GDL für die von ihr vertretenen rund 20.000 Lokführer Anfang der Woche ein Einkommensplus von 1,8 und 2,0 Prozent in zwei Schritten angeboten – bei einer Laufzeit von 29 Monaten. Dies hatte der Konzern für die anderen 135.000 Beschäftigten mit der EVG vor wenigen Tagen bereits vereinbart. Doch die GDL lehnte ab.

Nun wollte die Deutsche Bahn die GDL zu einem “runden Tisch“ mit Beteiligung der G6-Bahnunternehmen bewegen. Doch darauf ging Weselsky nicht ein. Im Interview mit der WirtschaftsWoche sagt er dabei kürzlich, die GDL wolle “ein einheitliches Tarifgebilde über die gesamte Republik, damit betreten wir tarifpolitisches Neuland”. Dass Weselsky bei diesem neuen Thema aber neue Lösungswege ausschließt, spricht Bände.

Die Betondiplomatie des GDL-Vorsitzenden hat auch andere Gründe. Mit der Konkurrrenzgewerkschaft EVG ist Weselsky heillos zerstritten. Ziel des GDL-Vorsitzenden ist es, der EVG weiter Mitglieder abzujagen. Die GDL vertritt rund 70 bis 80 Prozent aller Lokführer in Deutschland — da ist noch Potenzial.

Die Signale stehen nun auf Streik. Die GDL wird am Donnerstag über weitere Maßnahmen beraten. Der lange Ausstand von 2007/2008, als die Lokführer für einen eigenen Tarifvertrag gekämpft hatten, gilt den Gewerkschaftern als Maßstab. Die Fahrgäste werden sich nach dem Winterchaos auf der Schiene auf einen wochenlangen Arbeitskampf einstellen müssen.

» 01.02.2011, 12:39

    10 Kommentare zu “Die Betondiplomatie der Lokführer”


  1. Rainer Balcerowiak sagt:

    1.) Die GDL hat mit Bahn AG und EVG (vormals Transnet) 2008 einen Grundlagenvertrag abgeschlossen, der ihnen die Tarifhoheit für die Lokführer in dem Konzern zusichert. Davon macht sie jetzt natürlich Gebrauch
    2.) Bis Anfang der 1990er Jahre wurden Lokführer verbeamtet und hatten kein Streukrecht. Jetzt sind sie Angestellte und dürfen die Arbeit nierderlegen. Wer A sagt, muss auch B sagen.

  2. Pedro sagt:

    Lokführer sind doch für die Verantwortung und Belastung ziemlich unterbezahlt.
    Nur weil die Leute scheinbar mehr Angst vom Fliegen haben bekommen Piloten so viel mehr….

  3. Es geht NICHT um mehr Lohn sagt:

    Wer mit dem Vergleich zu 2007/2008 denkt, dass es den GDL Mitgliedern um Lohnprozente geht, der fährt auf dem falschen Gleis. BDA und DGB haben in Zusammenarbeit mit der Bundesregierung längst die Eliminierung der GDL und anderen Spartengewerkschaften beschlossen und warten scheinbar nur noch darauf, dass die GDL ihr mit einem berechtigten Streik den Anlass zum gesetzlichen und gerichtlichen Todesstoß gibt. Warten wir ab, wer diesen Machtkampf gewinnen wird, wo die GDL unter der Bevölkerung als Vorbild einer wünschenswerten kämpferischen Gewerkschaft für alle Beschäftigten gilt.

  4. Traindriver sagt:

    Lieber Redakteur Christian Schlesiger,
    ich möchte mal eines ganz klar stellen, unser Gewerkschafts- Vorsitzender Herr Weselsky macht nicht das was er will – sondern das, was jeder von uns Lokführern schon lange fordert ! Kein Wettbewerb soll nirgends mehr – und schon gar nicht hier in Deutschland – auf unserem Rücken ausgetragen werden !!!

  5. @Traindriver sagt:

    Hallo Traindriver,
    es ist Ihr gutes Recht, für gleiche Arbeitsbedingungen und Löhne zu kämpfen. Ich halte es aber für den falschen Weg, einen runden Tisch von vorne herein auszuschließen. M.E. steckt dahinter eine klare Botschaft: Die GDL tut mehr für die Lokführer als die EVG. Dieser Machtkampf geht auf Kosten der Unternehmen und Fahrgäste…
    Gruß,
    CS

  6. Train-Spotting sagt:

    Letzter Kommentar war von Train-Spotting. Sorry für die Verwirrung!
    Gruß,
    Christian Schlesiger

  7. Traindriver sagt:

    Das ständige Gejammere der Unternehmen kann wirklich – bei allem Mitgefühl – keiner mehr nachvollziehen. Da stehen wir wohl, lieber CS, auf zwei verschiedenen Seiten !
    Die Fahrgäste, und das kann ich mit 100 % Sicherheit auch für meine Kollegen sagen, tun mir unendlich Leid, aber so ist das nun mal, wie schon Rainer Balcerowiak schrieb -wer A sagt – muss auch B sagen, die Bahnreform wollten ja andere !!!

  8. Serious Sam sagt:

    Hallo Herr Weselsky, zum wiederholten Mal verursachen Sie mir und meiner Familie erhebliche Probleme, weil unangekündigt im Stuttgarter S-Bahn-Verkehr gestreikt wird. Nicht der Streik an sich, der gehört nunmal zum Ritual. Aber nicht rechtzeitig Bescheid zu sagen, wo und wann er stattfinden wird, das ist ein unanständiges Verhalten gegenüber den Kunden.

    Wir werden daher, zusammen mit anderen Betroffenen, nach Möglichkeiten suchen -und die auch finden- vermehrt andere Transportmöglichkeiten zu nutzen. Denn wir wollen nicht mehr der Willkür Ihrer Gewerkschaft ausgeliefert sein.

    Auf unsere finanziellen Beiträge zur Finanzierung der Lokführergehälter müssen Sie dann natürlich verzichten. Ich hoffe auf Ihr Verständnis. Denn wenn Sie uns sozusagen vor der Tür sitzen lassen, dann bleibt uns nichts anderes, als die dauerhafte Bestreikung der Bahnen.

  9. Chris sagt:

    Die GDL möchte sich auf diesem Wege doch lediglich notwendige Konkurrenz vom Leib halten und Wettbewerber der Deutschen Bahn kaputt bekommen. Klares Schmarotzertum einer Berufsgruppe zulasten von Neueinsteigern. Lohndumping darf es nicht geben, aber den unkündbaren Bahn Lokführern muss klar sein, dass es andere gibt, die auch für etwas weniger Geld zu arbeiten bereit sind.

  10. Prossliner sagt:

    Vollbeschäftigung bei gleichem Lohn, das gab es schon einmal — im ägyprischen Sklavenstaat. Hauptsache für die Gewerkschaften: Es gibt keinen “Arbsitsmarkt” … Zum Knochenkotzen.