Meine Frau war deutlich: „Wenn das nochmal passiert, verbiete ich dir den Sport.“ Ich war sauer. Eine Woche lang. Das war 2010. Ich habe geschimpft, geflucht und bei jeder Gelegenheit meinem Ärger Luft gemacht. Unerträglich wäre noch eine nette Umschreibung meiner Laune.
Was war passiert? Mein Schweinehund hat mit zwei Leberhaken meinen Sportsgeist ausgeknockt. Es war bei dem herrlichen Jedermann-Radrennen Cyclassics in Hamburg. Zum zweiten Mal wollte ich auf der längsten Distanz von 155 Kilometer starten, auf der Rückreise vom Urlaub an der Ostsee. Ein schöner Abschluss des Urlaubs sollte es sein. Ich wusste – ich kann das, es galt, die Zeit zu verbessern. Nach 105 Kilometer – der mittleren Distanz – gab ich auf. Langsam rollend bog ich ab zur Ziellinie, statt mich rechts einzuordnen für die Schleife an der Elbchaussee. Meine Eltern, die mich nach der Aufgabe später mit in Empfang nahmen, erinnern noch heute gut, dass sie mich schon höflicher erlebt hatten.
Die Schuldigen waren schnell gefunden. Bis Kilometer zwanzig war ich in bereits sieben Störungen geraten. Stürze, die das Feld abbremsten, ich hing im Pulk, verlor den Anschluss und meine Beine wollten nicht so recht, als sie allein im Wind fahren sollten. Meine Moral war am Boden, es war klar, dass eine Bestzeit schon ausgeschlossen ist. Von hinten rasten die Starter aus den späteren Blöcken an, deren Tempo hätte ich vielleicht mitgehen können – wenn ich auch nur noch den Funken Anstand gehabt hätte, mich mal anzustrengen. Ich habe sie ziehen lassen, mich dem Frust ergeben und bemitleidet.
Die Woche Ärger galt aber nicht den Störungen. Denn auf der S
uche nach dem wahren Schuldigen wurde ich schnell fündig: Ich selbst. Denn unmittelbar vor dem Rennen nutzte ich exakt keinen der 14 Tage Urlaub an der Ostsee, um das Rennrad zum Training zu benutzen. Ich war faul. Schön grillen, abhängen, die anstrengendste körperliche Tätigkeit blieb es, das Rad aufs Dach zu laden. Das schlechte Gewissen hatte ich niedergerungen, es war schließlich Urlaub. Ausreden zu finden ist das leichteste für jeden gut geschulten inneren Schweinehund.
Gerächt hat es sich beim Radrennen. Und bezahlt habe ich mit schlechter Laune für gut sieben Tage.
Die Lehren, die ich für mich daraus zog, sind einfach.
– Urlaub ist Urlaub – kein Trainingslager. Der Autor Ulf Fischer beschreibt in seinem lesenswerten Buch „Einmal im Leben Langdistanz-Triathlon“ genau das gleiche: Wettbewerb vor Augen, im Urlaub schlunzen – Aufgabe. Den nächsten Versuch hat er nicht nach einen Urlaub gelegt. Und erfolgreich geschafft.
– Was auch immer passiert – wenn ich sicher bin, genug für mein Ziel getan zu haben, den Schweinehund in der Vorbereitung nicht zum Atmen kommen zu lassen – dann besteht beim Wettbewerb kein Risiko. Sollte ich scheitern, sind vielleicht wirklich die Umstände schuld. Dann heißt es – aufstehen, weitermachen.
Und meine Frau muss meine miese Laune nicht ertragen.

